In den späteren Zeichenheften "Trauer-Marsch", die auf
8300 Seiten die "Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung" begleiten, findet sich ein
besonders kennzeichnendes Blatt. Das ist der "Skt. Adolf-Schweizer-Thurm"
von 1918. Das bauchige Gebilde wird von maskenhaften Gesichtern mit
verschatteten Augen bewacht. Es sind die des internierten Adolf Wölfli.
Wie bei ihm üblich, wird der Aufbau dieser Zeichnung von
Begriffen, Satzfragmenten, Ziffern begleitet. Sie sind Teil der
"Erfindungen", auf die der von 1895 bis an sein Lebensende in der
"Irrenanstalt" Bern-Waldau als "Schizophrener" festgehaltene
"Nathurforscher, Dichter, Schreiber, Zeichner, Componist" etc. Anspruch
erhebt. Mit Psychopharmaka hatte er keine Bekanntschaft schließen müssen -
sie hätten sein Schöpfertum untergraben.
Wölflis Arzt Walter Morgenthaler veröffentlichte 1921
(ein Jahr vor Prinzhorns "Bildnerei der Geisteskranken") eine Biographie,
die in Fachkreisen mißverstanden wurde. Rilke allerdings rezensierte das
Buch in der Neuen Zürcher Zeitung und schrieb an Lou Andreas-Salomé, es
werde "dazu helfen, einmal über die Ursprünge des Produktiven neue
Aufschlüsse zu gewinnen . . .".
Aber durch etwa vier Jahrzehnte rührte sich nichts, weil
ein "Geisteskranker als Künstler" (Morgenthaler) nicht denkbar war. Wölfli
hinterließ etwa 25.000 Manuskript-Seiten, 3000 Illustrationen und 800
bildmäßige Zeichnungen in einer Art ornamentalem Horror Vacui. In vier
Gruppen von frühen Zeichnungen bis zum "Trauer-Marsch" (1928-1930) werden
nun Segmente aus Wölflis Hinterlassenschaft präsentiert. Für Wien bedeutet
dies die erste Gelegenheit seit 1976 sich vor Originalen in Wölflis
Weltorganisationen und -Choreographien einzulesen.
Die erneut als Leihgeber fungierende A.W.-Stiftung im
Kunstmuseum Bern ist seit Jahren damit beschäftigt, Wölflis Kosmen mit
philologischer Akribie zu katalogisieren, zu reproduzieren und zu
dechiffrieren. Davon profitiert jetzt auch die dem einstigen Landarbeiter
("Gäärtner") geltende Begleitpublikation in Form eines Sonderhefts der
Zeitschrift "Wespennest". In ihr werden Wölflis "Kopfwelten", seine
"Kon-gregationen des Weltalls" von mehreren Autoren kommentiert.
Der "Trauer-Marsch" aber faßt dieses "Weltall",
eingegossen in ein autobiographisches Werk, nochmals zusammen. Wölfli ist
in seinem Herrschaftsbereich der Wächter und auch eine Art Heiliger, der
über seine Kopfformen häufig eine Kreuzform stellt. Der Erforscher seiner
selbst schrieb an anderer Stelle: "Bleibt eigentlich nichts mehr zu sagen,
nur mehr zu schauen. Gloria. Amen".
Bis 9. 12., Di.-So. 10-19, Mi. bis 21 Uhr. Die Schau
findet im Rahmen von "Wien Modern" und des Projekts "CHinA Schweiz in
Österreich" statt.
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