Es ist sehr unhöflich, jemanden ständig anzustarren, auch wenn das Gegenüber neonblau-pinken Lidschatten, Perlenohrringe, lange rote Fingernägel, Highheels und dazu eine astreine Glatze trägt. Wenn Eva & Adele einen Raum betreten, geht die Sonne auf, und das nicht nur, weil sie so schräg aussehen, sondern weil sie buchstäblich leuchten – jede Einzelheit dieser fremden Wesen möchte man genauer betrachten und erforschen. Und zu diesem Zweck entpuppt sich das Performancepärchen „ohne Vergangenheit“ und „aus der Zukunft“ auch als besonders geduldig und liebenswürdig. Eva & Adele sind gekommen, um vorgefertigte Paradigmen von Geschlecht und Identität, die Rolle von Künstler und Werk, die Unterscheidung von Leben und Kunst, Öffentlichkeit und Privatheit zu hinterfragen. „Over the Boundaries of Gender“ und „Wherever we are is museum“ sind zwei ihrer seit fast 20 Jahren konsequent gelebten Kunstkonzepte.
Eva & Adele sind nicht
nur fixer Bestandteil zahlreicher internationaler Kunstevents, mehr
noch, ihre Show endet nicht, wenn der Vorhang fällt, denn ihr gesamtes
Leben ist das Kunstwerk: Eva & Adele, 24 Stunden am Tag, 365 Tage
im Jahr.
Ich habe mir als Kind immer gewünscht, dass es
„mehr von allem“ gibt: zusätzliche Elemente, mehr Wetterlagen und auch
mehr Geschlechter als zwei.
Ja, es gibt eindeutig viel zu wenig. Ich hatte das Glück, schon als Kind mit Künstlern und Kunst konfrontiert zu werden und es kam dann auch sehr schnell der Wunsch, selbst Künstler zu werden, denn ich habe mir damals gedacht, Künstler sind weder Mann noch Frau, die haben ein eigenes Geschlecht. Daran glaube ich bis heute.
Sie kommen aus der Zukunft – sehr viele Utopien scheint es aktuell nicht zu geben. Trauen sich die Leute nichts mehr Größeres zu als ihren Alltag?
Unsere Erscheinung ist eine ästhetische Subversion gegen die Realität. Das ist jetzt schön abstrakt gesagt, aber dann wird es plötzlich unheimlich realistisch, wenn wir etwa mit unserem Camper durch die Welt reisen. Mit dem sind wir fast eine Viertelmillion Kilometer gereist, im vollen Make-up und Kostüm. Und da passiert natürlich einiges. Reifendruckmessung an einer Tankstelle zum Beispiel, das ist toll. Wir zwei knien dann an den Reifen und müssen auch immer versuchen, das Ganze elegant zu machen. Es ist so, als wären wir auf der Bühne – alle Scheinwerfer auf uns – wir wissen ja nie, ob wir beobachtet werden, wir sind ununterbrochen in unserer Lebensrolle. Wir stellen schon oft fest, dass unsere Gegenwart eine ganz bestimmte Atmosphäre in einen Raum hineinbringt. Es ist auch eine Art künstlerische Absicht, in die Alltagswelt der anderen eine Kunstwelt hineinzuprojizieren – noch dazu, wenn die anderen nichts davon wissen.
„Wherever we are is museum“ – warum operieren Sie mit einem so konservativ konnotierten Begriff wie Museum?
Museum kommt ja von „Museion“, und das hat mehr mit den „Musen“ zu tun. Ich glaube, um den Menschen etwas zu eröffnen, etwas Unglaubliches, das weit weg ist vom scheinbaren Alltag, muss man gleichzeitig auch wieder mit vier Beinen im Alltag verankert sein, damit es funktioniert. Ich glaube sogar, dass man so einen Begriff wie Museum verwenden muss, um ihn anzuzweifeln.
Obwohl die zeitgenössische Kunst ständig „Freiheit“ suggerieren will, gibt es ein großes Bedürfnis nach einer klaren Zuordenbarkeit jeder Position. Es scheint, als ob Ihre Arbeit kunsttheoretisch mittlerweile völlig erfasst ist.
So klar ist das dann auch wieder nicht. Es gab zum Beispiel ein sehr wichtiges Buch im Jahre 2005 über Performancekunst, und da sind wir nicht drin. Wir sind in vielen Zusammenhängen nicht erwähnt, wir werden zum Teil „weggelobt“ – einer der krassesten Ausdrücke war eine Schlagzeile aus 1997: „Eva und Adele sind berühmt fürs Berühmtsein.“ Dieser Eindruck entstand auch, weil wir zu Beginn unserer Arbeit bewusst weder den Begriff Performance noch Museum benutzt haben und das hat so viel Irritation erzeugt, dass wir dann von vielen in der Rezeption gleich gar nicht angefasst wurden.
