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Unter dem Motto »Understanding the Balkans« widmet
sich das Contemporary Arts Center in Skopje seit einigen Jahren
einem forcierten Networking unter künstlerischen und theoretischen
Ansätzen der Region. Zentral ist dabei unter anderem die Frage nach
lokalen, südosteuropäischen Identitäten, damit verbundenen
Konflikten und darauf gerichteten Projektionen. Ein Beitrag zum
letztjährigen Symposion folgte diesem Thema über den Umweg »globaler
Strategien« und im Westen gespiegelter Sichtweisen. Schließlich geht
es darum, wie sich diesem unabweislichen Spiegel ein
selbstbestimmter kultureller »Underground« entgegenhalten lässt.
Der Balkan ist nun schon seit längerer Zeit auf der
globalen Agenda. »Globale Agenda« - erinnert uns das nicht an etwas?
Der Begriff ist nicht nur attraktiv, sondern strotz geradezu vor
Modernität. Außerdem inkludiert er Einstellungen, die einst als
»Ost-West- Paradigma« bezeichnet wurden - und das erschien, als der
Begriff geprägt wurde, auch richtig so. Die wachsende Neugier nach
einem besseren Verständnis der Leute, die in dieser Region leben -
wir nämlich - ist ein anderer Aspekt dieses Phänomens. Wenn wir die
Kräfte dahinter näher ergründen wollen, könnten wir den Balkan
zuerst einmal als Sicherheitszone zwischen der westlichen
Zivilisation und dem Islam denken - so etwas wie einen
überlebensgroßen Prototyp des Gazastreifens, der sich über mehrere
Jahrhunderte »erstreckt«. Diese Zeitspanne hätte es schließlich
unserem »Feind« ermöglicht, uns schmutzig lächelnd zu unterwandern -
eine Sichtweise, die man trefflich Balkannihilismus nennen könnte,
wenn man so wollte. Es gibt aber viele Namen, mit denen man diese
zwielichtige Zone fassen kann, die so stark an Konflikten ist und wo
ethnische Spannungen unterschiedlichste Formen annehmen.
Eine unlängst in Skopje stattgefundene Konferenz hatte das
faszinierende Motto »Den Balkan und die Globalisierung verstehen«[1],
was nicht nur Quelle der Empörung, sondern auch des Unwohlseins war.
Die Versammlung von Vortragenden, die den Balkan für das Herzstück
ihrer Weltanschauung halten (Motto: »Sie wurden am Balkan geboren,
und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute dort.«)
und ihre lokalen und globalen Projektionen zum Besten gaben, schien
irgendwie seltsam. Sie alle jagten verzweifelt diese große wilde
Bestie, die wir »unsere Identität« nennen. Die Konferenzsprache
(welche wohl? Englisch natürlich!) trug noch weiter zu Umfang und
Wucht dieser Paradoxie bei.
Schon das Motto selbst deutet
auf eine wartungsintensive, allumfassende Gigabyte- Perspektive hin,
kurz gesagt: die »globale« Perspektive. So erlangte das
Transzendieren der Balkangrenzen durch die KonferenzteilnehmerInnen
zentrale Bedeutung. Das schizophrene Bemühen, gleichzeitig Jäger und
Gejagter, Objekt und Subjekt dieser Identitätssuche zu sein, ist ja
in der Tat dramatisch. Dabei kann unser Trieb, alles zu
transzendieren, was um jeden Preis transzendiert sein will,
unterschiedliche Formen annehmen. Eine davon ist der
»wissenschaftliche Zugang« zur Geschichte des Balkans. Wirklich
verbissen versuchten die Teilnehmenden an der Konferenz, eine
plausible und legitime »westliche« Perspektive zu finden (nach dem
Motto: »Aha, das soll also die Perspektive eines 'globalen
