„Kultur geht tiefer“
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Mit der Ernennung der Bankmanagerin Claudia Schmied zur neuen
Ministerin für Bildung, Kunst und Kultur hatte niemand gerechnet. Die
47-jährige Wienerin war zwar von 1997 bis 2000 im Kabinett von
Finanzminister Rudolf Edlinger als Beraterin tätig und leitete nach
ihrer Rückkehr in die Kommunalkredit Austria die Fachgruppe VGW (Verein
für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften) im Bund
Sozialdemokratischer Akademiker; einer größeren Öffentlichkeit blieben
Schmieds politische Ambitionen aber unbekannt.
Auch für Schmied selbst kam das Angebot von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer
überraschend. Eine halbe Stunde hatte sie am vergangenen Dienstagabend
Zeit, um sich den Wechsel von der Privatwirtschaft in die Politik zu
überlegen. Erstmals seit zwanzig Jahren wird wieder ein SPÖ-Minister
die Agenden der Bundesmuseen übernehmen, die nun wieder mit der seit
1997 im Bundeskanzleramt angesiedelten Kunstsektion unter einem Dach
vereint werden. Vor allem aber muss Schmied den großen Budgetposten
Schule übernehmen, der zuletzt gemeinsam mit den Universitäten (und den
Museen) in die Zuständigkeit der ÖVP-Ministerin Elisabeth Gehrer fiel.
Praktische Erfahrung mit dem Kulturmanagement sammelte Schmied im
Kuratorium der Salzburger Festspiele, im Aufsichtsrat des Artforart
Theaterservice sowie im Vorstand der Wiener Symphoniker.
Zum Interview mit dem Falter hatte sich die frischgebackene Ministerin
am vergangenen Samstag Zeit genommen, begleitet wurde sie von ihrem
Bürochef Peter Wandaller, der Philosophie studiert hat und vor seinem
Wechsel ins neue Megaministerium bei Siemens Transportation Systems
tätig war.
Falter: Ihre Nominierung war die große Überraschung im Kabinett Gusenbauer. Für Sie auch?
Claudia Schmied: Das war vom Timing her sicher kurzfristig, mein
Interesse für Politik ist aber schon lange bekannt. Ich habe drei Jahre
im Kabinett von Finanzminister Rudolf Edlinger gearbeitet und war immer
politisch aktiv.
Aus welchen Gründen sind Sie, Ihrer Meinung nach, gefragt worden?
Ich glaube, dass mich Alfred Gusenbauer in meiner Arbeits- und
Herangehensweise sehr schätzt und dass er meine Fachkompetenz kennt.
Wie lange kennen Sie ihn schon?
Seit 1997, als er Abgeordneter zum Nationalrat war und ich Mitarbeiterin im Büro Edlinger.
Und in der Zwischenzeit?
Im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit im Bund Sozialdemokratischer
Akademiker hatte ich enge Kontakte mit ihm persönlich und mit dem
politischen Geschehen.
Was haben Sie für Reaktionen aus der Kulturszene bekommen?
Es ist unglaublich, was auf uns im Augenblick einströmt an Briefen, an Faxen und E-Mails.
Auch an Blumen?
Es ist ein Blumenmeer! Nach meiner Übersiedelung gestern sitze ich
jetzt wie im Palmenhaus. Zum einen ist dieses Willkommen in einem
anderen Leben eine große Freude. Gleichzeitig spüre ich, dass damit
sehr viele Erwartungen verbunden sind.
Sie sind ja in Vorständen und Kuratorien großer Kulturtanker gesessen.
Stehen die Salzburger Festspiele und die Wiener Symphoniker für Ihren
Kulturbegriff?
Das waren die großen Kontakte. Mich interessieren aber genauso die
kleineren Bühnen. Ich finde fantastisch, was am Rabenhof von Thomas
Gratzer passiert. Von meinen persönlichen Neigungen her würde ich einen
Schwerpunkt im Theaterbereich setzen, verknüpft mit Literatur.
