Quer durch Galerien
Im Zweifelsfall die Nachtigall
Von Claudia Aigner
Einem appetitlichen Nackerpatzl, das noch dazu eine gebürtige
Venus ist, einfach etwas anzuziehen, obendrein etwas unbarmherzig
Diskretes, sprich: Blickdichtes, das grenzt ja schon an Ikonoklasmus (oder
wäre zumindest ein schwerer, besonders perfider Fall von Vandalismus).
Nein, so weit würde nicht einmal der Arnulf Rainer gehen (derzeit
jedenfalls), der ja immerhin einen ausgeprägten Hang zum "Zudecken" hat,
der also dazu tendiert, die Sachen der andern zu bedecken - aber
nichtsdestotrotz seine erbliche Vorbelastung nicht ganz verleugnen kann:
sein Y-Chromosom. Was tut er daher, wenn ihm die Liebesgöttin zuruft:
"Meister, mir ist so kalt!", während sie sich vorne an ihrem Handtuch
festklammert, um ihm hinten nur umso ungenierter ihre blanken Bäckchen
hinzuhalten? Ihr spontan eine Wollmütze aufs Haupt zu setzen (als
Gnadenakt gewissermaßen) und den Rest "im Freien" stehen zu lassen, so
würde höchstens ein Minimalist reagieren, nämlich einer, der aus Gründen
des Voyeurismus minimalistisch ist. Der Rainer holt aber immer noch
altbewährt mit seinem Pinsel aus: "Das is keine Aggression, das is eine
Liebeserklärung an diese Frauen." Als ihm die marmorne Damenwelt des
Bildhauers Canova zugeflüstert hat, dass sie im Museum frieren und sich
genieren würde, da hat er natürlich gleich mit dem "Zudecken" begonnen.
In seinem Canova-Zyklus (bis Ende Juli beim Hummel, Bäckerstraße 14)
rückt er freilich nicht den schwelgerisch anatomischen Originalen zu
Leibe, sondern pinselt galant (eigentlich ungewohnt sanftmütig) oder
intuitiv-fleischeslüstern über Fotos von intimen Details - "Schulter der
Venus", "Die Zehen der Ariadne". Und geht dabei zu Werke wie einer, der
Feigenblätter aus Transparentpapier bastelt: sehr transparent also. Das
liegt aber wohl nicht daran, dass im Alter seine Deckkraft nachgelassen
hätte. Durchsichtige Farbschleier passen halt einfach besser. Das steigert
ja irgendwie die Intimität. Und die Schaulust. In seinem Katalogtext
schildert der Rainer seine pinselerotischen Zuwendungen als regelrechte
Liebesspiele ("Da hab ich mich relativ sehr entblößt mit dem Text"). Und
von der "Venus Italica" kann er sich sichtlich überhaupt nicht trennen.
Bei der provokant schüchternen Dame und ihrer Hauptattraktion, einem
absolut formstabilen, weil steinharten Hintern, hält er sich besonders
lange auf. Mit ein wenig Fantasie kann man ihn bei der Arbeit sogar
schreien hören, während er die Venus mit resolutem Pinsel deftig-zärtlich
beglückt und nicht aufhören kann: "Es war die Nachtigall und nicht die
Lerche!" Wenn die tiefrote Sonne plötzlich nicht mehr rund, sondern
oval aufgeht, dann dürfte jemand die japanische Flagge in künstlerische
Freiheit übersetzt haben. Stefan Sandner ist verspielt perfektionistisch
(oder perfektionistisch verspielt?), wenn er sich "sinnlich konzeptuell"
an die amerikanische minimalistische Malerei der 50er und 60er erinnert.
Auf extrem individuelle, weil unregelmäßig vieleckige Leinwände trägt er
die Farbe so unpersönlich und emotionslos wie möglich auf. Monumentale
Farbbilder, die das Auge überwältigen. Bis 26. Juli bei Grita Insam
(Köllnerhofgasse 6).
Erschienen am: 11.07.2003 |
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