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Ganz privat

Agnes Husslein ist die neue Direktorin der Österreichischen Galerie Belvedere. Mit Fleiß, dicker Haut und großem Netzwerk hat es die Wienerin als erste Frau an die Spitze eines Bundesmuseums für Kunst geschafft.
 
Falter 04/2007 vom 24.1.2007
Ressort Kultur > Kunst
Autor Matthias Dusini


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Am liebsten sammle sie Salzstreuer, verriet die Kunsthistorikerin Agnes Husslein unlängst der Illustrierten News. Überhaupt sei Sammeln ihre große Leidenschaft, Sammeln und Einrichten. „Meinen Mann Peter bring ich damit zur Verzweiflung.“ Seit drei Wochen darf die 52-jährige Wienerin ihre privaten Leidenschaften in einem staatlichen Museum ausleben. Sie ist die neue Direktorin der Österreichischen Galerie Belvedere; der langjährige Direktor Gerbert Frodl verabschiedete sich Ende letzten Jahres in den Ruhestand.
Im letzten März entschied sich die damalige Kulturministerin Elisabeth Gehrer für eine Managerin, die das Gegenteil einer Überraschungskandidatin war. Die Spatzen pfiffen es bereits vor zwei Jahren von den Dächern: Die Direktorin des Salzburger Museums der Moderne, deren Vertragsverlängerung damals unwahrscheinlich erschien, schaue sich in der Bundeshauptstadt nach einem größeren Museum in guter Lage um; die Spatzen pfiffen richtig. Überraschung war Husslein auch insofern keine, als sie zum Kernbestand der sogenannten Seitenblicke-Gesellschaft gehört und ihr Antlitz fast täglich in Berichten über Premieren, Charitygalas und Bälle auftaucht.
Mit diesem Prominenzfaktor allein hätte die Kandidatin die Bestellungskommission unter der Leitung Wilfried Seipels, des Generaldirektors des Kunsthistorischen Museums, allerdings nicht überzeugen können. Sie besitzt einen unbändigen Gestaltungswillen, der nun die richtige Eigenschaft dafür sein könnte, um die Österreichische Galerie zu modernisieren. „Auf gut Wienerisch: Sie hat sich noch nie um irgendwas gschissen“, umschreibt die Galeristin Silvia Steinek Hussleins couragiertes Auftreten. Kritiker interpretieren diese Eigenschaft als Skrupellosigkeit und verweisen auf ihre Dienste für den Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider, der auch das Kulturreferat des Bundeslandes leitet. Husslein managte neben ihren Salzburger Aktivitäten die Umstrukturierung der Landesgalerie in das Museum Moderner Kunst Kärnten und verschaffte dem rechtslastigen Politiker durch ihre Kontakte einen Auftritt in der Kunstszene.
Als die Wiener Künstlergruppe Gelatin 2003 mit einer für das Salzburger Museum der Moderne modellierten pornografischen Skulptur einen Skandal provozierte, versuchte Husslein, damals noch Direktorin des Museums, ihr ramponiertes Image zu korrigieren; sie stellte sich demonstrativ hinter das Projekt. Ihr grober Hobel hinterließ auch einen Haufen zwischenmenschlicher Späne. „Sie knüppelt auf ihnen rum, bis sie heulen“, beschreibt ein Kurator Hussleins Mitarbeiterführung. Mit ihrer harten Gangart war sie durchaus erfolgreich: Sie baute Anfang der Achtziger die Wien-Filiale des Auktionshauses Sotheby’s auf und brachte in Salzburg das Museum der Moderne auf Kurs. „Dass das Museum dort oben steht, hat die Stadt ihrem Temperament zu verdanken“, kommentiert der Museumskonsulent Dieter Bogner ihren Anteil am Aufbau einer musealen Infrastruktur, die 2004 mit der Eröffnung eines neuen Hauses am Mönchsberg abgeschlossen wurde. „Geht nicht, gibt es nicht“, lautete ihr Motto beim mühsamen Umbau einer verstaubten Landeseinrichtung in eine nach privatwirtschaftlichen Kriterien geführte GesmbH.
Auch an ihrem neuen Arbeitsplatz hat Hussleins Veränderungsdrang bereits erste Spuren hinterlassen. Die Sammlungskustoden wurden aus der unmittelbaren Umgebung des Direktorenzimmers verbannt und machten der Presse- und der neu eingerichteten Marketingabteilung Platz. Die Mittelaltersammlung im Unteren Belvedere wanderte vorübergehend ins Depot. Und sie engagierte Alfred Weidinger, den stellvertretenden Direktor der Graphischen Sammlung Albertina, der sie bei ihren zahlreichen Vorhaben unterstützen soll.

