MARTIN BEHR
GRAZ (SN). So gut getarnt war das Grazer Museum der Wahrnehmung (MUWA) noch nie: Seit Mittwochmittag ist das einst als Tröpferlbad genutzte Gebäude von 30 Tarnnetzen eingehüllt. Zehn Soldaten des österreichischen Bundesheeres haben im Auftrag des deutschen Konzeptkünstlers Timm Ulrichs diese monumentale optische Tarnkappe angebracht.
Sie ist Teil des bis 31. Jänner geöffneten Ausstellungsprojektes "Camouflage - Zwischen Täuschung und Enttäuschung". Der 67-jährige, in Berlin geborene Timm Ulrichs ist Bildhauer, Grafiker, Dichter, Performer, Fotograf, Akademieprofessor und noch einiges mehr, bezeichnet sich selbst als "Totalkünstler". Für eine dem Themenkreis Tarnung, Täuschung und Irreführung gewidmete Ausstellung im Grazer MUWA kooperiert der Teilnehmer der legendären "documenta 6" in Kassel mit dem Bundesheer. Soldaten des Jägerbataillon 17 aus Strass haben ein 400 Quadratmeter großes Tarnnetz über das Museumsgebäude gestülpt.
Timm Ulrichs, der in Hannover eine "Werbezentrale für Totalkunst" betreibt, beschäftigt sich seit den 60er Jahren mit Tarnfarben und Tarnmustern: "Sie versuchen, realistisch-naturalistisch etwas präzis nachzuahmen, gewinnen aber, aus dem Kontext gelöst, eine eigenständige Struktur, die an Stilismen der Malerei erinnert." "Military-Look" ist in der Mode nach wie vor ein Trend, die vom Militär verwendeten Tarnmuster gelten im Zeitalter von infrarot-thermografischen Kameras als fast schon nostalgisch anmutende Relikte einer in die Jahre gekommenen Kriegsführung. Das Auftreten in Tarnuniformen sei Teil einer psychologischen Kriegsführung "auch gegen die eigenen Truppen", erläutert Timm Ulrichs. "Die Soldaten sollen sich in Sicherheit wähnen und dadurch erhöhte Kampfbereitschaft zeigen."
Ulrichs betreibt Kunst der ironischen Täuschung Wenn Timm Ulrichs sich der Strategie des vorgeblichen "Unsichtbarmachens" in seiner Arbeit bedient, verweisen die militärischen Versatzstücke auf eine Kunst der ironischen Täuschung. Die Objekte, im konkreten Fall, das Grazer MUWA, verschwinden durch den aus künstlichem Blattwerk in unterschiedlichen Grüntönen gebildeten Schutzmantel nicht, sondern werden zum Aufsehen erregender Augenreiz. "Das ist eine Paradoxie", sagt Timm Ulrichs.
Im Inneren des Museums setzt sich das Spiel mit der Wahrnehmung fort, Timm Ulrichs tarnt einen Globus, präsentiert die "Erde als unbekanntes Flugobjekt", zeigt, wie Schachfiguren in Kriegsbemalung aussehen können ("Mit Kriegslist und Tücke") und wendet die Technik des militärischen Verdeckens auch auf ein Gemälde von Édouard Manet an: "Das getarnte Frühstück im Grünen I". Und wenn Hunderte Spielzeugsoldaten auf dem Boden robben, spricht der Deutsche von einem "Wimmelbild", das "Kriegsschauplatz" heißt.
Die im MUWA gezeigten Arbeiten stammen aus vier Jahrzehnten, reichen von Mitte der 60er Jahre ("Zebra-Streifen-Raum") bis in die Gegenwart. Laut Timm Ulrichs bestünden zwischen den Formen der Tarnmuster und der jeweiligen Kunstentwicklung "eigentümliche Parallelen": "Im Ersten Weltkrieg erinnerten sie frappant an den Kubismus, in den 50er Jahren gab es tachistische Tarnmotive", erläutert der Künstler im SN-Gespräch.
Arbeiten von Timm Ulrichs sind unter dem Motto "Bunte Mischung" auch in der Werkstadt Graz zu sehen. Diese bis 29. November geöffnete Schau vereint ältere Editionen wie den "Glückswürfel" oder die "Ich kann keine Kunst mehr sehen!"-Anstecker mit neuen Fotografien wie etwa "Versunkenes Dorf". Nahe der Münchner Allianz-Arena in Fröttmaning ließ Timm Ulrichs im öffentlichen Raum eine Kirche aus Beton nachbauen und in der Wiese versinken.






