Salzburger Nachrichten am 20. Juni 2005 - Bereich: kultur
Künstler und "Jesus-Fan" kontra Kirche

Diskussion in der Albertina über Freiheit der Kunst und Kränkungen durch Kunst am Beispiel von Gerhard Haderers Karikaturen HEDWIG KAINBERGER

Hedwig Kainberger Wien (SN). "Ich bin ein Jesus-Fan", erklärt der Karikaturist Gerhard Haderer. "Ich bekenne mich zu den Grundsätzen des Christentums." Dies mag erstaunen, denn Haderers Buch "Das Leben des Jesus" hat mehrere Vertreter der katholischen Kirche in Empörung versetzt. Und in Griechenland wurde Haderer zunächst wegen "Religionsbeschimpfung" zu sechs Monate Haft verurteilt, im April 2005 in zweiter Instanz jedoch freigesprochen.

Anlass für Haderers Bekenntnis war ein Gespräch über "Das Kreuz mit der Kunst" am Samstag in Wien. Diskutanten waren die Kirchenkritiker Gerhard Haderer und der Schriftsteller Robert Menasse sowie die Kirchenmänner Egon Kapellari, Diözesanbischof in Graz, und Paul Zulehner, Universitätsprofessor für Pastoraltheologie in Wien.

Eingeladen hatte Julius Meinl zu seinem ersten luxuriösen "Coffee Talk" in der Albertina.

Zurück zu Haderer: Er sei zwar "Jesus-Fan", doch mit dem "Verein katholische Kirche" habe er "nichts am Hut". Ja, es gebe Tabus, es gebe Grenzen für Kritik und Provokation. Allerdings müsse es möglich sein, sich diesen Grenzen anzunähern. In jüngster Vergangenheit seien die Grenzen des Kritisierbaren verschoben worden. Vor einigen Jahren hätte es um sein Buch keine solche Aufregung gegeben. Folglich vermute er eine "reaktionäre Strömung" in Österreich.

Paul Zulehner hielt dem entgegen, dass seit Mitte der 1990er Jahre eine "Freiheitsverunsicherung" zu beobachten sei, erkennbar an Bestrebungen, eine Art "Lasterfreiheit" durch Verbote zu erreichen. Die seit den Protesten der "68er" eroberten Freiheiten ließen den Einzelnen mehr und mehr in Unsicherheit. Vielen Menschen sei das Risiko in Arbeit oder privaten Beziehungen unerträglich, sagte Zulehner. Gegner Haderers seien also nicht primär ÖVP-Politiker oder Bischöfe, sondern eine Gesellschaft mit "weniger Irritationstoleranz". "Politik und Kirche sind nur Katalysatoren für ein tieferes Problem."

Mehrmals wurde die Frage angesprochen, wie weit die Freiheit der Kunst gehen dürfe. "Ihre Freiheit grenzt an die Freiheit vieler anderer Leute", sagte Kapellari zu Haderer. Die Aufregung um Haderers Buch sei "der Preis für die Tabubrüche".

Zulehner konterte die Vorwürfe, die Freiheit der Kunst werde durch Angriffe von Vertretern der katholischen Kirche gegen Haderer eingeschränkt, mit Gegenfragen: Dürfe es Karikaturen zu Auschwitz geben? Wann ist die "Grenze der Kränkbarkeit" in anderen Fragen erreicht, etwa mit rassistischen oder feministischen Kränkungen?

Allerdings stellte Zulehner klar, dass ein Tabubruch nicht als Kata-strophe zu verstehen sei. Er zog einen Vergleich zu seiner Profession: Eine Theologie ohne Häresie erreiche keine Fortschritte, sagte Zulehner und zitierte seinen Lehrer Karl Rahner, der gesagt habe: Wenn eine neue theologische These auf Ablehnung stoße, dann habe man sich geirrt oder sei zu früh dran.

Menasse fragte, warum es zwischen Kunst und Kirche so tiefe Konflikte gebe. "Warum knistert's"? Darauf Zulehner: Die Kunst habe sich im 20. Jahrhundert aus dem Kirchenraum emanzipiert. Seither gebe es "viel Konfliktstoff", doch zugleich seien die Debatten noch nie so interessant gewesen wie jetzt.

Außerdem: "Es gebe auch eine stille Leidgenossenschaft" von Kunst und Kirche, sagte Zulehner. Beide präsentierten sich neuerdings in Nächten, sei es in einer "Lange Nacht der Kirchen" oder in jener der Museen oder - wie am Samstag in Wien - jener der Musik. Beides habe offenbar im "durchökonomisierten Alltag" keinen Platz.