Rosa von Luxemburg

 

 

Über Sanja Ivekovics Gegenmonument zum Luxemburger Kriegsdenkmal »Gëlle Fra« und die dadurch ausgelöste Debatte

 

 

Georg Schöllhammer

 

 

 

»Schleifen!«, »Schandfleck«, »Schafft den Unfug weg«. Im Kapitalparadies Luxemburg, einer der reichsten Regionen der Welt, hat die Statue einer Schwangeren eine ähnliche und ebenso heftige Debatte um kulturelle Liberalität entfacht, wie Ende der 80er in den USA der ultrakonservative Jesse Helms mit seinem Feldzug gegen die Arbeiten von Andres Serrano und Robert Mapplethorpe. Als Beitrag für die von Enrico Lunghi unter dem Titel »Luxemburg - Die Luxemburger« im Casino Luxemburg zusammengestellte Ausstellung hatte die Zagreber Künstlerin Sanja Ivekovic in sichtbarer Distanz zum Luxemburger Wahrzeichen »Gëlle Fra« eine Replik aufgestellt, an der sich die Gemüter erhitzten.
Die »Gëlle Fra«, ein von den Nazis demoliertes neoklassizistisches Denkmal, das – nach einem Entwurf von Claus Citto – 1923 als Mahnmal für die Luxemburger Freiwilligen im ersten Weltkrieg errichtet worden ist, das alte Nationalmonument des Staates, sei dadurch lächerlich gemacht, tönte es von Rechts. Eine Entrüstung mit erstaunlich kurzzeitigem Erinnerungshorizont. Denn zum »Nationalmonument« wurde die »Gëlle Fra« erst spät, nämlich nach ihrer Wiederaufstellung 1985. 1940 war die Statue von Luxemburger Arbeitern vor den Nazis versteckt worden – was die eigentlich von denkmalschützerischen Ambitionen geleiteten Wideraufsteller bewog das Denkmal zum antifaschistischen Mahnmal zu stilisieren.
Ivekovic thematisierte mit ihrer Replik nun die im Bewußtsein der Öffentlichkeit verdrängten Auseinandersetzungen um die goldene Heroine: 1923 empörte sich das katholisch-konservative Bürgertum gegen die »nackte Frau gleich gegenüber dem Heiligtum der Kathedrale«. Und in den Debatten rund um die Neuaufstellung ab 1981 wurde erstmals über Zwangsrekrutierungen etc. während der Nazijahre gesprochen und über die Behandlung der Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg sowie über die aus der offiziellen Geschichtsschreibung verdrängten Frauen.
Doch diese Arbeit an lokaler Erinnerung und gegen deren Klitterung war in den öffentlichen Kontroversen um Ivekovics »Lady Rosa of Luxembourg« nur ein Nebengeräusch, das von liberalen KommentatorInnen zur Legitimation ihrer Verteidigung der Arbeit gegen den Volkszorn zitiert wurde, um, wie es einem schien, das eigentliche Skandalon nicht aussprechen zu müssen: Die offen rassistische Häme gegen die Künstlerin. Die Stimmen, die Ivekovic von rechts ermahnten, gerade sie – als Kroatin – müsse um den Symbolwert eines Widerstandsdenkmals wissen, waren dabei noch die moderatesten. Luxemburger Nationalisten fuhren sogar mit der kruden Unterstellung auf, Ivekovic habe »im Interesse Deutschlands« versucht, das 1940 zum Symbol des Widerstands gewordene Denkmal ein zweites Mal zu zerstören.
Auch die liberale Politik, die sich von Rechts angegriffen sah, fand in der Regionalisierung von Ivekovics Arbeit einen nicht unsymptomatischen Ausweg. Eine Politikerin meldete sich etwa mit folgendem Statement öffentlich zu Wort: »Die Kriege im früheren Jugoslawien haben eine andere Dimension in die Grausamkeiten, die Frauen zuteil wurden gebracht. Vergewaltigung als kriegerisches System - der an Grausamkeiten kaum zu überbietende Jugoslawienkrieg hat damit die Frauen zu einer besonderen Zielscheibe gemacht«.
Eine andere Verteidigungslinie, derer sich etwa Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges bediente, versuchte die öffentliche Position der Arbeit zu entschärfen indem sie sie auf private, biografische Erfahrungen der Künstlerin hin interpretierte: Ivekovic sei selbst direkt und indirekt Opfer des Krieges gewesen, ihre Mutter, aktive Widerstandskämpferin, habe 2 Jahre im KZ Auschwitz verbracht etc.
Diese von verschiedenen politischen Flanken her geführten Angriffs- und Verteidigungsversuche verbinden sich in einem Motiv: Der Nichtanerkennung von Geschlecht als spezifische Kategorie, dann wenn es darum geht über BürgerInnenschaft und nationale Ein- und Ausschlüsse zu reden. Das Deterritorialisieren und Privatisieren der Motive und damit das Herunterspielen beziehungsweise das Leugnen der lokalen – und universellen – politischen und eben nicht allein kulturellen Brisanz von Ivekovics Intervention ist eine altbekannte Strategie.

