Ganz privat
![]() |
| |||||||
diesen Falter bestellen | ||||||||
Am liebsten sammle sie Salzstreuer, verriet die Kunsthistorikerin Agnes
Husslein unlängst der Illustrierten News. Überhaupt sei Sammeln ihre
große Leidenschaft, Sammeln und Einrichten. „Meinen Mann Peter bring
ich damit zur Verzweiflung.“ Seit drei Wochen darf die 52-jährige
Wienerin ihre privaten Leidenschaften in einem staatlichen Museum
ausleben. Sie ist die neue Direktorin der Österreichischen Galerie
Belvedere; der langjährige Direktor Gerbert Frodl verabschiedete sich
Ende letzten Jahres in den Ruhestand.
Im letzten März entschied sich die damalige Kulturministerin Elisabeth
Gehrer für eine Managerin, die das Gegenteil einer
Überraschungskandidatin war. Die Spatzen pfiffen es bereits vor zwei
Jahren von den Dächern: Die Direktorin des Salzburger Museums der
Moderne, deren Vertragsverlängerung damals unwahrscheinlich erschien,
schaue sich in der Bundeshauptstadt nach einem größeren Museum in guter
Lage um; die Spatzen pfiffen richtig. Überraschung war Husslein auch
insofern keine, als sie zum Kernbestand der sogenannten
Seitenblicke-Gesellschaft gehört und ihr Antlitz fast täglich in
Berichten über Premieren, Charitygalas und Bälle auftaucht.
Mit diesem Prominenzfaktor allein hätte die Kandidatin die
Bestellungskommission unter der Leitung Wilfried Seipels, des
Generaldirektors des Kunsthistorischen Museums, allerdings nicht
überzeugen können. Sie besitzt einen unbändigen Gestaltungswillen, der
nun die richtige Eigenschaft dafür sein könnte, um die Österreichische
Galerie zu modernisieren. „Auf gut Wienerisch: Sie hat sich noch nie um
irgendwas gschissen“, umschreibt die Galeristin Silvia Steinek
Hussleins couragiertes Auftreten. Kritiker interpretieren diese
Eigenschaft als Skrupellosigkeit und verweisen auf ihre Dienste für den
Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider, der auch das Kulturreferat des
Bundeslandes leitet. Husslein managte neben ihren Salzburger
Aktivitäten die Umstrukturierung der Landesgalerie in das Museum
Moderner Kunst Kärnten und verschaffte dem rechtslastigen Politiker
durch ihre Kontakte einen Auftritt in der Kunstszene.
Als die Wiener Künstlergruppe Gelatin 2003 mit einer für das Salzburger
Museum der Moderne modellierten pornografischen Skulptur einen Skandal
provozierte, versuchte Husslein, damals noch Direktorin des Museums,
ihr ramponiertes Image zu korrigieren; sie stellte sich demonstrativ
hinter das Projekt. Ihr grober Hobel hinterließ auch einen Haufen
zwischenmenschlicher Späne. „Sie knüppelt auf ihnen rum, bis sie
heulen“, beschreibt ein Kurator Hussleins Mitarbeiterführung. Mit ihrer
harten Gangart war sie durchaus erfolgreich: Sie baute Anfang der
Achtziger die Wien-Filiale des Auktionshauses Sotheby’s auf und brachte
in Salzburg das Museum der Moderne auf Kurs. „Dass das Museum dort oben
steht, hat die Stadt ihrem Temperament zu verdanken“, kommentiert der
Museumskonsulent Dieter Bogner ihren Anteil am Aufbau einer musealen
Infrastruktur, die 2004 mit der Eröffnung eines neuen Hauses am
Mönchsberg abgeschlossen wurde. „Geht nicht, gibt es nicht“, lautete
ihr Motto beim mühsamen Umbau einer verstaubten Landeseinrichtung in
eine nach privatwirtschaftlichen Kriterien geführte GesmbH.
