Salzburger Nachrichten am 17. März 2005 - Bereich: kultur
Der Knochen der Zunge

Ein geheimes Ritual?

Ein mysteriöser Fruchtbarkeitstanz? Nein, die langsam durch den Raum wandernden Videobilder der in Wien lebenden Künstlerin Songül Boykraz zeigen einen in Zeitlupe präsentierten "Schuhplattler" aus den Tiefen des Bundeslandes Oberösterreich: Normalität kippt in das Außergewöhnliche. Boykrazs Arbeit ist eine von acht künstlerischen Positionen, die, wie berichtet, zeitgenössische türkische Kunst im Rahmenprogramm der "Diagonale" zeigt. Der Titel der Ausstellung: "Der Knochen der Zunge" dreht die türkische Redewendung "Die Zunge hat keinen Knochen", die auf die Redefreiheit verweist, um.

Redefreiheit war

und ist in der Türkei in der reichhaltigen, hier zu Lande weithin unbekannten Comicszene gegeben. "Es existiert eine Art Comic-Journalismus, der als ernst zu nehmendes, subversives Alternativmedium und als schärfster Kritiker der politischen Macht fungiert", erklärt Fatih Aydogdu, der gemeinsam mit Sandro Droschl und Nobert Pfaffenbichler die Ausstellung im Kunstverein Medienturm kuratiert hat. Originalzeichnungen für das wöchentlich erscheinende Magazin "Leman" (Auflagenhöhe: 250.000 Stück!) belegen die beißende Ironie und den gegen Machtverhältnisse gerichteten Sprachwitz.

Fatih Aydogdu selbst

("Lachen ist die einzig wahre Opposition") steuert ein Video mit Interviews der Masterminds des Comicmagazins bei. Der 41-jährige, in Wien lebende Multimediakünstler hat zudem Plakate gestaltet, die als "situationistischer Sprachkurs" für alle Besucher der "Diagonale" zu verstehen sind. Zurückgezogener, poetischer ist die Arbeit "Denkbild" des in London lebenden Ergin Cavusoglu: eine hin- und herzoomende Kamera fängt eine in der Landschaft stehende Spiegelirritation ein. Die Betrachter werden zum Schärfen des Blicks eingeladen.

"In der türkischen

Gegenwartskunst gibt es auffällig viele Arbeiten, die soziale und politische Problemfelder - Migration, Geschlechterverhältnis, Rollenverhalten - oder subkulturelle Phänomene thematisieren", berichtet Fatih Aydogdu. "2/5 BZ aka Serhat Köksal" etwa beschäftigt seit fast 20 Jahren mit einer "anarchistischen Multimediamaschine", die ihre Wurzeln im urbanen Soundteppich Istanbuls hat: Plakatcollagen mit sexuellen Darstellungen, improvisierte Flyer mit Popmotiven, Videos, die von der Bilderflut der westlichen Zivilisation künden sowie ein Soundtrack, in dem gesampelte Popsounds, Straßenlärm und Billig-House eine sinnliche Einheit eingehen.

Das Medienkollektiv

Xurban präsentiert auf literarische Quellen zurückreichende Fotografien, die die zwei Seiten der menschlichen Existenz erhellen. Esra Ersen wiederum zeigt Videoarbeiten, in denen es um das Verhältnis zu Minderheiten und Randgruppen geht. Die bis 9. April geöffnete, interessante Ausstellung leidet bloß an einem - als Erklärung gedachten - verwegenen Kuratoren-Kunst-Sprech: "Die konnotative Ebene des Visuellen, seine kontextuelle Referenz und Positionierung in verschiedenen diskursiven Bedeutungs-, und Assoziationsfeldern bezeichnet den Punkt, an dem sich bereits kodierte Zeichen mit den Tiefen des semantischen Codes einer Kultur kreuzen und zusätzliche, aktivere Dimensionen annehmen." Alles klar? m.b.