Ein mit großer Selbstdisziplin gepaarter Hang zum Exhibitionismus lässt sich in Hussleins Biografie schon früh erkennen. Hartes Arbeiten im Rampenlicht ist sie von klein auf gewöhnt. Fünf Jahre lang trainierte der Lebensmittelchemiker Adrian Perco mit Husslein, die damals noch mit ihrem ledigen Nachnamen Arco hieß, täglich auf dem Eislaufplatz am Heumarkt und in der Stadthalle. „Sie war quicklebendig und zielstrebig“, erinnert er sich, „und sie hat immer genau gewusst, was sie wollte.“ Sie war 17, als sie mit Perco österreichische Staatsmeisterin im Eistanz wurde, und gab den Sport auch dann nicht auf, als sie an der Wiener Universität Kunstgeschichte studierte. „Meine Freunde haben gesagt, du bist verrückt. Warum kommst du nicht mit ins Hawelka?!“, erinnert sich Husslein an den Spagat zwischen Sport und antiautoritärem Zeitgeist.
„Agnes war die Bravste“, sagt Brigitte Huck, die ebenso wie die Albertina-Kuratorin Monika Faber eine Studienkollegin Hussleins und eifrige Besucherin des Boheme-Cafés Hawelka war. Nach dem Thema ihrer Dissertation brauchte die sportliche Agnes nicht lange zu suchen; sie analysierte Fresken ihres malenden Großvaters Herbert Boeckl. Was ihren Kolleginnen als brav und angepasst erschien, bedeutete für den Spross der Grafenfamilie Arco bereits einen Bruch mit den Konventionen. „Mein Vater hat sich sehr mit uns Geschwistern beschäftigt und darauf geschaut, dass wir eine Ausbildung haben. Er wollte nicht, dass seine Kinder in eine Abhängigkeit von anderen geraten.“
Während des Studiums begann sie am Auktionshaus Dorotheum zu jobben und gab auch später, als sie für Sotheby’s arbeitete und zwei Kinder zu versorgen hatte, ihren Beruf nicht auf. „Das war zum Teil sehr schwer. Ich wurde in meiner Familie immer wieder angefeindet nach dem Motto: Bleib gefälligst zu Hause bei den Kindern!“ Agnes Arco, die Mitte zwanzig den Gynäkologen Peter Husslein heiratete, bewegte sich stets am Kreuzungspunkt zweier sozialer Perspektiven. In der linksliberalen Kunstszene wurde sie als höheres Töchterchen aus der Perlenkettenfraktion wahrgenommen. Im eigenen, stockkonservativen Milieu, in dem bereits das U-Bahn-Fahren eine Art Abenteuer darstellt, galt eine berufstätige Frau, die mit „verrückten“ Künstlern zu tun hatte, fast schon als Revoluzzerin.
Als bunter Tupfer auf tiefschwarzem Grund fiel sie auch dem ÖVP-Politiker Erhard Busek auf, der sie Mitte der Neunziger zur Kultursprecherin seiner Partei machen wollte, sich dann aber doch für den Schauspieler Franz Morak entschied und Husslein ins ORF-Kuratorium schickte. Da hatte Husslein bereits eine Karriere im Kunsthandel hinter sich und arbeitete außerdem für das New Yorker Guggenheim Museum, das mit Filialen nach Europa expandieren wollte. Als Geschäftsführerin von Sotheby’s Wien mischte sie in den Achtzigerjahren den heimischen Auktionshandel auf. „In der Kundenakquise war sie revolutionär“, sagt Otto Hans Ressler vom Auktionshaus Wiener Kunstauktionen.
Der damals noch staatliche Monopolist Dorotheum wiegte sich in falscher Sicherheit; die energische, gut aussehende Newcomerin mit Ferienhaus am Wörthersee wurde rasch zur Vertrauensperson vieler verarmter Adeliger, die ihren Edeltrödel zu Schotter machen wollten, ohne das Gefühl zu haben, im Pfandl das Familiensilber zu verscherbeln. Husslein versüßte ihnen die Trennung mit Einladungen zu Dinnerpartys, suchte mit glamourös inszenierten Benefizauktionen auch den öffentlichkeitswirksamen Kontakt zur glamouröseren Gegenwartskunst.

