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Quer durch Galerien

Im Zweifelsfall die Nachtigall

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Einem appetitlichen Nackerpatzl, das noch dazu eine gebürtige Venus ist, einfach etwas anzuziehen, obendrein etwas unbarmherzig Diskretes, sprich: Blickdichtes, das grenzt ja schon an Ikonoklasmus (oder wäre zumindest ein schwerer, besonders perfider Fall von Vandalismus). Nein, so weit würde nicht einmal der Arnulf Rainer gehen (derzeit jedenfalls), der ja immerhin einen ausgeprägten Hang zum "Zudecken" hat, der also dazu tendiert, die Sachen der andern zu bedecken - aber nichtsdestotrotz seine erbliche Vorbelastung nicht ganz verleugnen kann: sein Y-Chromosom.
Was tut er daher, wenn ihm die Liebesgöttin zuruft: "Meister, mir ist so kalt!", während sie sich vorne an ihrem Handtuch festklammert, um ihm hinten nur umso ungenierter ihre blanken Bäckchen hinzuhalten? Ihr spontan eine Wollmütze aufs Haupt zu setzen (als Gnadenakt gewissermaßen) und den Rest "im Freien" stehen zu lassen, so würde höchstens ein Minimalist reagieren, nämlich einer, der aus Gründen des Voyeurismus minimalistisch ist. Der Rainer holt aber immer noch altbewährt mit seinem Pinsel aus: "Das is keine Aggression, das is eine Liebeserklärung an diese Frauen." Als ihm die marmorne Damenwelt des Bildhauers Canova zugeflüstert hat, dass sie im Museum frieren und sich genieren würde, da hat er natürlich gleich mit dem "Zudecken" begonnen.
In seinem Canova-Zyklus (bis Ende Juli beim Hummel, Bäckerstraße 14) rückt er freilich nicht den schwelgerisch anatomischen Originalen zu Leibe, sondern pinselt galant (eigentlich ungewohnt sanftmütig) oder intuitiv-fleischeslüstern über Fotos von intimen Details - "Schulter der Venus", "Die Zehen der Ariadne". Und geht dabei zu Werke wie einer, der Feigenblätter aus Transparentpapier bastelt: sehr transparent also. Das liegt aber wohl nicht daran, dass im Alter seine Deckkraft nachgelassen hätte. Durchsichtige Farbschleier passen halt einfach besser. Das steigert ja irgendwie die Intimität. Und die Schaulust.
In seinem Katalogtext schildert der Rainer seine pinselerotischen Zuwendungen als regelrechte Liebesspiele ("Da hab ich mich relativ sehr entblößt mit dem Text"). Und von der "Venus Italica" kann er sich sichtlich überhaupt nicht trennen. Bei der provokant schüchternen Dame und ihrer Hauptattraktion, einem absolut formstabilen, weil steinharten Hintern, hält er sich besonders lange auf. Mit ein wenig Fantasie kann man ihn bei der Arbeit sogar schreien hören, während er die Venus mit resolutem Pinsel deftig-zärtlich beglückt und nicht aufhören kann: "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!"
Wenn die tiefrote Sonne plötzlich nicht mehr rund, sondern oval aufgeht, dann dürfte jemand die japanische Flagge in künstlerische Freiheit übersetzt haben. Stefan Sandner ist verspielt perfektionistisch (oder perfektionistisch verspielt?), wenn er sich "sinnlich konzeptuell" an die amerikanische minimalistische Malerei der 50er und 60er erinnert. Auf extrem individuelle, weil unregelmäßig vieleckige Leinwände trägt er die Farbe so unpersönlich und emotionslos wie möglich auf. Monumentale Farbbilder, die das Auge überwältigen. Bis 26. Juli bei Grita Insam (Köllnerhofgasse 6).

Erschienen am: 11.07.2003

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