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Postdemokratie oder die Freiheit, T-Shirts zu kaufen

13.01.2011 | 18:29 | SABINE B. VOGEL (Die Presse)

„Nach Demokratie“ im Kunstraum Niederösterreich liefert eine vorwiegend brave Bestandsaufnahme, die das Thema eher vorführt, als Unerwartetes beizutragen.

Mehr Bürgerbeteiligung und weniger Expertenbeglückung brauche es, die Medien seien „Demokratiesurrogate“, eine politisch aktive Gesellschaft existiere nicht, und die „Politikerpolitik entscheidet nach Druck“ – kurz: Die Demokratie sei am Ende. So sieht der Soziologe Harald Welzer den Stand unserer Gesellschaft. Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch meint sogar, dass wir in einer Phase der „Postdemokratie“ leben, in der die Bürger nicht mehr an Entscheidungen beteiligt sind, sondern nur noch im Sinne eines Allgemeinwohls zufriedengestellt werden. All dies packt jetzt der Berliner Kurator Raimar Stange in eine Schau mit nur neun Künstlern: „Nachdemokratie“. Ein großes Vorhaben, denn kann mit Kunst über Machtverschiebungen, politische Fehlentwicklungen und deren Folgen Nennenswertes ausgesagt werden? Können hier visuelle Mittel mehr, als nur plakativ auf Bekanntes hinzuweisen?

 

Bilder aus Thailand, Szenen aus Berlin

Viele der ausgestellten Werke beruhen auf Zeitungsfotos, so zeichnet etwa Christine Würmell den Fußballer Maradona mit dem T-Shirt-Aufdruck „Stop Bush“ nach, Eva Egermann präsentiert die Kopie einer Mediennachricht mit gestapelten Stühlen als Barrikaden, und Rirkrit Tiravanija arbeitet mit Abbildungen thailändischer Demonstrationen. Dazwischen hängen Anna Meyers Bilder von Migranten oder Konsumtempeln, und Björn Melhus zeigt seinen erschreckenden Mitschnitt einer Szene, die er 1990 am Tag der deutschen Währungseinheit in Ostberlin gefilmt hat: US-amerikanische Jugendliche singen euphorisch von Freiheit – um dann zu verkünden, dass jetzt jeder eines ihrer T-Shirts kaufen solle. Soweit sind all die Eckthemen, von der Macht des Marktes bis zu den Protestformen, abgehandelt.

Das ist eine vorwiegend brave Bestandsaufnahme, die uns das Thema eher vorführt, als Unerwartetes beizutragen. Zwei Beiträge gehen allerdings weit darüber hinaus: die mysteriösen leeren Tapeziertische von Sarah Ortmeyer, vorn angebrannt und hinten in Tür- oder Bilderrahmen übergehend – das ist offen für Assoziationen, behauptet Beziehungen zwischen der Welt der Flohmärkte einerseits, Kunst und Architekturen andererseits. Vor allem aber ist es sehr endzeitlich.

Dahinter steht in großen Buchstaben quer über die Wand „Too big to fail“. Es ist der Zauberspruch, mit dem die Banken-„Rettung“ gerechtfertigt wurde. Die Banken seien zu systemrelevant, als dass man sie scheitern lassen dürfte. In der Ausstellung sind die Buchstaben aus Fotos jener Demonstrationen gebildet, die 2009 gegen diese Finanzierungsaktion stattgefunden haben. Mit diesem kleinen Trick schafft es Oliver Ressler, das gesamte Dilemma unserer „Postdemokratie“ zusammenzufassen: Die Grundlage der staatlichen Entscheidung bilden die (protestierenden) Menschen. Die Bandbreite des Themas vom pessimistischen Konstatieren bis zum Aufbegehren – diese Werke zeigen beides. Die Botschaft: „Post“ hin oder her – aufgeben möchte keiner diese Staatsform.
Kunstraum Niederösterreich, bis 12.März, Herrengasse 13, Di–Fr: 11–19, Sa: 11–15 Uhr.


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