Siedelt die Polizei ab, und gebt uns die Rossauer Kaserne. Wir brauchen Platz.“ Ganz ernst meint es Gerhard Hermanky in puncto Größenverhältnisse nicht, neue Räumlichkeiten braucht der Direktor der Wiener Kunstschule aber dennoch dringend. Oder besser gesagt, seine Designstudenten und -studentinnen. Bisher waren sie in einer Expositur untergebracht, der Vertrag mit dieser ist jedoch mit Ende des vergangenen Schuljahres ausgelaufen – das Studium „Raum und Design“ somit temporär obdachlos.
Seit zwei Jahren wird dieses auf der Kunstschule in der
Lazarettgasse im neunten Wiener Bezirk angeboten, die zentrale
Fragestellung des Lehrgangs skizziert Gerhard Hermanky so: „Was ist
Raum überhaupt, und wie visionär kann ich ihn begreifen?“
Designabsolventen gibt es noch keine, Kooperationen allerdings schon.
„Wir wollen von Anfang an eingebunden sein, wenn wir etwa an einem
Bauprojekt mitarbeiten sollen. Nicht dass die Zusammenarbeit dann in
Kunst am Bau endet, man weiß ja eh, was das bedeutet...“ Gerhard
Hermanky, selbst als Maler und Lehrer tätig, leitet seit 1990 die
Kunstschule mit ihren acht Studienrichtungen: Grafik, Bildhauerei,
Grafik Design, Comic und Animation, Keramik, Malerei und
prozessorientierte Kunstformen, die interdisziplinäre Klasse und eben
Design. Im Gegensatz zu anderen Ausbildungsstätten mit ähnlichem
Angebot gibt es in der Kunstschule ein Orientierungsjahr quer durch
alle Disziplinen, das ohne Aufnahmeprüfung 110Bewerbern offensteht.
Erst nach danach wird selektiert.
Land der Titel. Hermanky ist
sich bewusst, dass er im Match Kunstschule versus Öffentlichkeit und
Subventionsgeber gleich zwei Positionen spielt: Stürmer und
Verteidiger. Stürmen und antreiben muss er etwa dann, wenn es gilt,
neue Räume finanziert zu bekommen. Die Kunstschule, 1954 gegründet und
seit 1963 in der Lazarettgasse, „beißt sich“ nämlich in Raumfragen mit
der Künstlerischen Volkshochschule: Die beiden Institutionen teilen
sich ein Gebäude, „was extrem enervierend ist – und beiden nur
schadet“. Zum Beispiel, weil im Stiegenhaus Werke aus
Volkshochschulkursen hängen, die dem ersten Eindruck der Kunstschule
nicht unbedingt zuträglich sind. Oder weil die über 200Studenten ihre
unfertigen Werke nicht, wie im Werkstattbetrieb anderswo üblich, stehen
lassen können, weil in der nächsten Stunde ein VHS-Kurs im selben Raum
stattfindet. Und stürmen muss der Direktor auch, wenn es darum geht,
die Akademisierung seiner Ausbildungsstätte durchzusetzen. Zwar sei das
Diplom der Wiener Kunstschule rechtlich dem Abschluss Mag.art.
gleichgestellt, was Kunst- und Designförderungen betrifft; „wir leben
aber halt in einem Land der Titel“, so Hermanky, „das wird sich nicht
so schnell ändern.“ In den nächsten zwei Jahren soll die Hauptstadt,
wenn es nach ihm geht, neben Angewandter und Akademie eine weitere
Ausbildungsstätte für Kunst und Design haben, die man mit akademischem
Grad abschließen kann.
Glaubt er, dass das die beiden anderen Häuser, also Angewandte und
Bildende, stören würde? „Ich vermute einmal, das ist denen wurscht. Ich
glaube nicht, dass eine Kunstausbildungsstätte darauf aus ist, der
anderen ein Auge auszuhacken. Zumindest widerspräche das meiner Ethik.“
Ganz ohne Konkurrenzdenken geht es freilich nicht: Zwar behauptet
Gerhard Hermanky, die Wiener Kunstschule vergleiche sich nicht mit
Angewandter und Bildender. Doch wenn er von der Abschlussausstellung
seiner Studierenden spricht und betont, dass andere Häuser nur eine
„Essenz“ zeigen würden, „eine von oben getroffene Auswahl, die gut sein
kann oder auch nicht“, spielt er damit klar auf die Jahresschau der
Angewandten an, die sich „essence“ nennt. Außerdem betont er: „Unsere
Absolventen schaffen jede Hochschule.“
Wer braucht so viele
Kreative? Womit wir noch zur Position des Verteidigers kommen: Diese
muss der Direktor spielen, wenn es etwa um die Notwendigkeit der
Kunstschule geht. Denn mit einer Frage ist er nicht nur seitens
potenzieller Subventionsgeber immer wieder konfrontiert: Wer braucht so
viele Kreative? Und wie steht es um die berufliche Zukunft der
Absolventen? Dabei bilde man in der Kunstschule doch so wirtschaftsnah
aus, sagt Hermanky. Die Studenten des Lehrgangs Grafik Design etwa
entwerfen nicht nur alle Druckwerke der Schule, sondern organisieren
auch in Eigenregie Druck und Vertrieb.
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