Was war die letzte Theateraufführung, die Sie besucht haben?
Die war gestern im Theater in der Josefstadt, wo \"Der Theatermacher\"
aufgeführt wurde. Das Besondere daran war, dass das ein
Fundraising-Event war. Der Zustand von Utzbach und seinem Gasthaus im
ersten Akt hat ganz gut zu den zu renovierenden Räumlichkeiten der
Josefstadt gepasst. Eingeladen wurde ich noch als Vorstandsdirektor,
hingekommen bin ich als Ministerin.
Wie schnell wird man einen Termin bei Ihnen bekommen?
Die Liste ist lang. Allein der Schulbereich ist gigantisch. Ich muss
mir innovative Formate der Begegnung der Menschen mit mir überlegen.
Dialog stelle ich mir anders vor als in der üblichen Form: Vortrag,
Diskussion, Ende.
Fürchten Sie sich mehr vor den Eltern oder den Museumsdirektoren?
Vor Menschen haben ich mich noch nie gefürchtet.
Eine wesentliche Funktion von Leuten in Führungspositionen ist es, Arbeiten delegieren zu können. Wie wird Ihr Team aussehen?
Wir haben viele Anrufe und Bewerbungen. Ich bin froh, dass Peter
Wandaller als Büroleiter zugesagt hat. Im Unterschied zur Bank geben
Sie uns aber keine drei Monate Probezeit. Die Erwartung ist, dass ich
am Dienstag im Parlament schon eine schillernde Rede halte.
Haben Sie einen Beraterkreis?
Ich möchte gern mit so fantastischen Persönlichkeiten wie Peter
Turrini, Konrad Paul Liessmann oder Franz Schuh ins Gespräch kommen.
Haben Sie Zeit gehabt, sich vor Ihrer Entscheidung mit jemandem zu besprechen?
Ich habe ein paar Telefonate mit meinem engsten Kreis geführt. Es ist
dann aber eine innere Stimme, die sagt: \"Trau dir\'s zu!\"
Peter Wandaller: Darf ich\'s klären? Ich habe gesagt, sie soll\'s
machen - weil ich ihre Leidenschaft für Kultur und Bildungsfragen
kenne. Ich glaube, dass das ein großer Segen sein wird, und deswegen
habe ich ja gesagt. Ich bin am nächsten Tag auch aus einem gut
bezahlten Job gesprungen.
Könnten Sie Ihren Kulturbegriff in ein paar Schlagwörtern definieren?
Schmied: Kultur bedeutet: Quelle der Inspiration; Erweiterung, auch
Vertiefung. Wenn man viele Jahre in der Wirtschaft verbracht hat,
bedeutet es das Erschließen anderer, emotionaler Ebenen. In dieser
Differenzierung liegt viel Spannung, aber auch viel Energie.
Sie sehen also die Kultur als Gegenwelt zur rationalen Geschäftswelt?
Sie geht irgendwie tiefer. Durch die Überzeichnung der Dinge werden Entwicklungen früher sichtbar.
Inwiefern hat Sie Ihr Elternhaus politisch geprägt?
Mein Vater war in der Sozialdemokratie politisch engagiert.
Klavierspielen lernen und ins Theater gehen waren ein Teil des
Aufwachsens.
Was hat Ihr Vater gemacht?
Er war leitender Mitarbeiter der OMV, Bereichsleiter für Finanzen. Ansonsten möchte ich den privaten Bereich aber raushalten.
Auf der WU haben Sie auch eine Lehrveranstaltung \"Zur Rolle der
Wirtschaft in der Literatur\" gehalten. Worum ist es denn da gegangen?