Auch an ihrem neuen Arbeitsplatz hat Hussleins Veränderungsdrang
bereits erste Spuren hinterlassen. Die Sammlungskustoden wurden aus der
unmittelbaren Umgebung des Direktorenzimmers verbannt und machten der
Presse- und der neu eingerichteten Marketingabteilung Platz. Die
Mittelaltersammlung im Unteren Belvedere wanderte vorübergehend ins
Depot. Und sie engagierte Alfred Weidinger, den stellvertretenden
Direktor der Graphischen Sammlung Albertina, der sie bei ihren
zahlreichen Vorhaben unterstützen soll.
Ein mit großer Selbstdisziplin gepaarter Hang zum Exhibitionismus lässt
sich in Hussleins Biografie schon früh erkennen. Hartes Arbeiten im
Rampenlicht ist sie von klein auf gewöhnt. Fünf Jahre lang trainierte
der Lebensmittelchemiker Adrian Perco mit Husslein, die damals noch mit
ihrem ledigen Nachnamen Arco hieß, täglich auf dem Eislaufplatz am
Heumarkt und in der Stadthalle. „Sie war quicklebendig und
zielstrebig“, erinnert er sich, „und sie hat immer genau gewusst, was
sie wollte.“ Sie war 17, als sie mit Perco österreichische
Staatsmeisterin im Eistanz wurde, und gab den Sport auch dann nicht
auf, als sie an der Wiener Universität Kunstgeschichte studierte.
„Meine Freunde haben gesagt, du bist verrückt. Warum kommst du nicht
mit ins Hawelka?!“, erinnert sich Husslein an den Spagat zwischen Sport
und antiautoritärem Zeitgeist.
„Agnes war die Bravste“, sagt Brigitte Huck, die ebenso wie die
Albertina-Kuratorin Monika Faber eine Studienkollegin Hussleins und
eifrige Besucherin des Boheme-Cafés Hawelka war. Nach dem Thema ihrer
Dissertation brauchte die sportliche Agnes nicht lange zu suchen; sie
analysierte Fresken ihres malenden Großvaters Herbert Boeckl. Was ihren
Kolleginnen als brav und angepasst erschien, bedeutete für den Spross
der Grafenfamilie Arco bereits einen Bruch mit den Konventionen. „Mein
Vater hat sich sehr mit uns Geschwistern beschäftigt und darauf
geschaut, dass wir eine Ausbildung haben. Er wollte nicht, dass seine
Kinder in eine Abhängigkeit von anderen geraten.“
Während des Studiums begann sie am Auktionshaus Dorotheum zu jobben und
gab auch später, als sie für Sotheby’s arbeitete und zwei Kinder zu
versorgen hatte, ihren Beruf nicht auf. „Das war zum Teil sehr schwer.
Ich wurde in meiner Familie immer wieder angefeindet nach dem Motto:
Bleib gefälligst zu Hause bei den Kindern!“ Agnes Arco, die Mitte
zwanzig den Gynäkologen Peter Husslein heiratete, bewegte sich stets am
Kreuzungspunkt zweier sozialer Perspektiven. In der linksliberalen
Kunstszene wurde sie als höheres Töchterchen aus der
Perlenkettenfraktion wahrgenommen. Im eigenen, stockkonservativen
Milieu, in dem bereits das U-Bahn-Fahren eine Art Abenteuer darstellt,
galt eine berufstätige Frau, die mit „verrückten“ Künstlern zu tun
hatte, fast schon als Revoluzzerin.
Als bunter Tupfer auf tiefschwarzem Grund fiel sie auch dem
ÖVP-Politiker Erhard Busek auf, der sie Mitte der Neunziger zur
Kultursprecherin seiner Partei machen wollte, sich dann aber doch für
den Schauspieler Franz Morak entschied und Husslein ins ORF-Kuratorium
schickte. Da hatte Husslein bereits eine Karriere im Kunsthandel hinter
sich und arbeitete außerdem für das New Yorker Guggenheim Museum, das
mit Filialen nach Europa expandieren wollte. Als Geschäftsführerin von
Sotheby’s Wien mischte sie in den Achtzigerjahren den heimischen
Auktionshandel auf. „In der Kundenakquise war sie revolutionär“, sagt
Otto Hans Ressler vom Auktionshaus Wiener Kunstauktionen.
