Auf Zeit sucht zeitlos Gültiges ein neues Haus auf
WIEN (SN, APA). In einem einzigartigen Kunstareal hat sich Walter Pichler über Jahrzehnte im Südburgenland seine Welt nach seinen Maßstäben errichtet: maßgeschneiderte Behausungen für seine Figuren und Objekte. Aus dem Kunstbetrieb hat sich der so unbeirrbar konsequente wie monomanische Künstler, der am 1. Oktober 75 Jahre alt wird, längst zurückgezogen. Jetzt macht er eine Ausnahme. Als Letztem in der von Langzeitdirektor Peter Noever im Museum für angewandte Kunst (MAK) ausgerichteten Reihe „Künstler im Fokus“ ist Walter Pichler seit Dienstag eine beeindruckende Werkschau mit Zeichnungen, Modellen und Skulpturen gewidmet. Die Eröffnung gestaltete sich denn auch wie eine vorweggenommene Geburtstagsfeier.
Pichlers Arbeiten erfordern – das beweist auch diese Museumsschau – Ruhe und Konzentration beim Betrachten. Dass Skulpturen wie die an ein Star-Wars-Relikt erinnernde und in der Ausstellung mit einem halbtransparenten Umhang bekleidete „Bewegliche Figur“, der „Herumsteher“, die zierliche „Zusammengesetzte Figur (Kopf von Dieter Roth)“, „Rumpf“ und „Kleiner Rumpf“ sich aber auch im Partygedränge durchsetzen, zeigt ihre genuine Kraft. Sie vermitteln in der ungewöhnlichen Materialkombination, etwa von Holz, Lehm, Stroh, Blei und Zinn beim „Kleinen Rumpf“, in der Reduziertheit ihrer Formen und der Perfektion ihrer Ausführung eine geheimnisvolle Aura.
Die Ausstellung ist zugleich elegant (etwa in der Anbringung zweier Stabskulpturen über der in den Ausstellungsraum führenden Stiege) und verstörend. Auf dem mit Metall und scharf gebrochenem Glas bearbeiteten „Bett“ möchte man nicht liegen.
Immer ist der Mensch das Maß aller Dinge, als stark reduzierte, fast abstrahierte Idee oder als Beginn einer Neuschöpfung durch den asketischen Denker und Künstler Pichler.
Spartentrennungen und Grenzziehungen spielten für Pichler keine Rolle, sagte MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein. „Er macht Architektur, Design, Kunst und Skulptur fruchtbar für seine Arbeit. Es hängt alles miteinander zusammen.“ Walter Pichlers Werk sei „etwas ganz Besonderes. Er lässt sich viel Zeit. Er setzt Zeit außer Kraft. Doch zeitlos ist das Gegenteil von altmodisch. Walter Pichlers Kunst ist zeitlos gültig. Dieses Werk altert nicht.“ Mit einer „unendlichen Liebe zur Vollendung im kleinsten Detail“ habe Pichler „zu den fundamentalen Fragen des Lebens gefunden“.
Die Ausstellung ist bis 26. Februar 2012 zu sehen. Der Ausstellungskatalog ist im Verlag Jung und Jung erschienen.












