Ich Cowboy, du Pferd
(cai) Das hab’ ich natürlich schon
irgendwie als narzisstische Kränkung empfunden, dass mich ausgerechnet
in einer Galerie kein Schwein als Kunstwerk erkannt hat. Und dabei hab’
ich mir solche Mühe gegeben, dem Titel der Ausstellung ("Porträt")
gerecht zu werden. Hab’ mich daheim vor den Spiegel gesetzt, mir mit
Fond de Teint das Gesicht grundiert, als wär’s eine Malerleinwand, hab’
ein bissl herumgeschmiert (eine Technik, die man "Schminken" nennt),
und fertig war das idealisierte Selbstporträt.
Na gut, wahrscheinlich war mein Opus einfach zu konservativ (zu
"Mona-Lisa-lastig"), um aufzufallen. Und mit Oleg Kasumovics romantisch
kitschigen Selbstinszenierungen als schwuler amerikanischer Traum hätt’
ich sowieso nicht mithalten können. Ach, mit einem autostoppenden
Cowboy, auf dessen Schild "Brokeback Mountain" steht? Nein, aber mit
einem provokant lasziven Marlboro-Mann mit Lasso. Für so viel
bewundernswerte Selbstironie bin ich halt zu eitel. Perfekt, geradezu
altmeisterlich komponiert sind auch die Fotos von Laura Ribero. Die
Kolumbianerin posiert als verträumtes Hausmädel in den Originalkulissen
einer beliebten Telenovela.
Und hinten im Kino der Galerie läuft so etwas wie ein
Aufklärungsfilm (von Andrea Loux). Familie intim. Ein herrlich böses
Gruppenbild mit Torte. Am Ende werden die Servietten zu Waffen. In
einem Sadomaso-Ritual wischt man sich gegenseitig den Mund ab. Kurz:
Geburtstage sind Psychoterror. Ärgerlich ist freilich Lucia Nimcovás
Beitrag. Ihr allzu kunstloser Stil. Besonders dieses merkwürdige
"Fitnessvideo" in beinharter Amateurästhetik. (Personen der Generation
70 + vollführen unbeholfene gymnastische Bewegungen.) Ob Dilettantismus
eine Kunstrichtung ist?
Auch Schweigen ist Musik
(cai)Es gibt ja eigentlich eh nur zwei Methoden, um ein Bild nach
Aktionisten-Art vollzukriegen: die schnelle und die schnellere, äh die
langsame. Also quasi die Methode "Diarrhö", wo die Farbe wie eine
Naturgewalt über die Fläche hereinbricht, oder die genießerische
Methode "tropfender Wasserhahn". Jocelyne Takahashi-Trouttet bevorzugt
eindeutig Letztere, wenn sie aus drei Metern Höhe Ölfarbe
heruntertröpfeln lässt. Ist der Gatsch endlich getrocknet, kratzt sie
aus dem "Gravitationszentrum" einen Kreis heraus, der noch erahnen
lässt, dass das Papier an dieser Stelle schon viel hinter sich hat und
dass keine Energie definitiv verloren geht. Die Technik hat wirklich
ihren Charme. Und wenn die Französin mit einem fünfzinkigen
Zeichengerät (leider mäßig aufregende) rhythmische Notenlinien auf
weißen Blättern hinterlässt, ist das theoretisch eine Partitur für
stille Musik (es fehlen ja die Noten). Bei Hisako Sugiyama wiederum
stecken in einem quadratischen Rahmen parallele Metallstaberln, die ein
"unsichtbares" Oval in der Mitte aussparen. Etwas, das im Grunde gar
nicht da ist, ist es trotzdem. (Die dunkle Materie?)
Gurgeln mit Hühnersuppe
(cai)Franz Türtscher hätte es sich viel einfacher machen können.
Zwischendurch einen Filzstift nehmen oder so. Stattdessen hat er sogar
die feinsten Linien zunächst auf beiden Seiten stur mit Klebeband
abgeklebt und nachher mit schwarzer Farbe ausgefüllt. Solche extremen
Bußübungen imponieren mir eben. Ich stell’ mir dann immer vor, der
Büßer würd’ sich auch noch enthaltsam ernähren . Von Hühnersuppe und alten Semmeln. Und was hab’
ich mich angestrengt, in diesem eindrucksvollen Gewirr ein logisches
Muster zu erkennen! Ist das jetzt Ordnung oder Chaos? Ach, vermutlich
beides.
Fotogalerie Wien
(Währinger Straße 59) Porträt Bis 1. April Di. – Fr.: 14 – 19 Uhr Sa.: 10 – 14 Uhr
Galerie Atrium ed Arte
(Lerchenfelderstraße 31) Umlaufbahnen Bis 4. April Di. – Fr.: 14 – 18.30 Uhr Sa.: 11 – 14 Uhr
Galerie Lindner
(Schmalzhofgasse 13/3) Franz Türtscher Bis 10. April Di. – Fr.: 14 – 18 Uhr
Printausgabe vom Mittwoch, 25. März 2009
Kommentar senden:
* Kommentare werden nicht automatisch
veröffentlicht. Die Redaktion behält sich vor Kommentare abzulehnen.
Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als Leserbrief in
der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die Angabe einer
nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese Adresse wird
online nicht veröffentlicht.