12.06.2003 19:59
Kurzgeparkte Mutterschiffe
Bruno
Gironcolis wuchernde Skulpturen dominieren den am Donnerstag eröffneten
Österreichischen Pavillon in Venedigs Giardini - Foto
Am Donnerstag wurde der Österreichische Pavillon auf der
Biennale von Venedig mit einer Personale von Bruno Gironcoli eröffnet. Kurator
Kasper König setzt ganz auf die suggestive Wirkung der wuchernden Skulpturen des
1936 in Villach geborenen Bildhauers.
Josef Hoffmanns Pavillon in den Giardini ist eben nicht das Parkhaus am
Hauptbahnhof. Für Bruno Gironcoli ist Österreichs Kunstbotschaft am
Biennalegelände von Venedig schlicht eine "Trafik", eine wunderschöne zwar, aber
eben viel zu klein für seinen Fuhrpark, zu eng für seine Raumgleiter.
Egal, - das ganze Werk auch nur halbwegs repräsentativ zu zeigen,
reichen selbst die beiden geplanten "Museen" - eines auf Schloss Herberstein,
ein zweites auf der Wiener Donauplatte - nicht aus. Und das Biennalegelände ist
ohnehin bloß Kurzparkzone.
Und vorbereitet hat er außerdem schon lange
alles. Unabhängig davon, ob ihn jetzt wer zum Ausstellen bittet oder nicht. Sein
Werk äußeren Umständen anzupassen, gar dem Druck irgendwelcher rücksichtslos
dahergebauter Räume nach zu geben, kommt nicht in Frage.
Flexibel haben
die Präsentationsbedingungen zu sein, denn seine Skulpturen stehen fest. Deren
Dimension ist ebenso endgültig bestimmt wie ihr Aussehen, wie ihre Themen.
Gironcolis Skulpturen sind höchst eigenartig. Darum ist er Bildhauer geworden.
Sie haben das Außen reflektiert, solange sie im Werden waren, haben Fundstücke
aus dem wahren Leben assimiliert, sich dessen Techniken und Materialien
angeeignet. Sie wurden geprägt durch die Widrigkeiten des Seins, die eigenen wie
die Triebe dritter.
Er, der Bildhauer, war Werk für Werk neugierig genug,
alles zu umarmen, das ganze Draußen, dessen Abgründe und Höhepunkte. Und da er
vor allem die Mütter begreifen will, gilt es, die ganze Welt aus ihrer in seine
Fassung zu bringen. Es braucht Zeit und Platz, bis schließlich alles in Harmonie
gebracht ist, ein Modell fertig, ein unverrückbarer Zustand
erreicht.
Gerade einmal sieben Arbeiten Gironcolis haben nach Venedig
gefunden. Deren jüngste - zwei Aluminiumgüsse nach Modellen, die die Innsbrucker
Galerie Thoman realisieren ließ, stehen im Freien. Die Eltern mit zwei
Tischaufsätzen aus 1989/90 und die Eisenfigur (1985-90) teilen sich die
Eingangshalle. Ein früher, gelb lackierter Aluminiumguss, eine Mutterfigur mit
schützendem Regenschirm in Glasvitrine und etwas belegt Bettartiges teilen sich
die Nebenräume. Auf Grafik - und damit die Möglichkeit, vielleicht tiefer in die
Herkunft von Gironcolis Ikonografiemix aus Faschismuszitaten, utopischem
Eingedenken, kultischem Handeln, sadistischer Praxis und verschämtem
Lustempfinden einzudringen, hat Kurator Kaspar König
verzichtet.
Massive Tanker
fremder Ordnung
Er
verlässt sich ganz auf die suggestive Wirkung der fremden Ordnung: Jedenfalls
ist die verunsichernd. Bedrohlich vielleicht, dennoch voll subtilem Witz. In
jedem Fall, auch ohne Vitrine, hermetisch. Trauben, Kornähren, Edelweißblüten
leben mit Gefäßen, Tannenzapfen und Embryonen in Symbiose.
Auf nichts
angewiesen, scheinen die massiven Tanker dennoch alles aufzunehmen, sich
einzuverleiben. Vögel, Madonnen, Klomuscheln und Besen, dazwischen amorph
organische Strukturen in Hausschuhen, zwitschernde Vogerl, kecke Schnörksel,
Ösen, Schweinderl, Suppenlöffel:
Der Planet Gironcoli führt alles seiner
Bestimmung zu. Das Einverleiben erscheint als Glücksversprechen, Geborgenheit
und Individualität scheinen sich auszuschließen. Alles befindet sich in Ruhe,
vielleicht ja am Ziel aller Triebe.
Ko-Kuratorin Bettina Busse fragt den
Bildhauer nach der Figur des Vaters oder des "Väterlichen", die bestenfalls am
Rande Aufnahme in die Konglomerate finden, die in sich ruhend für sich
leben:
"Die ist wegradiert. Den gibt es nicht. Der existiert über mich.
Ich meine in dieser Arbeit habe ich auch Penisdarstellungen, die genügen für uns
Männer, mehr ist da nicht an Substanz. Das ist unsere Funktion und fertig. Damit
haben wir unser Spiel ausgespielt. Währenddessen eben das Andere, das
Mütterliche, die Mutter-Kind-Beziehung für mich weit mehr Spielformen angeboten
hat."
"Bruno Gironcoli", schreibt Peter Weiermair, "ist der Bildhauer des
Absurden, der Entfremdung, der Abgründe der Dingwelt". Das zu formulieren hat er
eine unverkennbare Sprache gefunden. An der Aktualität seiner Thematik hat sich
nichts geändert, der tägliche Faschismus, Entfremdung und resultierende
Ausstiegsgelüste sind offensichtlich zeitlos. Ebenso die Sehnsucht nach
Geborgenheit, sei es in deren kleinstem gemeinsamen Nenner, dem Kitsch, oder in
fantastischen Maschinen, die Junggesellen versprechen, sie in ferne Galaxien zu
tragen, während sie sie doch nur wärmend und jeder Verantwortung enthoben in
blechernen Gebärmuttern nähren.
Konventionelles
dient als
Brücke
"Es ist bildliches Aufarbeiten: Etwas Weggeworfenes in neuer,
gewordener Eintracht wieder in die Hand zu nehmen, aufzubewahren, in der
Erinnerung begründet. Das Konventionelle dient als Brücke, Neuauftretendes soll
durch Bekanntes entschärft werden. So wird diese Bildhauerei im Widerspiel zur
Welt der Ort, diese daraus resultierenden Ängste der Begreifbarkeit
festzulegen."
Bleibt zu hoffen, dass diese Biennale dazu beiträgt, Bruno
Gironcolis forcierten Eigensinn, der bei allem Ausufern und Brücken-Schlagen
doch immer am Punkt bleibt, einer breiteren internationalen Öffentlichkeit
entgegen zu halten. Wobei sein bisheriges Publikum durchaus nicht das
schlechteste war: Andere Künstler konnten bislang aus Gironcolis hoch geladenen
"Vorwürfen" am meisten für sich ableiten. (DER STANDARD, Printausgabe,
13.6.2003)