Eine Erinnerung

Susanne Kainberger und Markus Moser über die Kunst-Szene von Laibach.


Ljubljana, Mitte der 80er Jahre. Unter der vom kommunistischen Regime ruhiggestellten Oberfläche von Sloweniens Hauptstadt brodelt es. Musiker, Schauspieler, Maler, Literaten und andere Kulturschaffende haben sich zum kämpferischen Kollektiv Neue Slowenische Kunst zusammengeschlossen, dessen musikalische Speerspitze die europaweit erfolgreiche Rockband Laibach ist. Die "Neue Slowenische Kunst" begehrt mit martialischen Manifesten im Stil totalitärer Regimes gegen das System auf und karikiert es damit zugleich. Die wohl radikalste Forderung: Ljubljana solle niedergerissen, und als Reißbrettstadt neu erbaut werden.

Zeitenwende

Etwa 15 Jahre sind vergangen, vieles hat sich verändert, Ljubljana steht freilich immer noch. Zu einem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, das sich heute viel mehr als früher auf den Straßen abspielt, hat sich die Uferpromenade der Ljubljanica entwickelt. Entlang des Flusses, den der Architekt Josef Plecnik um 1930 mit drei kunstvollen Brücken überspannte, haben zahlreiche Cafes und Bars geöffnet. Hier verbringt auch die Kostüm- und Bühnenbildnerin Karin Kosak gerne ihre Freizeit.

"Löwengrube", Volkstheater Wien - Bühnenbild Karin Kosak

Kosak hat jahrelang in Wien gelebt und unter anderem am Volkstheater gearbeitet. Jetzt ist sie nach Ljubljana zurückgekehrt, wo sie die Produktionen des slowenischen Staatstheaters ausstattet, an der Universität unterrichtet und das neue Lebensgefühl in ihrer Heimatstadt durchaus genießt.

Ljubljana, so Karin Kosak, ist einerseits Kleinstadt, andererseits Metropole. Mit 300.000 Einwohnern überschaubar und persönlich, verfügt Ljubljana aber besonders auf kulturellem Gebiet über alle Einrichtungen einer Hauptstadt. Vor allem die Avantgarde-Theater-Szene genießt europaweit große Aufmerksamkeit.

Avantgarde im All

Einer der Protagonisten des slowenischen Avantgardetheaters ist Dragan Zivadinov, Mitbegründer der "Neuen Slowenischen Kunst" und ausgebildeter... Astronaut! Zivadinov lebt in Ljubljana, seine Arbeiten entstehen im Weltraum. 1995 unternahm er mit 16 Schauspielern in einer russischen Trainingsmaschine einen sogenannten Parabelflug um tausende Kilometer über Moskau sein "Drama der Schwerelosigkeit" aufzuführen. Im Internet sind die Szenen des Stücks abrufbar.

Virtuell sind Dragan Zivadinovs Theatervorstellungen, und virtuell scheint ihm auch seine irdische Heimat: "Der slowenische Staat existiert doch nur im Fernsehen, um halb acht Uhr Abends in den Landesnachrichten", sagt Dragan Zivadinov. "Aber Ljubljana ist eine clevere Stadt. Hier werden Energien sehr gut organisiert, Kräfte sehr gut gebündelt, und das ist die perfekte Basis für kreative geistige Arbeit. Die beste Stadt für dieses Prinzip ist New York: ungeheuer präzise, aber fast schon zu groß. Ljubljana ist kleiner, und das ist ein Vorteil."

Geschärfter Blick

Nach längerem Aufenthalt in Südamerika ist der Fotograf Marko Modic nach Ljubljana zurückgekehrt, um einen Bildband über seine Heimatstadt zu gestalten. Der Aufenthalt in der Ferne, so sagt er, habe ihm den Blick geschärft für das scheinbar Vertraute und doch so oft Übersehene.

Dass Ljubljana sich nach Kräften bemüht, eine moderne, europareife Metropole zu werden, dass allerorts architektonische Zeugen der bewegten Stadtgeschichte verschwinden und stattdessen schicke Cafes und Boutiquen eröffnen, beobachtet der Fotokünstler mit Skepsis: "Laibach ist von der Lage aber auch von der Stimmung ziemlich genau zwischen Wien und Florenz, zwischen München und Sarajewo angesiedelt. Was ich nicht möchte ist, dass die Stadt jetzt über-renoviert und herausgeputzt wird. Die Patina verschwindet ohnedies viel zu rasch. Straßen und Häuser, die ich vor 5 Jahren fotografiert habe, sind heute nicht wiederzuerkennen. Es ist unglaublich, wie schnell sich Dinge verändern oder verschwinden."

Dem Kleinstadtleben in Ljubljana kann der weitgereiste Marko Modic allerdings nicht nur positives abgewinnen: "Es ist unmöglich, auf die Straße zu gehen, und einmal niemanden zu treffen den man kennt, unmöglich ein Fremder in dieser Stadt zu sein... ein Gefühl, das für mich aber sehr wichtig wäre. Ich sollte einmal mit Perücke, Sonnenbrille und Bart verkleidet hinausgehen, als kleiner Versuch über die Anonymität, über das fremd-sein. In Paris kannst du zwei Jahre verschwinden und keiner findet dich. Das mag ich sehr."

Schlafende Stadt

Auch Karin Kosak ist die neue Beschaulichkeit in Ljubljana ein wenig verdächtig. Eine gewisse Politikmüdigkeit sei festzustellen, von der auch die Kreativen angesteckt zu sein scheinen. In den 80er Jahren sei man an den Theatern sehr weit gegangen, und auch Schriftsteller, Maler oder Musiker hätten das Regime offen kritisier: "Manche von ihnen haben dafür auch Haftstrafen verbüßt. Heute müssen sich die Künstler neu orientieren, die kreative Kraft des Widerstands ist weggefallen. Und leider zeigt sich die Kunstszene in Ljubljana derzeit eher unpolitisch, obwohl es gerade auf diesem Gebiet noch immer oder schon wieder vieles aufzuarbeiten gäbe. Es ist eine Stagnation eingetreten, die ich persönlich zutiefst bedauere."

Tipp:

Detaillierte Hinweise zum Programmschwerpunkt Slowenien auf der Site von Ö1.

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