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22.10.2005 - Kultur&Medien / Kultur News
Plastik-Lipizzaner: Und was noch?
VON ALMUTH SPIEGLER
Kunst im öffentlichen Raum. Erst allmählich lernt man in Wien, auch kontroverse Zeichen zu setzen.

Die Reichsbrücke, beleuchtet von Jenny Holzer. Der Hermannpark bei der Urania als teils schräg ge stellte Donauinsel von Vito Acconci. Eine Kirschbaum-Allee, die sich in Serpentinen am Flakturm im Augarten hinaufschlängelt, von Prinzgau/Podgorschek. Eigentlich ist es interessanter, die Projekte aufzuzählen, die in Wien (noch) nicht realisiert wurden. Anstatt die 23 Brunnen nachzuzählen, die "Wasserbildhauer" und Zilk-Freund Hans Muhr dem Stadtraum aufgepfropft hat. Oder die bunten Plastik-Lipizzaner heraufzubeschwören, die 2003 in touristischen Blitzlichtern weiden durften.

Was die "Salzburg Foundation", reichlich feudalistisch zwar, schafft - renommierte Künstler wie Anselm Kiefer oder Mario Merz mit Skulpturen zu beauftragen - oder Graz erreichte, das vom Kulturhauptstadt-Jahr 2003 u. a. mit Koglers Bahnhof-Ausstattung und Kriesches Marien-Lift nachhaltig profitierte - das ist in Wien bisher nicht mit vergleichbarem Renommee gelungen. Um sich die letzten wirklich großen, kontrovers diskutierten Würfe im öffentlichen Raum ins Gedächtnis zu rufen, muss man dasselbe schon strapazieren.

Der blaugelbe Kunsthallen-Blechcontainer am Karlsplatz etwa, den Adolf Krischanitz 1992 mit dem Künstler Oskar Putz kreierte, wäre so ein Beispiel. Oder der Schriftzug, den der New Yorker Künstler Laurence Weiner 1991 am Flakturm im Esterházypark anbrachte: "Zerschmettert in Stücke (Im Frieden der Nacht)". Was da spürbar war, war der Mut, neuralgische Plätze im Weichbild der Stadt künstlerisch zu besetzen. Dort eine Intervention zuzulassen, wo es weh tut. Ein bisschen wenigstens.

Die damalige unbequeme Kulturstadträtin Ursula Pasterk (SP) kritisiert: "Kunst im öffentlichen Raum ist in Wien seit Jahrzehnten ein Schwachpunkt, es fehlt das öffentliche Bewusstsein dafür." Wieder darf man neidisch nach Graz blicken, dort machte einst der "steirische herbst" diese gezielte Punktuation neuralgischer Punkte vor: mit dem rostigen Nagel, den Serge Spitzer 1985 in den Stadtpark rammte. Dem 54 Meter hohen Stahlskelett der Freiheitsstatue, die neben der Oper statt der Fackel ein Schwert in die Höhe reckt (Hartmut Skerbisch, 1992). Oder Hans Haackes von einem Neonazi abgefackelte NS-Obelisken-Einhüttung der Marien-Pestsäule im Gedenkjahr 1988.

Nachzulesen im Handbuch "Zur Sache Kunst am Bau" von Markus Wailand und Vitus H. Weh, erschienen 1998. Und immer noch aktuell. Jedenfalls für Wien. Denn seit damals hat sich hier künstlerisch nicht viel getan. Strukturell ist man immerhin einen Schritt weiter: 2004 wurde ein jährlich mit 800.000 Euro aus Kultur-, Planungs- und Wohnbauamt gespeister Fonds samt Expertenbeirat eingerichtet; betreut wird das ins Wissenschaftszentrum Wien ausgelagerte Projekt vom ehemaligen Journalisten Roland Schöny, zuletzt Berater von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny.

Wesentlich betrieben wurde diese Initiative von der Wiener Galeristin Grita Insam, die sich seit einem Vierteljahrhundert für Kunst im öffentlichen Raum einsetzt. Als Mailath-Pokorny 2001 Stadtrat wurde, hatte er ein von ihr und Andreas Dallinger mit den betroffenen Magistratsstellen erarbeitetes Konzept fertig am Tisch liegen, erzählt Insam. Es dauerte zwei Jahre, bis das Papier, das sich mit seiner Pool-Lösung samt Jury am Modell Niederösterreich orientierte, in abgeänderter Form umgesetzt wurde.

Jetzt kritisiert Insam vor allem die Jury - obwohl mit Ken Lum einer ihrer Künstler den Wettbewerb für die Karlsplatz-Westpassage gewonnen hat: Der Beirat - Schöny, Berthold Ecker (Kunstreferat), Silvia Eiblmayr (Galerie im Taxispalais Innsbruck), Kuratorin Brigitte Huck, Mumok-Chef Edelbert Köb, Wolfgang Kos (Wien Museum) - sei hochkarätig, aber zu wenig offen für Experimentelles und junge Künstler, so Insam. Trotzdem: "Die Stadt ist am richtigen Weg."

Mit der Einbindung des Fonds in die Gestaltung der Karlsplatz-Westpassage ist sogar eine zähe Bastion erobert worden: die "Wiener Linien". Dort entschied man bisher eigenmächtig - den Geist, der hier herrschte, illustrieren die Ablehnung einer angeblich zu irritierenden Ameisen-Installation von Peter Kogler und die Weigerung, Plakate zu einer Nitsch-Schau (2003) zu affichieren. Begründung: ungustiös, nicht zumutbar.

Eine Sonderstellung hat neben Insam - die Projekte mit Richard Deacon, Robert Adrian X und Zaha Hadid verwirklichte - MAK-Direktor Peter Noever. Er schenkte der Stadt Skulpturen von Donald Judd (Stadtpark) und Philip Johnson (Schottenring). Zurzeit plant er das "Urban Light" mit Chris Burden: 180 Gusseisen-Kandelaber sollen von der MAK-Fassade in den Stadtpark "rinnen". Beim Fond für Kunst im öffentlichen Raum wird er aber nicht einreichen. Das Projekt ist derart kostenintensiv, dass es das Jahresbudget sprengen würde. "Um wirklich in die Stadt einzugreifen, kann man diesen Fond vergessen", so Noever: "Wien ist eben eine Provinzstadt. Daran wird sich auch nichts ändern. Wenn Kunst nicht temporär ist, wird es mühsam."

Temporär war auch das bisher erfolgreichste Projekt Schönys: der begehbare Gerüst-Turm "Add on 20 Höhenmeter", im Sommer auf dem Wallensteinplatz. Wahrscheinlich muss man den neuen Wiener Bemühungen vor allem eines geben: Zeit. Und die Stimme des Beirats zu einem Machtfaktor aufbauen, den die Politik fürchtet.

Wie in Hamburg, unter der SPD-Regierung in den 80er und 90er Jahren vorbildlich im Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum. Eines der damaligen Jury-Mitglieder, Stephan Schmidt-Wulffen, ist heute Rektor der Wiener Akademie: "Wir waren hauptsächlich damit beschäftigt, Dinge zu verhindern, die die Politiker sich einreden haben lassen." In Wien sieht er vor allem Bedarf an "Landmarks", um der von den Denkmälern des 19. Jahrhunderts geprägten Stadt Zeitgenössisches entgegenzusetzen.

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