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Portfolio Kunst AG: Viermal Porträtkunst

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Frankensteins Supermodel

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!Wir leben halt in einer Zeit, wo männliche Halbwüchsige am liebsten jeden Tag zu Aphrodite beten würden, sie möge doch bitte die Bits und die beiden Megabytes von Lara Croft Fleisch werden lassen. Wohlgemerkt: Sie würden beten (wenn Computersüchtige wenigstens noch so viel Buch besitzen würden, dass ihnen Pygmalion ein Begriff wäre).
Die "Artificial Beauties" von Micha Klein, der sich gerade mit virtuellen Schönheitsoperationen einen Namen macht, mögen ja nicht hundertprozentig mit der "Miss Megabyte" Lara Croft zu tun haben (vor allem, weil sie ziemlich gleich unter dem Schlüsselbein aufhören und ihnen folglich Laras im "silikonsten" Sinne des Wortes "herausstechendste" Eigenschaften fehlen).
Trotzdem schlagen sie in die selbe Kerbe: Normalität ist ein Schönheitsfehler. Noch bis 28. Oktober geht es in der Portfolio Kunst AG (Fichtegasse 5) sehr kontrastreich ums Porträt. Und Micha Klein lebt eben seine Pygmalion- und Dr.-Frankenstein-Fantasien an den zehn schönsten Models von Amsterdam aus, die er am Computer zu Überdrüber-Supermodels zusammenmischt und mit einem saftig bunten, geradezu psychedelischen Hintergrund versieht. Maßlos schön.
Zweifellos wäre Micha Klein ein diplomatischerer "Paris mit dem Apfel" gewesen und hätte in Frankenstein-Manier aus dem Rohmaterial Hera, Aphrodite und Athene kurzerhand eine "Heraphroditathene" zusammengebastelt und der Welt den Trojanischen Krieg erspart.
Verglichen damit huldigt Thomas Ruff der Quasimodo-Ästhetik: Seine Porträtierten sind nämlich übertrieben normal (als hätten sie sich in einen sadistischen Passfotoautomaten gesetzt, der kein exzentrisches Ohrwaschel übersieht). Doch selbst hier soll digital verändert worden sein. Kann man jetzt ohne Computermanipulation nicht einmal mehr stinknormal alltäglich aussehen?
Daniele Buetti verpasst Linda Evangelista, Claudia Schiffer oder der bislang schönsten Reinkarnation von Brigitte Bardot (Brad Pitt) eine Art Akupunktur und macht dann unter der durchlöcherten Haut das Licht an. Man möchte von Licht-Piercings oder Las-Vegas-Tattoos sprechen.
Die perforierten Zeitschriftenfotos in der Glitzerwelt seiner Lichtboxen stattet er dann mit zum Teil recht tiefschürfenden Texten aus. So lässt er Richard Gere sich fragen: "Wenn ich eine Erinnerung auslöschen könnte, welche würde es sein?" (Also ein punktgenau dirigierter Alzheimer, der nicht das komplette Gedächtnis aus dem Verkehr zieht.)
Von Cindy Crawfords Stirn hängt freilich eine leere Denkblase herunter. Das alte Klischee, dass in einem allzu hübschen Kopf das Hirn implodiert (wegen dem Unterdruck infolge einer radikalen Gehirnzellen-Nulldiät).
Ein raffinierter Grenzgang zwischen totaler Oberflächlichkeit und Tiefsinn. Und wenn sich bei Sam Samore durch die extreme Grobkörnigkeit der Fotografie ein Raucher regelrecht atomisiert, bin ich nicht nur als Kunstkritikerin (wegen der wunderbaren "Weichheit" des Fotos), sondern auch als Nichtraucherin endgültig befriedigt.

Erschienen am: 17.10.2000

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