Die Ausstellung "Mit uns ist kein (National)Staat
zu machen" im Kunstraum Niederösterreich
"Essen! Essen! Jamjam! Jamjam!"
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Can Gülcü und Petja Dimitrova, Intervention auf dem Palais
Niederösterreich. Foto: www.redtenbacher.net
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Von Christof Habres

Bei Wahlen in
Österreich kommt es wie das Amen im Gebet. Seit dem verstärkten
Aufkommen ausländerfeindlicher, nationalistischer Tendenzen in den
1980er-Jahren wird die Thematik Migration von den meisten Parteien auf
der Klaviatur der Wahlpropaganda (oft im Einklang mit heimischen
Printmedien) auf und ab gespielt – bei manchen Parteien mit einer tief
verwurzelten rechtsradikalen Ideologie im Hintergrund, bei anderen aus
purer Hilflosigkeit diesem Thema gegenüber und einer eigenartigen
Unfähigkeit, sich diesem politischen Diskurs stellen zu können oder zu
wollen.
Und um auch vor jeder Wahl wieder zu vergessen, dass jene
unzufriedene und diesen Extremen zuneigende Wählerschicht immer zum
Schmied, das heißt zu den am lautesten Schreienden und Unverfrorensten,
gehen wird und niemals zum "Schmiedl", der dieses Thema als
nationalistisches und fremdenfeindliches Feigenblatt verwendet.
Dass durch diese Vorgehensweise Migranten aus nicht EU-Staaten immer
mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, zählt anscheinend
weniger als präsumtiver Stimmengewinn.
Der "Kunstraum Niederösterreich" nimmt sich in seiner neusten
Ausstellung "Mit uns ist kein (National)Staat zu machen" dieser
Problematik an. Das Kuratorenduo Ursula Maria Probst und Walter Seidl
hat gemeinsam mit 14 Künstlern, die teilweise selbst
Migrationshintergrund haben, eine sehr dichte Präsentation
zusammengestellt, die die Mechanismen der Ausgrenzung auf verschiedenen
Ebenen transparent macht.
Die teilnehmenden Künstler nähern sich dem Thema unterschiedlich: So
wird der Besucher von einer harschen Stimme mit "Essen! Essen! Jamjam!
Jamjam!" begrüßt. Diese verstörende Toninstallation der Künstlerin Anna
Jermolaewa, die 1970 im damaligen Leningrad geboren wurde, verweist auf
die Essenausgabe im "Flüchtlingslager" Traiskirchen, in das sie nach
ihrer Flucht aus der Sowjetunion gebracht wurde. Die
niederösterreichische Klein stadt Traiskirchen mit ihrer
Erstaufnahmestelle für Asylwerber ist auch Thema der vier Künstlerinnen
Eva Engelbert, Marlene Hausegger, Tina Oberleitner und Roswitha
Weingrill.
In ihrer gemeinsamen Präsentation, die sich der Medien Zeichnung,
Fotografie und Installation bedient, zeichnen sie ein vielschichtiges
Porträt der Stadt, die in den letzten Jahrzehnten mit der meist negativ
verwendeten Konnotation des Begriffs "Zuwanderung" verbunden wurde. Der
fotografische Stadtrundgang von Eva Engelbert zeigt zum Beispiel sehr
ironisch auf, inwieweit die Globalisierung in dieser Industriestadt im
Privaten Einzug gehalten hat: Da sind nicht nur Unmengen von
Satellitenschüsseln auf einzelnen Fotos zu erkennen, sondern es wird
auch der neue Bauchtanzkurs beworben, bis zum handgeschriebenen Schild
am Gartentor, dass vor den bissigen Hunden warnt – in englischer
Sprache. Der von den vier Künstlerinnen eigens produzierte, lesenswerte
Katalog "Traiskirchen" ermöglicht eine noch tiefgehendere Beschäftigung
mit diesem vielzitierten Ort.
Der Künstler Ovidiu Anton findet für seine Arbeit ebenfalls einen
sehr persönlichen Zugang. Mit Videos und Fotostills, die auf drei
Wandflächen projiziert werden, zeigt er den Fluchtweg seines Vaters von
Rumänien nach Österreich. In einer Form der "oral history" erinnert sich
sein Vater noch sehr genau an die einzelnen Stationen seiner Flucht und
kann noch heute Landstriche detailliert beschreiben. Der Künstler Can
Gülcü hat ein erschreckendes Archiv – "Handapparat Migranten" –
zusammengestellt, in dem die einzelnen Fälle von, manchmal tödlicher,
Behördenwillkür gegenüber Ausländern (wie bei Omofuma oder Seibane
Wague) dokumentiert wird.
Wuchtige Textkollage
Petja Dimitrova erhebt in ihrer Installation – eine wuchtige
Textcollage, die in Sprechblasen auf die Wand aufgetragen wurde –
Anklage gegen Politiker und Medien, die unentwegt den Rassismus schüren.
Dem Umgang der Medien mit dieser Thematik widmet sich auch die Arbeit
von Hansel Sato, der eine von ihm gegründete Gratiszeitung
"Österreichische Nachrichten" unter die Leute brachte, mit der erfreuten
Überschrift "Wir sind raus aus der EU". Diese Überschrift könnte sich
auch auf dem meistgelesenen Kleinformat Österreichs befinden, der Inhalt
beschäftigt sich jedoch mit antirassistischen und multikulturellen
Themen. Leser sollen damit von den tradierten und medial gut genährten
Stereotypen abgebracht werden. Betrachtet man die Fotos, die der
Künstler von den Menschen beim Lesen seiner Zeitung gemacht hat und die
ungläubigen Blicke, wird eines ganz klar: Mit einer Ausgabe wird es
nicht getan sein.
"Mit uns ist kein (National)Staat zu machen" fordert vom Besucher
Aufmerksamkeit und Beschäftigung mit der Thematik ein, die man dieser
gut zusammengestellten Ausstellung auch geben sollte. Leider werden zu
wenige Politiker zugegen sein.
Ausstellung
Kunstraum Niederösterreich
"Mit uns ist kein
(National)Staat zu machen."
http://www.kunstraum.net
Zu sehen
bis 11. Dezember
Printausgabe vom Freitag, 08.
Oktober 2010
Online seit: Donnerstag, 07. Oktober 2010 16:46:00
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