Der damals noch staatliche Monopolist Dorotheum wiegte sich in falscher
Sicherheit; die energische, gut aussehende Newcomerin mit Ferienhaus am
Wörthersee wurde rasch zur Vertrauensperson vieler verarmter Adeliger,
die ihren Edeltrödel zu Schotter machen wollten, ohne das Gefühl zu
haben, im Pfandl das Familiensilber zu verscherbeln. Husslein versüßte
ihnen die Trennung mit Einladungen zu Dinnerpartys, suchte mit
glamourös inszenierten Benefizauktionen auch den
öffentlichkeitswirksamen Kontakt zur glamouröseren Gegenwartskunst.
Die weniger gelungenen Pirouetten ihrer Karriere werden von Husslein
nonchalant retuschiert. In ihrem Lebenslauf führt sie etwa ihre
Tätigkeit im Vorstand der Secession an, obwohl sie lediglich dessen
mäzenatischem Freundeskreis angehörte und von dort 2000 wegen ihrer
Kontakte zur FPÖ hinauskomplimentiert wurde. Als ebenso wenig
staatsmeisterlich gelten ihre Kenntnisse als Kunsthistorikerin. Bei
Sotheby’s überließ sie die Expertise gerne anderen und konzentrierte
sich auf das Management. „Sie ist pure Performanz ohne Kompetenz“,
beurteilt der Kunsthistoriker Rainer Metzger ihre Sachkenntnisse; die
wissenschaftliche Laufbahn Hussleins endete mit der Dissertation über
Opas Fresken. Der sonst so redegewandte Kollege Klaus Albrecht Schröder
von der Albertina macht erst mal eine lange Pause, als er nach einer
von Husslein persönlich konzipierten Ausstellung gefragt wird. „Ich
hatte nicht den Eindruck, dass sie weiß, wovon wir reden“, erinnert
sich der Hamburger Kunsthistoriker Roberto Ohrt, der für Husslein 2005
mit Margrit Brehm die Ausstellung „Les Grands Spectacles“ konzipierte.
So umstritten Hussleins Qualitäten als Kunstkennerin auch sein mögen:
Ihre guten Kontakte zu Sammlern und Mäzenen ermöglichten es ihr schon
in Salzburg, in kurzer Zeit in einem Provinzmuseum Ausstellungen
internationalen Formats zu organisieren. „Sie ist eine großartige
Lobbyistin mit einem zielstrebigen Zug zu den Mächtigen des Landes“,
beschreibt der Societyreporter Dominic Heinzl Hussleins Fähigkeit,
potenzielle Mäzene zu umgarnen. Büro- und Societyaktivitäten sind bei
ihr ebenso miteinander verflochten wie ihre Arbeitsbeziehungen mit
Banden familiärer und freundschaftlicher Natur. Da gibt es den Cousin
Matthias Boeckl, der mit ihr Ausstellungen gemacht hat, dann den
malenden Onkel Carl Unger, dessen Sohn Felix Herzchirurg ist und der
sie in den späten Achtzigerjahren dem damals neuen Guggenheim-Direktor
Thomas Krens vorstellte, der wiederum mit ihr eine Guggenheim-Filiale
im Salzburger Mönchsberg nach Plänen des Architekten Hans Hollein
realisieren wollte, dessen Sohn Max wiederum durch Hussleins Empfehlung
ihren Job als europäischer Guggenheim-Vertreter übernahm ...
„Man hat Beziehungen, man hat Familie, und man hat Freunde“, sagt
Husslein, auf eine von ihr gestaltete Auslage in einem Möbelhaus am
Kohlmarkt angesprochen. Dessen Geschäftsführerin Evi Schmertzing-Thonet
sei mit einem Cousin von ihr verheiratet. Ihr Einrichtungsstil stand
unter dem Motto „Die neue Pracht“, ihre Freundin Spängi Meinl
bevorzugte „chic und ironique“. Das Verwischen der privaten mit der
öffentlichen Sphäre führte auch zu dem bisher größten Ausrutscher in
Hussleins Karriere, als sie den Industriellen Thomas Prinzhorn, der
damals als Spitzenkandidat der FPÖ für die Nationalratswahl
kandidierte, zu einem Vortrag in ihre Wohnung einlud. Noch heute ärgert
sich Husslein, dass in News brühwarm darüber berichtet wurde. „Es war
ganz privat.“
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.