Das war ein Pilotseminar, das ich jetzt leider beenden muss, was mir
wirklich leid tut. Ich habe mich darin zum Beispiel mit Erik Regers
wunderbarem Roman \"Union der Festen Hand\" befasst, der von der
Entwicklung der Gewerkschaften und der Konzernwelt in der
Zwischenkriegszeit handelt. Reger (1893-1954, Anm. d. Red.) hat auch
eine sehr interessante Biografie: Er hat im Pressebüro der Friedrich
Krupp AG gearbeitet, war journalistisch tätig und ist dann
Schriftsteller geworden. Natürlich habe ich auch Klassiker wie Thomas
Manns \"Buddenbrooks\" gemacht bis hin zu Urs Widmers Stück \"Top
Dogs\" und Kathrin Rögglas \"draußen tobt die dunkelziffer\" und \"wir
schlafen nicht\".
Martin Walsers jüngster Roman, \"Angstblüte\", spielt ja auch im Finanzberatermilieu. Haben Sie ihn schon gelesen?
Den habe ich eben deswegen gekauft, aber noch nicht gelesen.
Apropos Geld und Kunst: Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten,
Kulturpolitik zu machen - mehr Geld für die Kultur aufzutreiben oder es
anders auszugeben. Im ersten Falle hat man den Finanzminister gegen
sich, im zweiten diejenigen, die weniger bekommen sollen. Wie werden
Sie\'s angehen?
Wie ich die Dinge immer angehe: Zunächst einmal alles gründlich
studieren, Gespräche führen und dann abarbeiten. Aber es ist jetzt viel
zu früh, da schon konkrete Aussagen zu treffen.
Kennen Sie Willi Molterer persönlich?
Ja, aus der Zeit 1997 bis 1999, als er Minister war.
Haben Sie schon eine Ahnung, wann es zu einem ersten Vieraugengespräch mit dem Finanzminister kommen wird?
Nein, erst einmal muss ich fit werden, damit ich meine Anliegen dann auch gut vertreten kann.
Vom Alter her fallen Sie in die Zeit zwischen Hippieära und Punkgeneration. Welcher Strömung fühlen Sie sich näher?
Punk mit \"P\"?
Ja.
Nein, mit dieser Schreibweise hatte ich nichts zu tun. Also: weder Hippie noch Punk.
Wo liegen Ihrer Meinung nach denn die kulturpolitischen Kernkompetenzen des Staates?
Darin, gute Rahmenbedingungen für Kreativität zu schaffen. Wobei auch
so etwas wie die Künstlersozialversicherung zu diesen Rahmenbedingungen
gehört. Es geht aber auch um Wertschätzung, Anerkennung und Respekt.
Mit Sponsoring haben Sie ja Erfahrung - wie beurteilen Sie diesen Bereich?
Um es in der Wirtschaftssprache auszudrücken: Es geht darum, eine
Win-Win-Situation für beide Seiten herzustellen. Es ist sicher zu kurz
gedacht, Sponsoring rein als Förderung nach dem Muster \"A gibt B
Geld\" zu betrachten. Es fördert also nicht nur die Wirtschaft Kunst
und Kultur, sondern diese umgekehrt auch die Wirtschaft. Unsere
Künstlerinnen und Künstler sind die Botschafter des Landes. Kunst und
Kultur sind der Schatz des Landes, da stecken noch unglaubliche
Kraftquellen im Sponsoring.
Wie soll man die anzapfen?
Wenn zum Beispiel die Wiener Symphoniker auf Tournee gehen, dann kann
doch in Bukarest im Anschluss an ein Konzert mit Fabio Luisi auch ein
Zusammentreffen mit Künstlern, Unternehmern und Politikern stattfinden.
Es kostet genauso viel Geld, ob die nun \"nur\" ein Konzert geben oder
ob man das mit einer Begegnungsmöglichkeit verknüpft.
Sie haben in der Kommunalkredit längerfristige Sponsorenverträge mit
der Albertina ausgehandelt. Würden Sie das auch jetzt als Modell
heranziehen: dass man eher Strukturen fördert als Projekte?
Das lässt sich nicht mit \"entweder, oder\", sondern nur mit \"sowohl,
als auch\" beantworten. Es muss allerdings gelingen, die Kraft der
Kunst und Kultur möglichst breit zu nutzen. Es ist nicht einzusehen,
dass etwas erst durch Sponsoring zu einem Event wird, das kann es ja
jetzt schon sein, wo es durch die Steuermittel finanziert wird.