Ivekovic, deren Arbeit seit den 70ern um die Themen Geschlecht, Identität und Erinnerung kreist, greift mit ihrer schwangeren Heroin eben auch dieses Thema feministischer Repräsentationskämpfe der letzten Jahrzehnte auf: die in Europäischen Nachkriegsverfassungen fest verankerte neutrale, abstrakte und universale Definition von BürgerInnenschaft, deren blinder Fleck die Unfähigkeit ist, die politische Relevanz von Geschlecht anzuerkennen. Gerade die »Gëlle Fra«, ein sowohl stilistisch wie ikonologisch verspätetes Denkmal, das in den 20er Jahren die weiblichen Allegorien des 19. Jahrhunderts auf den Nationalstaat replizierte, die Germanias, Polonias, Mariannes, eigne sich, so Ivekovic, diesen blinden Fleck, der bis heute in Konzeptionen von BürgerInnenschaft existiert, sichtbar zu machen: »Dieses Denkmal ist der Erinnerung an Männer gewidmet und dennoch bezieht es seine symbolische Wirkung aus der Schönheit einer Frauenfigur, die auf der Spitze eines Obelisken steht.«
Gedenkaktionismen haben seit Anfang März den Platz der neuen »Gëlle Fra« zum öffentlichen Ort von Wiedererinnerung gemacht: Blumen, gebunden mit Kranzschleifen für »Die Frauen, die durch den Krieg gelitten haben« wurden vor ihm niedergelegt, der Ort und die Debatte um ihn sind zum hoch aufgeladenen symbolischen Medium geworden. Den Prätext hatte Ivekovic selbst mit einem Inschriftenkranz am Sockel geliefert. Sie setzte politische und kulturelle Begriffe neben die für patriarchale Frauenbilder: liberté, indépendance, justice, résistance; Kunst, Kultur, Kapital, Kitsch; Virgin, Madonna, Bitch, Whore.
Neben der Dialektik, die sich über diese Inschriften und das Sujet der Statue aufbaut, bezieht sich Ivekovic auch auf die Inschriften am Sockel des alten Monuments, auf die nationalistisch-kriegsverherrlichenden Texte etwa eines General Foch.
Die vielfachen lokalen Bezüge allein erklären die Aufregung um Ivekovics Arbeit kaum ausreichend. Der Luxemburger »Kunstskandal« ist vielmehr symptomatisch für die Repatrimonisierung und von Kultur in Zeiten, in denen die ökonomisch getriebene Rede von der Auflösung der Souveränität nationalstaatlicher Politik allseits zu vernehmen ist. Ob sich jene durchsetzen, die für einen Verbleib von Ivekovics doppeltem Mahnmal nach Ende der Ausstellung am 3. Juni sind, war bei Redaktionsschluss noch nicht sicher.

 

   

 

 

^