Die weniger gelungenen Pirouetten ihrer Karriere werden von Husslein nonchalant retuschiert. In ihrem Lebenslauf führt sie etwa ihre Tätigkeit im Vorstand der Secession an, obwohl sie lediglich dessen mäzenatischem Freundeskreis angehörte und von dort 2000 wegen ihrer Kontakte zur FPÖ hinauskomplimentiert wurde. Als ebenso wenig staatsmeisterlich gelten ihre Kenntnisse als Kunsthistorikerin. Bei Sotheby’s überließ sie die Expertise gerne anderen und konzentrierte sich auf das Management. „Sie ist pure Performanz ohne Kompetenz“, beurteilt der Kunsthistoriker Rainer Metzger ihre Sachkenntnisse; die wissenschaftliche Laufbahn Hussleins endete mit der Dissertation über Opas Fresken. Der sonst so redegewandte Kollege Klaus Albrecht Schröder von der Albertina macht erst mal eine lange Pause, als er nach einer von Husslein persönlich konzipierten Ausstellung gefragt wird. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie weiß, wovon wir reden“, erinnert sich der Hamburger Kunsthistoriker Roberto Ohrt, der für Husslein 2005 mit Margrit Brehm die Ausstellung „Les Grands Spectacles“ konzipierte.
So umstritten Hussleins Qualitäten als Kunstkennerin auch sein mögen: Ihre guten Kontakte zu Sammlern und Mäzenen ermöglichten es ihr schon in Salzburg, in kurzer Zeit in einem Provinzmuseum Ausstellungen internationalen Formats zu organisieren. „Sie ist eine großartige Lobbyistin mit einem zielstrebigen Zug zu den Mächtigen des Landes“, beschreibt der Societyreporter Dominic Heinzl Hussleins Fähigkeit, potenzielle Mäzene zu umgarnen. Büro- und Societyaktivitäten sind bei ihr ebenso miteinander verflochten wie ihre Arbeitsbeziehungen mit Banden familiärer und freundschaftlicher Natur. Da gibt es den Cousin Matthias Boeckl, der mit ihr Ausstellungen gemacht hat, dann den malenden Onkel Carl Unger, dessen Sohn Felix Herzchirurg ist und der sie in den späten Achtzigerjahren dem damals neuen Guggenheim-Direktor Thomas Krens vorstellte, der wiederum mit ihr eine Guggenheim-Filiale im Salzburger Mönchsberg nach Plänen des Architekten Hans Hollein realisieren wollte, dessen Sohn Max wiederum durch Hussleins Empfehlung ihren Job als europäischer Guggenheim-Vertreter übernahm ...
„Man hat Beziehungen, man hat Familie, und man hat Freunde“, sagt Husslein, auf eine von ihr gestaltete Auslage in einem Möbelhaus am Kohlmarkt angesprochen. Dessen Geschäftsführerin Evi Schmertzing-Thonet sei mit einem Cousin von ihr verheiratet. Ihr Einrichtungsstil stand unter dem Motto „Die neue Pracht“, ihre Freundin Spängi Meinl bevorzugte „chic und ironique“. Das Verwischen der privaten mit der öffentlichen Sphäre führte auch zu dem bisher größten Ausrutscher in Hussleins Karriere, als sie den Industriellen Thomas Prinzhorn, der damals als Spitzenkandidat der FPÖ für die Nationalratswahl kandidierte, zu einem Vortrag in ihre Wohnung einlud. Noch heute ärgert sich Husslein, dass in News brühwarm darüber berichtet wurde. „Es war ganz privat.“

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