Finden Sie es nicht auch bedenklich, wenn in Museen Galadiners und
Privatführungen für Leute veranstaltet werden, nur weil die dafür das
Geld hinblättern können?
Wenn es das alleine wäre, wär\'s mir zu wenig. Ich finde es gut, wenn
man die Bekanntheit steigern kann, aber ich halte die Öffnung für
genauso wichtig - etwa, indem Orchester Musikworkshops in Schulen
abhalten, Schulkinder in eine Theaterprobe gehen ...
Einer der wenigen konkreten Punkte, die das Regierungsprogramm in der
Kultur formuliert, sind zwölf Tage, in denen die Bundesmuseen freien
Eintritt haben sollen - was aber auch finanziert werden muss. Halten
Sie das für eine geeignete und ausreichende Maßnahme?
Wir leben in einer Welt der Rankings und Ratings, weswegen ich das für
ein wichtiges Symbol der Öffnung halte. Und wenn Ihnen die
Gratispackung gefällt, werden Sie beim nächsten Mal bereit sein, Geld
in die Hand zu nehmen. Es geht darum, schon früh zu sensibilisieren und
zu inspirieren. Man kann schon früh in der Kindheit durch eine kleine
Bewegung eine entscheidende Weichenstellung vornehmen.
Im Regierungsprogramm ist auch von einem \"Projekt zur
musealen/wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Kalten Krieg\"
die Rede. Wissen Sie darüber Genaueres?
Nein. Daran habe ich ja auch nicht mitgeschrieben.
Wissen Sie schon, welches Bild Sie sich im Büro aufhängen? Werden Sie
welche mitnehmen oder sich in der Artothek welche aussuchen?
Beides. Nur leider habe ich keine Möglichkeit, sie in meinem
persönlichen Zimmer aufzuhängen, weil sich dort so viele Spiegel
befinden und das ganze Palais Starhemberg komplett unter Denkmalschutz
steht. Also muss ich für die Bilder noch gute Plätze finden.
Was sind denn das für Bilder?
Ich habe eins von Hermann Kremsmayer, das \"Konturen\" heißt, und dann
noch welche aus Osteuropa, wobei jedes Bild mit einer ganz besonderen
Geschichte verknüpft ist - ich kaufe die ja nicht in Galerien. Eines
davon ist zum Beispiel von 1946 und stammt aus Sofia. Ich habe es in
einer Ausstellung über Malerinnen im Haus Wittgenstein gesehen und dem
Sohn der Malerin geschrieben, der nach dem dritten Brief bereit war, es
zu verkaufen. Also habe ich eine kleine Reise nach Sofia unternommen.
Die anderen drei Bilder sind ganz tolle Porträts aus dem Rumänien der
Zwischenkriegszeit.
Haben Sie Lieblingsperioden?
Nein, ich bin sehr zeitgenössisch unterwegs. Wichtig ist mir, dass das
Bild mir eine Geschichte erzählt. Die Bilder von Andrea Bischof
gefallen mir zum Beispiel sehr gut.
Wenn Sie Carte blanche hätten, um ein Dreitagesfestival zu kuratieren ...
... wüsste ich ganz genau, was ich machen würde: Die einzelnen Stücke meines Projektseminars an der WU zur Aufführung bringen.
Würden Sie auch Regisseure aussuchen?
Das wird man wohl machen müssen, aber weil das nicht meine Kernkompetenz ist, würde ich mich da beraten lassen.
Eine Lieblings-CD, die gerade in \"heavy rotation\" ist?
Nein, aber ich habe mir erst heute beim Reinfahren gedacht, dass ich
meine CDs durchschauen und fünf fürs Auto auswählen muss, weil wir ja
viel unterwegs sein werden. Welche das sind, sage ich Ihnen dann beim
nächsten Interview.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.





