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27.10.2001 - Ausstellung
Trauer-Marsch und Riesen-Schöpfung
Adolf Wölfli (1864 bis 1930) ist der wohl berühmteste unter allen Außenseiter-Künstlern. Einen Einblick in seine Weltvorstellungen vermitteln zwei Säle in der Sammlung Essl.


In den späteren Zeichenheften "Trauer-Marsch", die auf 8300 Seiten die "Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung" begleiten, findet sich ein besonders kennzeichnendes Blatt. Das ist der "Skt. Adolf-Schweizer-Thurm" von 1918. Das bauchige Gebilde wird von maskenhaften Gesichtern mit verschatteten Augen bewacht. Es sind die des internierten Adolf Wölfli.

Wie bei ihm üblich, wird der Aufbau dieser Zeichnung von Begriffen, Satzfragmenten, Ziffern begleitet. Sie sind Teil der "Erfindungen", auf die der von 1895 bis an sein Lebensende in der "Irrenanstalt" Bern-Waldau als "Schizophrener" festgehaltene "Nathurforscher, Dichter, Schreiber, Zeichner, Componist" etc. Anspruch erhebt. Mit Psychopharmaka hatte er keine Bekanntschaft schließen müssen - sie hätten sein Schöpfertum untergraben.

Wölflis Arzt Walter Morgenthaler veröffentlichte 1921 (ein Jahr vor Prinzhorns "Bildnerei der Geisteskranken") eine Biographie, die in Fachkreisen mißverstanden wurde. Rilke allerdings rezensierte das Buch in der Neuen Zürcher Zeitung und schrieb an Lou Andreas-Salomé, es werde "dazu helfen, einmal über die Ursprünge des Produktiven neue Aufschlüsse zu gewinnen . . .".

Aber durch etwa vier Jahrzehnte rührte sich nichts, weil ein "Geisteskranker als Künstler" (Morgenthaler) nicht denkbar war. Wölfli hinterließ etwa 25.000 Manuskript-Seiten, 3000 Illustrationen und 800 bildmäßige Zeichnungen in einer Art ornamentalem Horror Vacui. In vier Gruppen von frühen Zeichnungen bis zum "Trauer-Marsch" (1928-1930) werden nun Segmente aus Wölflis Hinterlassenschaft präsentiert. Für Wien bedeutet dies die erste Gelegenheit seit 1976 sich vor Originalen in Wölflis Weltorganisationen und -Choreographien einzulesen.

Die erneut als Leihgeber fungierende A.W.-Stiftung im Kunstmuseum Bern ist seit Jahren damit beschäftigt, Wölflis Kosmen mit philologischer Akribie zu katalogisieren, zu reproduzieren und zu dechiffrieren. Davon profitiert jetzt auch die dem einstigen Landarbeiter ("Gäärtner") geltende Begleitpublikation in Form eines Sonderhefts der Zeitschrift "Wespennest". In ihr werden Wölflis "Kopfwelten", seine "Kon-gregationen des Weltalls" von mehreren Autoren kommentiert.

Der "Trauer-Marsch" aber faßt dieses "Weltall", eingegossen in ein autobiographisches Werk, nochmals zusammen. Wölfli ist in seinem Herrschaftsbereich der Wächter und auch eine Art Heiliger, der über seine Kopfformen häufig eine Kreuzform stellt. Der Erforscher seiner selbst schrieb an anderer Stelle: "Bleibt eigentlich nichts mehr zu sagen, nur mehr zu schauen. Gloria. Amen".

Bis 9. 12., Di.-So. 10-19, Mi. bis 21 Uhr. Die Schau findet im Rahmen von "Wien Modern" und des Projekts "CHinA Schweiz in Österreich" statt.



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