
Das allein als Indiz für eine futuristische Stadt heranzuziehen, ist Josef Lins zu wenig. "In die Höhe zu bauen hat natürlich einen Zeichencharakter", das streitet der Assistenzprofessor am Institut für Soziologie, Abteilung Stadtforschung, der Johannes Kepler Universität nicht ab. Er sieht Linz in Zukunft eher als eine "normale Mittelstadt". Und das meint er keineswegs negativ. Vielmehr erhalte die Stadt je weiter sie sich von der Kriegs- und Nachkriegszeit entfernt die Chance, sich "natürlich zu entwickeln". Was zwischen 1939 und 1951 geschah, bezeichnet der Soziologe als "monokulturell" und damit unnatürlich. Es wurde die Großindustrie implementiert. Ende der 70er Jahre setzte die Stadtpolitik dann ein kulturelles Gegengewicht. In diesem Bereich habe Linz viel erreicht, meint der gebürtige Vorarlberger. Heute hat Lins den Eindruck, dass diese Kulturachse überbetont werde.
Für ihn besteht Linz nicht nur aus besagten Gegenpolen (Industrie und Kultur), ein weiters Element bestimme das (künftige) Leben. Die Natur, vor allem das Mühlviertel. Hier wohnen junge Familien, zum arbeiten kommt man aber in die Stadt. Linz ist somit eine Pendlerstadt, um die herum der Speckgürtel immer weiter wachsen wird. Der Verkehr werde deshalb ein zentrales Zukunftsthema sein. Einen ganz anderen Zugang zum Thema Zukunft von Linz hat Gerfried Stocker, künstlerischer Direktor des Ars Electronica Center, dem Museum der Zukunft, wenngleich auch er für seine Vision die Vergangenheit heranzieht. Weil die einstige Industriestadt kein kulturelles Erbe besitze, verrenne sich Linz nicht in "einen pseudo-historischen Tourismus, sondern setze auf moderne Technologien", meint der gebürtige Steirer. Deshalb zählt er "Linz zu den wenigen Städten Mitteleuropas, die die Wichtigkeit ihrer Zukunft erkannt haben, eine Grundvoraussetzung für Innovation".
Die Herausforderung für die Zukunft sieht der AEC-Direktor darin, diesen Blick nach vorn auch in Kunst und Kultur umzusetzen. Die europäische Kulturhauptstadt 2009, zu der Linz ausgewählt wurde, ist für ihn deshalb ein "Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit" und keine Belohnung für bisherige Leistungen. (Kerstin Scheller/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.8.2006)