| Salzburger Nachrichten am 4. Jänner 2006 - Bereich: Kultur
Bitte, bitte eine Provokation! HEDWIG KAINBERGER
In den Streitereien über die Kunstaktion "euroPART" in der Vorwoche war
vieles erstaunlich. So staunten wir, wie rasant Gabi Burgstaller eine
Stellungnahme zu Kunst zu entlocken war. Wir wünschen solche Empörung der
Salzburger Landeshauptfrau über Missstände in der Kunst öfter. Wir staunten, wie SPÖ-Geschäftsführer Josef Cap einzig bekrittelte,
dass dieses Projekt für junge Kunst mit öffentlichem Geld finanziert sei.
Ja, gäbe es denn geringere Probleme, wenn es privat finanziert wäre? Die erstaunlichste aller Wortmeldungen kam von Georg Springer, einem
der beiden Verantwortlichen für "euroPART" , im Hauptberuf Chef der
Bundestheaterholding. Er beteuerte in der ZiB3, man habe mit den Werken
von 75 Künstlern "nicht provozieren" wollen. Zugegeben: Uns ist nicht klar, was Kunst genau ist. Aber klar ist, dass
ein Kunstwerk zum Hören, Schauen, Zweifeln, Diskutieren anregen soll.
Sonst ist es schal. Stellt ein Bild, ein Text, eine Musik nichts in Frage,
wird nichts Neues eröffnet, ist es keine Kunst. "Provozieren" wurzelt im lateinischen "provocare" - das heißt "hervor-,
herausrufen, auffordern, anregen, reizen". Wenn irgendetwas eine Äußerung
oder Handlung provoziert, muss dies nicht fürchterlich und unmoralisch
sein. Wenn Herr Springer nicht provozieren wollte, dann wissen wir nicht, was
er mit Kunst überhaupt will. Dann können wir auf die anderen 148 Bilder
von "euroPART" verzichten. Uns hat dieser Bilderstreit erfrischend provoziert! Wir taten einen
neuen Blick auf Gustave Courbets Bild, wir staunten, dass es tatsächlich
schon 1866 entstanden war. Wir diskutierten über Kunst im öffentlichen Raum. Darf dort nur "gute
Kunst" hin? Ist der Damenslip in Farben der EU-Fahne und die
Kopulationspose der drei Staatschefs "gut" oder, wie Günter Brus es
nannte, "billige Effekthascherei"? Verletzen solche Bilder die Würde,
sei's von Personen oder Gemeinwesen? Muss das Recht auf Würde die
Kunstfreiheit begrenzen? Aber Courbets Bild heißt "Ursprung der Welt"! So
brächte uns der blaue Slip zu "Ursprung Europas" und nicht zu "Fuck
Europe". Aber ist da zu folgern: Kunst ist ohne Information so unzumutbar
wie Medikamente ohne Beipackzettel? Dann müssen wir auch fragen: Warum
sind wir mit Kunst strenger als mit Wäschewerbung im öffentlichen
Raum? Wir haben viel diskutiert und nachgedacht. So klare Antworten wie jene,
die die strittigen Bilder verschwinden ließen, haben wir leider nicht
gefunden. |