Beobachters' sein, und so einer möchte ich ja sein. Ergo ist das die
einzige Perspektive schlechthin.«) Das Ganze endete damit, dass man
nicht mehr wusste, WAS sie denn aus dieser Perspektive eigentlich
beobachteten. Es wäre nur zu verständlich, Leute vom Balkan unter
dem Motto »Wir verstehen uns selbst« zu versammeln. »Den Balkan
verstehen« aber ist wie eine Scheinschwangerschaft; man hat die
Symptome, aber es kommt kein Baby heraus. So landet man sicher bei
der sterilen Gewissheit, eine Theorie entworfen zu haben und nett
zueinander gewesen zu sein. Das vermied die Geburtsschmerzen,
lästige Konflikte und das ungute Gefühl, gleichzeitig transparent,
hinreißend und verletzlich zu sein. Wenn es von Anfang an keine
klaren Begriffe gibt, erspart man sich langfristig die ganze
Identitätsgeburt. Die so dringend notwendige Diskussion unserer
Balkanidentität hat in Skopje nie stattgefunden. Statt dessen wurden
wir alle schwindlig von der Vogelperspektive: Der Balkan wurde
komfortabel auf die Größe der Landkarte einer Halbinsel gestutzt,
die zwar Ziel von geostrategischen Interessen ist, was aber wiederum
nicht politisch korrekt genug für die Diskussion war. So verspeiste
die »Geostrategie«, was immer das heißen mag, uns alle zum
Frühstück. Na ja, ausgiebige Frühstücke sind fein; köstliche
Leckerbissen für gemütliche Vormittage am Wochenende.
So
weit, so gut. Ins Globale abzuheben ist aber offensichtlich nicht
der erste Schritt zum neuen Ich. Also noch einmal: Wie fassen wir
unsere Identität, und wie verhilft sie uns zum richtigen »Zuschnitt«
für nachbarschaftliche Gespräche? Wie lange müssen wir noch lernen,
wir selbst zu sein, wo wir doch so nahe beieinander wohnen? Es
stellt sich also heraus, dass wir noch einen langen Weg vor uns
haben ... und wir den Abstecher über das globale Dorf nur genommen
haben, um bei unseren Nachbarn zu landen. Die Globalisierung bringt
uns also näher an unsere Nachbarn, schließlich ist alles ohnehin nur
einen Steinwurf entfernt. Es scheint, als bräuchten wir die
Globalisierung nur zum Regeln unserer nachbarschaftlichen
Beziehungen. Wir werden zu KosmopolitInnen, nur um uns einen festen
legitimen Halt in der Welt zu verschaffen, besonders gegenüber
unseren lokalen Nachbarn! Und ganz beiläufig verlieren wir in diesem
Prozess unser Unterscheidungsvermögen zwischen »Globalisierung« und
»Verwestlichung«. Wir vergessen, dass die Werte der »westlichen
Zivilisation« einen drastischen Sprung gemacht und alle ethischen,
moralischen und ästhetischen Grenzen überschritten haben, um ein
globales Ausmaß zu erreichen - egal, was es kostet. Der elfte
September hat uns einen kleinen Vorgeschmack auf den Preis für diese
Überschreitung gegeben.
Eine legitime Frage bleibt also
unbeantwortet: Was wäre denn eine sinnvolle Taktik, um unsere
Identität wiederzugewinnen? Meiner Meinung nach wäre es eine Art
alchemistischer Prozess, der nur in einer gemeinsamen Diskussion mit
unseren Nachbarn entstehen kann. Die potenzielle Gefahr, sich zu
verlieren, ist immer da, und nur die Zentrifugalkräfte der eigenen
Individualität verhindern das Auseinanderfallen. Aber es gibt auch
Zentripetalkräfte, die eine/n dazu bringen, seine Unterschiede zu
definieren, indem man den gemeinsamen Boden anerkennt und
respektiert, auf dem man selbst und die Nachbarn stehen.
