DiePresse.com | Kultur | Kunst | Artikel DruckenArtikel drucken


Wiener Kunstschule: »Gebt uns die Kaserne«

14.08.2010 | 18:16 | von Anna Burghardt (Die Presse)

Die Wiener Kunstschule kämpft aktuell an mehreren Fronten: um Anerkennung, um Subventionen, aber vor allem um Platz. In den nächsten zwei Jahren soll man auch mit akademischem Grad abschließen können.

Siedelt die Polizei ab, und gebt uns die Rossauer Kaserne. Wir brauchen Platz.“ Ganz ernst meint es Gerhard Hermanky in puncto Größenverhältnisse nicht, neue Räumlichkeiten braucht der Direktor der Wiener Kunstschule aber dennoch dringend. Oder besser gesagt, seine Designstudenten und -studentinnen. Bisher waren sie in einer Expositur untergebracht, der Vertrag mit dieser ist jedoch mit Ende des vergangenen Schuljahres ausgelaufen – das Studium „Raum und Design“ somit temporär obdachlos.

Seit zwei Jahren wird dieses auf der Kunstschule in der Lazarettgasse im neunten Wiener Bezirk angeboten, die zentrale Fragestellung des Lehrgangs skizziert Gerhard Hermanky so: „Was ist Raum überhaupt, und wie visionär kann ich ihn begreifen?“ Designabsolventen gibt es noch keine, Kooperationen allerdings schon. „Wir wollen von Anfang an eingebunden sein, wenn wir etwa an einem Bauprojekt mitarbeiten sollen. Nicht dass die Zusammenarbeit dann in Kunst am Bau endet, man weiß ja eh, was das bedeutet...“ Gerhard Hermanky, selbst als Maler und Lehrer tätig, leitet seit 1990 die Kunstschule mit ihren acht Studienrichtungen: Grafik, Bildhauerei, Grafik Design, Comic und Animation, Keramik, Malerei und prozessorientierte Kunstformen, die interdisziplinäre Klasse und eben Design. Im Gegensatz zu anderen Ausbildungsstätten mit ähnlichem Angebot gibt es in der Kunstschule ein Orientierungsjahr quer durch alle Disziplinen, das ohne Aufnahmeprüfung 110Bewerbern offensteht. Erst nach danach wird selektiert.

Land der Titel. Hermanky ist sich bewusst, dass er im Match Kunstschule versus Öffentlichkeit und Subventionsgeber gleich zwei Positionen spielt: Stürmer und Verteidiger. Stürmen und antreiben muss er etwa dann, wenn es gilt, neue Räume finanziert zu bekommen. Die Kunstschule, 1954 gegründet und seit 1963 in der Lazarettgasse, „beißt sich“ nämlich in Raumfragen mit der Künstlerischen Volkshochschule: Die beiden Institutionen teilen sich ein Gebäude, „was extrem enervierend ist – und beiden nur schadet“. Zum Beispiel, weil im Stiegenhaus Werke aus Volkshochschulkursen hängen, die dem ersten Eindruck der Kunstschule nicht unbedingt zuträglich sind. Oder weil die über 200Studenten ihre unfertigen Werke nicht, wie im Werkstattbetrieb anderswo üblich, stehen lassen können, weil in der nächsten Stunde ein VHS-Kurs im selben Raum stattfindet. Und stürmen muss der Direktor auch, wenn es darum geht, die Akademisierung seiner Ausbildungsstätte durchzusetzen. Zwar sei das Diplom der Wiener Kunstschule rechtlich dem Abschluss Mag.art. gleichgestellt, was Kunst- und Designförderungen betrifft; „wir leben aber halt in einem Land der Titel“, so Hermanky, „das wird sich nicht so schnell ändern.“ In den nächsten zwei Jahren soll die Hauptstadt, wenn es nach ihm geht, neben Angewandter und Akademie eine weitere Ausbildungsstätte für Kunst und Design haben, die man mit akademischem Grad abschließen kann.

Glaubt er, dass das die beiden anderen Häuser, also Angewandte und Bildende, stören würde? „Ich vermute einmal, das ist denen wurscht. Ich glaube nicht, dass eine Kunstausbildungsstätte darauf aus ist, der anderen ein Auge auszuhacken. Zumindest widerspräche das meiner Ethik.“ Ganz ohne Konkurrenzdenken geht es freilich nicht: Zwar behauptet Gerhard Hermanky, die Wiener Kunstschule vergleiche sich nicht mit Angewandter und Bildender. Doch wenn er von der Abschlussausstellung seiner Studierenden spricht und betont, dass andere Häuser nur eine „Essenz“ zeigen würden, „eine von oben getroffene Auswahl, die gut sein kann oder auch nicht“, spielt er damit klar auf die Jahresschau der Angewandten an, die sich „essence“ nennt. Außerdem betont er: „Unsere Absolventen schaffen jede Hochschule.“

Wer braucht so viele Kreative? Womit wir noch zur Position des Verteidigers kommen: Diese muss der Direktor spielen, wenn es etwa um die Notwendigkeit der Kunstschule geht. Denn mit einer Frage ist er nicht nur seitens potenzieller Subventionsgeber immer wieder konfrontiert: Wer braucht so viele Kreative? Und wie steht es um die berufliche Zukunft der Absolventen? Dabei bilde man in der Kunstschule doch so wirtschaftsnah aus, sagt Hermanky. Die Studenten des Lehrgangs Grafik Design etwa entwerfen nicht nur alle Druckwerke der Schule, sondern organisieren auch in Eigenregie Druck und Vertrieb.


© DiePresse.com