Ich nehme an, Ihre Begegnungen im Alltag können zum Teil sehr unterschiedlich ausfallen?
Die Reaktionen sind so vielfältig wie die Menschheit selbst. Gerade vor zwei Tagen sind wir mit der U-Bahn gefahren, wir mussten von ganz weit draußen am Stadtrand Berlins zum Potsdamer Platz. Und es war erst sehr gemütlich und plötzlich kamen fünf kräftige, coole türkische Jugendliche rein. Wir haben uns gedacht: „Oje“. Aber es war phänomenal, sie haben den ganzen U-Bahnwaggon ignoriert, haben sich uns gegenübergesetzt und sich verhalten wie Bodyguards, ja, uns richtig beschützt. Und wir haben vorsichtshalber zuerst mal unsere Handtäschchen fester gehalten. Es war total irre. Es ist alles möglich. Andersrum, im berühmten East of London hat man uns mit Mord gedroht. „Go out of our street or we kill you.“ Also da muss man schon hellwach sein und schauen, dass man nicht Aggressionen züchtet. Wir wollten von Anfang an nie in eine Minderheiten-Opferrolle kommen.
Begegnen Sie Aggression mit einer Strategie?
Also im schlimmsten Fall mit dem, was man als Künstler zur Verfügung hat – wir zeigen unsere eigene Wahrheit. Wir halten unsere Kunst quasi wie auf einem Tablett hin und sehen den anderen tief in die Augen. Bloß nicht flüchten und sich richtig der Aggression und der Kommunikation stellen. Ganz bewusst hingehen und sagen: „Hier bin ich, was wollt ihr.“ Auf diesen Mut reagieren alle.
Hat sich in den letzten Jahren in Bezug auf Offenheit für Sie etwas zum Positiven verändert?
Es
hat sich sehr viel getan, eine neue Generation ist herangewachsen, die
uns ganz anders aufnimmt. Und es gibt nach wie vor ein paar
Resistentlinge – wir sagen einfach Oldies –, die haben in 15 Jahren
nichts dazugelernt. Aber bei den jungen Leuten ist das fantastisch, die
sind heute viel offener. Und das ist auch das Aufregende an unserer
Arbeit, dass wir diese ständige Veränderung mit-erleben und auch
mitkonstruieren. Ich glaube schon, dass auch durch unsere Anwesenheit
und durch dieses Penetrante und das Wiederholen unserer Erscheinung
sich auch gesellschaftlich einiges verändert hat. Eben auch durch die
Verbreitung unseres Bildes in Medien, sodass wir heute als Symbol für
diese Grenzüberschreitung der Geschlechter und für
diese Offenheit schlichtweg stehen.
Sie gehören ja mittlerweile zu den meistfotografierten Kunstfiguren.
Die Medien haben mit oder für uns gearbeitet. Durch die Verbreitung unseres Bildes wurde eine Bresche geschlagen durch das Dickicht. Es ist in gefährlichen Situationen passiert, dass einer gesagt hat: „Hey, die kenn ich aus dem Fernsehen“, und die Situation hat sich komplett umgedreht. Die Medien haben für uns den Schutz übernommen, den Museen für Werke übernehmen. Und das völlig ohne Absprache.
In der Kunst hat man eine radikale Idee und nach einer gewissen Zeit kann es passieren, dass man selber zu einer Art dekorativem Element wird ...
Ja, sicher. Wir hören schon oft, „die passen hier so gut dazu“. Inwieweit das dann oberflächlich ist, das wäre auch noch zu überprüfen. Aber im Grunde ist es für uns nicht so wahnsinnig wichtig, ob uns Honig um den Mund geschmiert wird oder ob wir quasi gehasst werden, wir ziehen unser Werk durch. Dieses „Honig um den Mund Schmieren“ halte ich sogar für unseriös in der Kunstwelt. Uns sind sogar die offenen Feinde lieber, ja.
Sie haben Ihr „Lächeln“ zum Prinzip erhoben.
Unser Lächeln ist ein Werk. Diese Offenheit, gepaart mit Freundlichkeit und Distanziertheit ist Absicht. Die Entscheidung haben wir früh getroffen: Eine positive Ausstrahlung zu haben, nicht ein negativer Spiegel der anderen zu sein. Es gibt so viele Leute, die manchmal wirklich ihren Mülleimer vor dir ausschütten. Dann musst du strikt sein und das von dir fernhalten, denn wir sind einfach da, setzen dieses Freundlichsein und das Strahlen in einen Raum und that’s it.
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