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Rehberger Ausstellung: Skulpturen mit einem Handicap

28.06.2011 | 18:36 | von Sabine B. Vogel (Die Presse)

Der deutsche Starkünstler Tobias Rehberger richtet unter dem Motto „Junge Mütter und andere heikle Fragen“ das Essl Museum ein. Für funktionale Skulpturen, in denen wir Teil des Werkes werden, ist er berühmt.

Wenn er an Wien denkt, kommen ihm als erstes Mehlspeisen in den Sinn, wird Tobias Rehberger im Katalog zitiert: Also mussten fünf Konditormeister gefunden werden, um bunte und süße Kreationen zu entwerfen, und zwar ganz im Rehberger'schen Sinne. Orientieren müssen sich die Tortenschöpfer dafür an jenen Objekten, die der deutsche Starkünstler im Essl Museum unter dem vieldeutigen Titel „Junge Mütter und andere heikle Fragen“ ausstellt. Tatsächlich sehen wir dort keine Mütter, sondern Skulpturen: die „Mutterwelle“, „Mutterspirale“, „Mutterwand“.

Es sind Modelle für ein Regal in Wabenform, für einen Garderobenständer aus überdimensionalen Schlaufen oder für eine verzerrte, schwarz-weiß bedruckte Wendeltreppe. Die Formen erinnern an einige von seinen früheren Werken, etwa an diese außergewöhnliche Brücke, die vor wenigen Tagen in Oberhausen eröffnet wurde: Das Schraubenfeder-Spielzeug Slinky variierend, hat Rehberger die Brücke in eine überdimensionale Spirale aus 496 riesigen Metallschlaufen gepackt, die uns durch 16 Farbfelder führt – eine fantastische, begehbare Skulptur. Das Muster der Treppe wiederum erinnert an das Café im zentralen Pavillon der Biennale in Venedig, für das Rehberger 2009 den Goldenen Löwen erhielt. Mit grell-bunten, rundum ineinander verschmelzenden Formen gestaltet, nimmt uns der Raum jede Orientierung, denn die Linienführung macht keinen Unterschied zwischen Boden und Decke, Tisch und sogar Kaffeetassen. Dieser optische Irrgarten basiert auf dem Dazzle-Painting-Prinzip, einer speziellen Camouflage-Technik, mit der etwas vor den Blicken verborgen wird, indem Raumstrukturen aufgelöst werden – ein radikales Konzept für eine Kunstausstellung!

 

Eine Skulptur tropft, eine raucht

Für solche funktionalen Skulpturen, in denen wir Teil des Werkes werden, ist Rehberger berühmt. Bereits 2008 inszenierte er in seiner Galerie in Berlin eine Ausstellung, in der seine Raumobjekte inmitten einer alles einbeziehenden, plakativen Wandmalerei standen. Nicht das Objekt als Ware, sondern als Teil eines Ganzen stand zur Diskussion. Vereinzelte Objekte daraus sind jetzt im Essl Museum zusammen mit den „Müttern“ zu sehen: merkwürdige Vielecke, kombiniert mit alltagsnahen Materialien wie Seilen, Kollagen, Marmor. „Sieben Jahre Skulptur und Neid“ wartet sogar mit Sprechblase und Faust auf. Hier in Klosterneuburg hat sich ihre Aufgabe freilich gewandelt. Sie sind nicht mehr Teil von „Major problems of minor societies“, wie der Ausstellungstitel damals hieß. Rehberger nennt sie „Handicaped Sculptures“: „Eine tropft, eine raucht, eine ist angeschrabbelt.“ Es seien „Prototypen“. Anders als die „Mütter“ erfüllen diese Objekte keine Funktion – im Gegenteil. Nicht einmal Geschichten erzählen sie. Im Blick stehen skulpturale Aspekte und „Disfunktionen“.

Die einen also „angeschrabbelt“, die anderen „Mütter“ und dann noch die Skulptur in der Rotunde, die „Atelierlampe“ heißt, weil die Glühbirne darin immer erleuchtet, sobald das Licht in Rehbergers Frankfurter Atelier angeht. Und das für das Essl Museum entstandene, 2,20Meter lange Bild aus wechselnd leuchtenden Farbfeldern, das eine Uhr ist: die zwölf orangenen Felder stehen für die Stunden, die fünf dunklen für jeweils zehn Minuten und die magentafarbenen für einzelne Minuten. Leider hat Rehberger im Essl Museum für diese Palette von skulpturalen Objekten keine All-over-Raumgestaltung vorgenommen, wodurch alles nur lose beisammen steht.

 

Zertifikate zum Nachbauen

Wir können also nicht eintauchen in das Rehberger'sche Universum, und es droht, dass der Designaspekt bzw. die schöne Oberfläche der netten Formfindungen die Oberhand gewinnen – wären da nicht die „Handicaps“, die Brüche und Unregelmäßigkeiten. Und würde sich da nicht immer diese eine Frage aufdrängen: Was eigentlich passiert mit Kunstwerken, wenn sie für alltägliche Funktionen benutzt werden? Verraten sie die ästhetischen Prinzipien im banalen Benutzen? Oder zwingen sie uns dazu, auch den restlichen Alltag zu ästhetisieren und uns in der Betrachtung all der schönen Formen und Farben, all der möglichen Umnutzungen für Brücken und Cafés zu verlieren?

Eine Antwort gibt uns der Künstler natürlich nicht, nur einen Hinweis, indem er seine Werke „Modelle“ nennt. Die Modelle, das erklärt uns der Titel, sind die Mütter. Jeder Nachbau ist also eine Art Kind der ursprünglichen Form und trägt die „Mutter“ immer weiter in die Welt. Und genau dazu fordert Rehberger nicht nur die Tortenmeister auf, die seine Skulpturen nachbacken sollen, sondern auch jeden Besucher. Für 30 Euro können Zettel gekauft werden, die als Zertifikat dazu berechtigen, weitere „Kinder“ zu basteln – und zwar ganz ohne Anleitung, aus dem Gedächtnis, per Foto – oder als eigenes Nachbild. Im Selberbasteln kann dann auch ein Weg gefunden werden, nicht nur die Funktion, sondern auch das ästhetische Prinzip hinter den Funktionen zu verstehen.


Tobias Rehberger, Junge Mütter und andere heikle Fragen, Essl Museum, Klosterneuburg, An der Donau-Au 1; bis 25. September 2011, Di–So 10–18, Mi 10–21


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