
Klaus Pobitzer fällt zu Mozarts Don Giovanni gleich nur mehr das alte Rein- und Raus-Spiel ein, womit er seinen Hang zur plakatgerechten Vereinfachung erneut souverän unter Beweis stellt. Und überhaupt fragt man sich angesichts der Auswahl zeitgenössischer Metamorphosen des Verführers, wie der denn wohl über die Jahrhunderte sich als derart unkaputtbar erweisen hätte können, wären seine absichtsvoll gemalten Lug- und Trugbilder so platt gewesen, wie jetzt im zeitgemäßen Video behauptet.
Erotische Genialität, so die landläufige Meinung, verbindet nicht nur kaltes Blut mit Sinneslust, Wahrheit mit Schwindel, und Sehnsucht mit deren unmittelbarer Erfüllung. Sie wird auch, hieß es zumindest bislang, mit Raffinesse vorgetragen, mit Stil. Und oft auch war die Sprache, um von Giovannis Schandtaten zu verkünden, eine, die den Rock umkreiste, welcher semitransparent den Blick zum Ursprung trübte, anstatt diesen rüpelhaft zu lüften.
Gut, man kann immer den Bierernst auspacken, man kann selbst Don Juan als Aufdecker begegnen, echt hart sein, und sagen: Pfui! Liebe darf nicht käuflich sein. Igitt! Alles nur Maskerade. Und dann spricht man die beinharte Wahrheit aus wie die engagierten Künstlerinnen Lili & Lola: "Weiche Spalten hart gebumst". Oder man führt originellerweise J. F. Kennedy oder noch originellerer Weise James Bond ins Treffen, um endlich festzustellen, dass es so ja nun wirklich nicht geht mit diesen Don Giovannis, die stets auf der Lauer liegen, die immer und überall trickreich nach der Wäsche langen. Das auch authentisch darzustellen, bedient man sich am besten expliziten Materials, zeigt, natürlich streng im Sinne der Anklage, gleich alles. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.4.2006)