| Salzburger Nachrichten am 18. Juni 2005 - Bereich: kultur
Masse, Macht und Medium Im Salzburger Museum der
Moderne wird heute, Samstag, die Sommerausstellung eröffnet. "Les Grands
Spectacles": Kunst und Massenkultur.
KARL HARBSalzburg (SN). Wer sich von der Ausstellung im Museum der
Moderne auf dem Mönchsberg gemäß dem Titel "Les Grands Spectacles" eine
dramatisch-theatralische Inszenierung von Meisterkunst-Werken erwartet,
wird damit nicht bedient werden. Die Kuratoren Margrit Brehm und Roberto
Ohrt untersuchen anhand einer (Über-)Fülle an künstlerischen Materialien
vielmehr Phänomene von Kunst und Massenkultur. Malerei, Installation,
Film, Video, Skulptur, Grafik und Dokumente sind die Medien zur Umsetzung
dieses Ansinnens, das seinen historischen Ausgangspunkt 1885, mit der
Erfindung der Cinematographie, nimmt. Der Film ist die Neuerfindung einer
Kunstform, die die Welt der Bilder zum populären Spektakel werden lässt.
So entsteht die Klammer der Schau: von historischen Fotografien, die
das Experiment der Bewegung mit quasiwissenschaftlichem, unbestechlichem
Augenschein festzuhalten trachteten, und ersten Filmprojektionen zur
illusionistischen Traumwelt von Hollywood und Disneyland. Dieser rücken -
medienkritische - Künstler entlarvend mit ikonengleichen
Monumentalisierungen oder putzigen Verniedlichungen oft ironisierend zu
Leibe. Massenmedien transportieren auf ihre Weise die Kultur als Spektakel,
nicht erst in der Spaß- und Eventkultur unserer Tage. Die Kunst verlässt
den geschützten Ort von Museum und Galerie und erobert sich den
öffentlichen Raum. Performance und Happening: Ob Wiener Aktionismus,
Kunstaktionen gestern (Jean Tinguely 1970 in Mailand vor begeistertem
Publikum) oder heute (das erboste Salzburg vor dem "Pinkelmann" der Gruppe
Gelatin), immer ist Kunst auch Inszenierung. Wenn diese nun - in Form von fotografischen oder textlichen Dokumenten
- schön gerahmt, ins Museum zurückkehrt, ist jede Grenze gefallen: Das
Dokument selbst wird zum Kunstwerk. Ein anderer, kühn behaupteter (Gedanken-)Weg macht die französischen
Lettristen der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, die mit
ihren Bild- und Textcollagen Irritationen und Provokationen hervorriefen,
zu direkten Vorläufern der Popart und der (massen)medialen
Reproduzierbarkeit von Kunst. Vom Nach-Krieg in den Vor-Krieg (den die
Welt einst den "Kalten Krieg" nannte), als Höhepunkt der Atompilz als
ästhetisch inszenierte Popikone: Eine solche Behauptung kann durchaus als
verstörender Tabubruch gelesen werden. Auch solche Tabubrüche will die
komplex-komplizierte Salzburger Schau zum Thema machen. Was die Kunst an Mist (auf der Straße) zurückließ, kehrte einst Joseph
Beuys zusammen und verschloss es in einer "künstlerischen" Vitrine. Was
die Besucher an ganz persönlicher "Scheiße" auf der documenta XI
hinterließen, das sammelte Jason Rhoades auf und verschloss es in
Plexiglas-Stelen, die er wie auf einer Theaterbühne arrangierte: Von
solchen - geheimen oder offensichtlichen - Bezügen lebt die Ausstellung.
Sie müssen sich freilich erschließen, was für eine "Laufkundschaft" so
offensichtlich nicht sein mag. Zum Schluss feiert die Kunst die "Celebrities", Stars und Sternchen,
die sozusagen unter der Hand zu Kunst-Figuren werden. Oder diese selbst
feiern sich, indem sie sich zur Pose stilisieren: beispielsweise Marilyn
Monroe, fotografiert von Richard Avedon, in den Kostümen anderer
Berühmtheiten und Idole. Die "Gegenwelt" ist auch präsent, feine Grafiken in einem den
geschützten bürgerlichen Salon vorstellenden "Kupferstichkabinett". Zuletzt aber kann man sich "backstage" zurückziehen: in einen Pavillon
von Dan Graham, in dem Lippenstifte zum Schminken aufliegen. Sollte man
das Spiel dann noch einmal von vorn beginnen? "Les Grands Spectacles" erfüllen keine herkömmlichen Erwartungen. Das
macht die Schau zu keiner leichten Angelegenheit. Sie ist, im Gegenteil,
eine ziemliche Herausforderung. Entweder man stellt sich ihr (mit welcher
Hilfe auch immer), oder man könnte ziemlich verloren sein. "Les Grands
Spectacles", bis 3. Oktober, Di.-So. 10-18 Uhr, Mi. 10-21 Uhr. |