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Ausstellung: Jeanne d'Arc vor der Inquisition

05.09.2010 | 18:40 | SABINE B.VOGEL (Die Presse)

Ana Torfs befasst sich in ihren scheinbar idyllischen Installationen mit Gewalt und Unrecht in Europas Geschichte. Derzeit in der Generali Foundation.

Am westlichen Rand der Erde, wo die bekannte Welt endete, lag Elysium, die Insel des Glücks. Hier konnten sich die Seelen von ihren irdischen Mühen erholen, die in der Gunst der Götter standen – das zumindest glaubten die Menschen in früheren Zeiten. Einige Jahrhunderte später erhielten die Kanarischen Inseln eine neue Zuschreibung, als Christoph Kolumbus dort eine letzte Zwischenstation machte, bevor er 1492 zu seinen Entdeckungsreisen aufbrach. Heute sind sie bekannt als beliebtes Tourismusziel und Ort täglicher Flüchtlingsdramen. All diese Facetten greift die belgische Künstlerin Ana Torfs in den Fotografien ihrer „Legend“-Serie auf. Wie durch ein Teleskop sehen wir idyllische Landschaftsausschnitte, darunter lesen wir historische, politische und ökonomische Fakten – ausschnitthaft, denn das Ganze können wir nie in den Blick nehmen.

„Legend“ ist eine der zehn Installationen, die Ana Torfs in der Generali Foundation zeigt. So poetisch viele ihrer Werke auf den ersten Blick erscheinen, so tiefgründig bis grausam erweisen sie sich beim zweiten Blick. Denn Torfs verführt uns mit so harmlosen Bildmotiven wie Landschaften, Blumen und Porträts zu einer Reise durch Orte und Zeiten eines Europa, das geprägt ist von Unrecht und Gewalt. Ihre Arbeitsmethode basiert auf Überlagerungen und Vernetzungen, in denen die Trennung zwischen gestern und heute aufgehoben ist. Auf ihrer Suche nach der Wahrheit reizt sie gern die Spannung zwischen Bildern und Texten aus.

 

Aufarbeitung der Kolonialgeschichte

Ähnlich wie „Legend“ führt uns auch „Family Plot“ weit in die Vergangenheit. Auf 25 Fotografien bzw. Collagen zeichnet Torfs die Geschichte des westlichen Imperialismus anhand unserer Bezeichnungen von Pflanzen nach. Ohne Rücksicht auf einheimische Namen nannte der Botaniker Hermann Wendland eine Palme „Washingtonia robusta Wendl“ als Hommage an den verehrten US-Präsidenten. Das Mahagonigewächs „Swietenia“ ist nach Gerard van Swieten, dem österreichischen Leibarzt Maria Theresias, benannt; und Blighia sapida, auch Akipflaume genannt, ehrt den britischen Seeoffizier und Captain der Bounty, William Bligh, der diese Pflanze als billige Nahrung für Sklaven in die Karibik brachte. Torfs kombiniert Fotografien der Botaniker mit den Namenspatronen, legt darüber das Bild der Pflanze und fügt Weltkarten, Details zur botanischen Herkunft und zum kulturellen Kontexte hinzu. Dank der vielen Bezüge kommen wir so in nahezu jede Region der Erdkugel und folgen einer ungeheuer spannenden Aufarbeitung der Kolonialgeschichte.

Am berührendsten ist „Du mentir-faux“, was mit „Doppellügen“ übersetzt werden kann. In Großaufnahme sehen wir eine Frau mit strengem Pagenschnitt. „Befragt, ob sie Frauenkleidung wollte“, „Befragt, ob Gott die Engländer hasse“ lesen wir auf den dazwischen eingeblendeten Textdias. Es sind Passagen aus Jeanne d'Arcs Inquisitionsprozess von 1431. Ihre Antworten hören wir nicht. Den Ausgang des Prozesses kennen wir aus der Schule. Was wir sehen, ist die gnadenlose Ausweglosigkeit der Situation.

Ähnlich bedrohlich inszeniert Torfs auch die Gerichtsprotokolle zu den Morden an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in „Anatomy“. Sachlich-nüchtern lesen 25 Schauspieler Antworten auf schriftlich eingeblendete Fragen vor: Ausschnitte aus den Verhörprotokollen des Militärtribunals zu den Morden. Weitere Darsteller stehen auf den Rängen des berühmten Berliner „Theatrum anatomicum“. Hier wird jetzt nicht ein Körper, sondern eine Situation seziert: der Mord an den beiden Sozialistenführern – damit auch unser Umgang mit Geschichte, mit Übersetzungen und Archivierung. Torfs inszeniert die Suche nach dem Ursprung des Unrechts so intensiv wie überzeugend.


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