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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
31. März 2006
18:53 MESZ
Von Markus Mittringer

"Don Juan" in der Kunsthalle Wien
bis 16. 4.  
Foto: Kunsthalle
Neulich, als Don Giovanni wieder zuschlug: Noritoshi Hirakawa, "Streams by the Wind. Spring Fever".

Die volle Wahrheit über "Don Juan"
Die Kunsthalle Wien interpretiert den Verführer und zeigt dessen zeitgenössische Metamorphosen - wie etwa J.F. Kennedy oder James Bond

Wien - Don Juan bzw. Don Giovanni tritt, glaubt man Erwin Wurm, gern in der Gestalt eines abblätternden Radiators auf, der gerade ob seiner Reife und Standfestigkeit die blonden jungen Dinger echt magnetisch anzieht: Kaum im selben Zimmer mit ihm, knien sie nieder und lassen ihre Zungen versunken über all die lange schon waidwunden Stellen ihres Helden gleiten, genießen das herb-rostige Aroma seiner Ritzen und verlieren sich in der trügerischen Körperwärme des herzlosen Herzensbrechers. Mein Gott, nicht nur das Theater ist in der Krise!

Klaus Pobitzer fällt zu Mozarts Don Giovanni gleich nur mehr das alte Rein- und Raus-Spiel ein, womit er seinen Hang zur plakatgerechten Vereinfachung erneut souverän unter Beweis stellt. Und überhaupt fragt man sich angesichts der Auswahl zeitgenössischer Metamorphosen des Verführers, wie der denn wohl über die Jahrhunderte sich als derart unkaputtbar erweisen hätte können, wären seine absichtsvoll gemalten Lug- und Trugbilder so platt gewesen, wie jetzt im zeitgemäßen Video behauptet.

Erotische Genialität, so die landläufige Meinung, verbindet nicht nur kaltes Blut mit Sinneslust, Wahrheit mit Schwindel, und Sehnsucht mit deren unmittelbarer Erfüllung. Sie wird auch, hieß es zumindest bislang, mit Raffinesse vorgetragen, mit Stil. Und oft auch war die Sprache, um von Giovannis Schandtaten zu verkünden, eine, die den Rock umkreiste, welcher semitransparent den Blick zum Ursprung trübte, anstatt diesen rüpelhaft zu lüften.

Gut, man kann immer den Bierernst auspacken, man kann selbst Don Juan als Aufdecker begegnen, echt hart sein, und sagen: Pfui! Liebe darf nicht käuflich sein. Igitt! Alles nur Maskerade. Und dann spricht man die beinharte Wahrheit aus wie die engagierten Künstlerinnen Lili & Lola: "Weiche Spalten hart gebumst". Oder man führt originellerweise J. F. Kennedy oder noch originellerer Weise James Bond ins Treffen, um endlich festzustellen, dass es so ja nun wirklich nicht geht mit diesen Don Giovannis, die stets auf der Lauer liegen, die immer und überall trickreich nach der Wäsche langen. Das auch authentisch darzustellen, bedient man sich am besten expliziten Materials, zeigt, natürlich streng im Sinne der Anklage, gleich alles. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.4.2006)


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