20. Juli 2006
12:18 MESZ
Ohne Unschuldsvermutung
Siegfried Anzinger in der Galerie Krinzinger - und was die nackten "Frauen in den Bäumen" so treiben
Wien - Sehr sexy klingt er nicht, der Titel der Ausstellung von Siegfried Anzinger - und
was die nackten "Frauen in den Bäumen" so treiben, weiß man auch nicht
so genau. Umso witziger ist deswegen aber auch sein neuer
Arbeitszyklus, in dem er sich mit dem zentralen kunsthistorischen Thema
der Aktdarstellung befasst.
Die Expressionisten glaubten in Südseeparadiesen die
"Natürlichkeit" und "Unschuld" der Sexualität wiederzufinden. Anzinger
weiß, dass das so nicht mehr geht: Seine nackten Frauen haben die
Unschuld schon lange verloren. Sie räkeln sich in den Bäumen, strecken
den Betrachtern den nackten Hintern entgegen und würden aus lauter
sexueller Langeweile vielleicht auch kollektiven Selbstmord begehen.
Noch leben sie aber gemeinsam in den Ästen von Bäumen, wo sich
ihre Reize allerdings in den skurrilen Posen, Blicken, Ästen und
Bildtiteln verlieren. Schuhabtritte strukturieren darüber hinaus einige
seiner Bilder, deren erotisches Potenzial tatsächlich sehr schwer
beschädigt ist. (cb/DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2006)
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