Entwicklungspsychologisch gesehen beginnt die
Identitätsbildung auf einer Stufe, die Jacques Lacan das
»Spiegelstadium« nennt. In diesem Stadium erkennt das Kind erstmals
sein eigenes Spiegelbild. Wenn man dieses Kind vor dem Spiegel
fragt, wo seine Mutter sei, zeigt es auf einen Punkt außerhalb des
Spiegels, weil die Mutter die höchste Autorität darstellt, die
bestätigt, dass das Spiegelbild auch tatsächlich das Kind selbst
darstellt. Anders als eine Zeichnung erscheint das Spiegelbild
vollständig und ganz. Das identitätsstiftende Abbild ist aber in
Wirklichkeit eine Spaltung: »genau das Abbild, das das Kind
verortet, spaltet sein Ich entzwei.« Ich habe das qualvolle Gefühl,
dass wir uns im Sozialisierungsprozess auf dem Balkan in einem
solchen »Spiegelstadium« befinden. In dieser Metapher spielt der
»Westen« die Rolle des Spiegels. Tatsächlich sehen wir im »Westen«
nicht nur das Spiegelbild unserer Gedanken und Einstellungen,
sondern auch das Spiegelbild der aufmerksamen Augen unserer
Nachbarn, die auf der Suche nach Legitimation ihre Blicke ebenfalls
auf den Spiegel richten. Unsere neu entstehenden demokratischen
Institutionen (mir fallen als erstes Stiftungen, Verbände und andere
stipendienvergebende Organisationen ein) übernehmen die Rolle der
Mutter, jener seltsam in Hartwährung umzumünzenden Autorität, die
uns versichert, dass unser Spiegelbild echt ist, ja dass es WIR sind
dort im Spiegel. Letztlich sind wir also doch noch erwachsen
geworden. Es ist nur ein etwas verwirrender Gedanke, dass links
jetzt rechts ist und umgekehrt. Aber es gibt immer noch die
Möglichkeit, nicht in den Spiegel zu blicken - und damit sein Bild,
seine Identität und damit seine Erfolgschancen wieder zu verlieren
und ein »globaler« Nichtsnutz zu werden.
Ich möchte an
dieser Stelle ein paar wichtige Frage stellen: Wie wäre es, wenn wir
selbst mit unseren Nachbarn sprechen? Wie steht es um unseren
Willen, alternative Kunstformen außerhalb der Institutionen zu
entwickeln? Wie kann unsere Motivation und unsere Denkart in ihrer
regionalen, lokalen Besonderheit verstanden, anerkannt und geschätzt
werden, wenn die Bezugspunkte so hartnäckig »westlich« bleiben? Wie
können wir dem »Underground« auf dem Balkan noch eine Chance geben?
Wie sollen wir diesen bilden, ohne dass ihm der Westen seinen
institutionellen Stempel aufdrückt? Und wie lässt sich in einer
Region, in der es leichter fällt, mit Nachbarn aus Deutschland als
mit jenen vom Balkan abzuhängen, verhindern, dass dieser Underground
zur nächsten Mafia verkommt? Ich nenne diese Fragen »Zweifel in
Aktion«. Aus dem bisher Gesagten folgt jedenfalls: Alternatives
Handeln setzt die Fähigkeit zur kritischen Beurteilung von
impliziten und expliziten Werten und von sozialen Handlungen voraus.
Da das zu selten der Fall ist, werden die schüchtern vorgebrachten
Alternativen zur herkömmlichen etablierten Kunst schnell vom
internationalen Publikum überrannt und verlieren so üblicherweise
ihr Profil. Als nächstes degenerieren sie dann zu »Projekten« für
die Verbesserung der Minderheitenlage, für
Geschlechtergerechtigkeit, gegen Drogenmissbrauch, für regionale
Zusammenarbeit und ein paar andere »heiße Themen« (Die EU und ihre
kulturellen Satelliteninstitutionen kaufen dieses Zeug doch gerne,
oder?). Das ist also der Weg zu politisch korrekten Einstellungen
und Gruppenselbstzensur. Fragen wir lieber nicht, was aus den vielen
Kunstinitiativen geworden ist, die die Anforderungen der
Förderinstitutionen nicht erfüllt haben.
Zuletzt: Hat der
»Underground« auf dem Balkan überhaupt noch eine Chance? Es kommt
darauf an. Kommen wir umhin, uns alle möglichen Sichtweisen da
draußen einzuverleiben? Können wir die möglichen Gewinne auf dem
harten Weg zu einer neuen Identität überhaupt abschätzen? Oder
unsere Verluste? Wir können es nur versuchen.
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