| Salzburger Nachrichten am 17. November 2005 - Bereich: Kultur
Musterprozess um Kunstraub Getty-Kuratorin angeklagt
- Machenschaften im internationalen Kunsthandel
ROM (SN, APA). Die Justizbehörden in Rom haben am Mittwoch ihren
Prozess gegen eine frühere Kuratorin der Getty-Kunst-Kollektionen
fortgesetzt. Nach den Worten von Kulturminister Rocco Buttiglione sollen
damit "Plünderungen" italienischer Kunstschätze rückgängig gemacht
werden. Hauptangeklagte in dem Prozess ist Marion True, die ehemalige Kuratorin
des Getty-Museums in Los Angeles. Ihr wird vorgehalten, über Jahre hinweg
42 antike Kunstwerke im Wert von 20 Mill. Dollar gekauft zu haben, obwohl
sie gewusst habe, dass diese aus illegalen Grabungen stammten. Es handelt
sich um Vasen, Amphoren und Skulpturen, die vor allem aus Raubgrabungen um
Neapel stammten. Zudem ist ein in der Schweiz lebender Kunsthändler mitangeklagt.
Aufgeflogen war der Handel 1995. Im Gegensatz zu ihrem Mitangeklagten, dem
Kunsthändler Robert Hecht, erschien True bei dem Gerichtstermin. 200
Zeugen sind geladen, darunter Kunstexperten und Museumskuratoren. Nach den Ermittlungen wurde ein Teil des Handels mit Antiquitäten über
ein Schweizer Büro des Galeristen Giacomo Medici abgewickelt, der im
vergangenen Jahr zu zehn Jahren Gefängnis und zehn Mill. Dollar Geldstrafe
verurteilt wurde.Hoffen auf einen Abschreckungseffekt Die italienische
Justiz verspricht sich von dem Prozess in Rom einen Abschreckungseffekt
und die Möglichkeit zur Rückforderung von hunderten Kunstwerken weltweit.
Nach Ansicht des Außenministeriums in Rom handelt es sich um einen
"Musterprozess", der den Handel mit archäologischen Kulturgütern
hinterfragen könne. Dieser Handel spiele sich in einer sowohl rechtlichen
wie auch ethischen Grauzone ab. Im Ministerium hofft man, der Prozess
sensibilisiere die Öffentlichkeit für dubiose Praktiken von Museen. Unter
anderem werden etwa Vasen, die heil ausgegraben werden, zerschlagen, weil
die Einzelteile Gewinn bringender verkauft werden könnten. Darüber hinaus
hätten Verbrecher- und Terrororganisationen den Kunsthandel benutzt, um
Geld zu waschen. "Was dem italienischen Volk gehört, muss ihm zurückgegeben werden",
hatte Kulturminister Buttiglione vergangene Woche gesagt, als das
Getty-Museum drei Kunstwerke zurückgegeben hatte. Erstmals wurden von dem
Museum in Los Angeles schon 1999 einige geraubte Kunstwerke an Italien
zurückgegeben. |