10.01.2003 20:14
"Graz 2003 besteht aus
Selbstbehauptungen"
Interview mit dem
Künstler, Kurator und Theoretiker sowie dem Chefkurator der Neuen Galerie Peter
Weibel
Graz hat sich als Kulturhauptstadt über Bauten und vor
allem über Sprechakte neu erfunden, meint der Künstler, Kurator und Theoretiker
Peter Weibel, Chefkurator der Neuen Galerie, im Gespräch mit Thomas
Trenkler.
STANDARD: Graz war in den 60er- und 70er-Jahren die Hauptstadt
der deutschsprachigen Literatur, eine Hauptstadt der Architektur. Was für eine
Hauptstadt ist sie heute?
Weibel: Graz hat noch immer die
Funktion, wie auch Alfred Kolleritsch es ausdrückte, ein Hohlspiegel zu sein, in
dessen Brennpunkt sich das Schicksal von Österreich zeigt. Seinerzeit hat sich
Graz am Postfaschismus abgearbeitet: Über Österreich wölbte sich eine
Betondecke, und Graz war die in diesen grauen Himmel gezauberte Wolke.
Beziehungsweise: Graz hat in diese Decke ein Loch geschlagen. Und heute zeigt
Graz, was in Österreich passiert ist: die so genannte Wende. Sie war nicht
einfach eine politische, sondern zeigt eine gewaltige Veränderung in der Politik
insgesamt: die Wende von der Medien- hin zur performativen
Politik.
STANDARD: Was ist unter einer solchen zu
verstehen?
Weibel: Der Philosoph John L. Austin veröffentlichte
1964 den Klassiker über die Performativität: How To Do Things With Words.
Ein Beispiel: Der Priester sagt, ihr seid verheiratet - und plötzlich betrachten
sich zwei Menschen als für ein Leben lang aneinander gekettet. Jörg Haider ist
in dem Moment, in dem die FP die Koalition einging, gescheitert. Denn seine
Anhänger forderten von ihm, seine Worte in die Tat umzusetzen. Aber er zeigte es
den Großen nicht. Haiders Demontage hat also nicht erst 2002 begonnen, sie
setzte bereits im Februar 2000 ein: Das Schicksal des Schwätzers, des
begabtesten Medienpolitiker Österreichs war besiegelt, weil er keine
Führerqualitäten zeigen konnte - und in die Provinz abgeschoben wurde. Wolfgang
Schüssel und Ernst Strasser hingegen sagen wenig. Aber wenn sie sagen, der
Schnabl muss weg, dann ist er auch weg. Die Österreicher werden unter Schüssels
Maßnahmen vielleicht leiden, aber es ist ihnen egal. Weil sie den Kanzler für
seine illokutionäre Macht des Wortes bewundern. In Deutschland hat der
Medienpolitiker Gerhard Schröder nicht rechtzeitig erkannt, dass die Leute heute
eine performative Politik verlangen. Aber es ist so: Es gibt eine Rückkehr zu
den Inhalten. Egal, welche Inhalte man verspricht, aber man muss sie umsetzen
können.
STANDARD: Was hat diese Beobachtung mit Graz zu
tun?
Weibel: Graz wählt demnächst. Die SP wird massiv Stimmen
verlieren, unter 30 Prozent fallen. Weil Bürgermeister Alfred Stingl immer nur
geredet - und nichts bewirkt hat. Diese performative Wende lässt sich auch an
"Graz 2003" festmachen. Denn die Kulturhauptstadt besteht aus Selbstbehauptungen
im Vertrauen auf die illokutionäre Macht des Wortes, wenn es heißt: "Wien ist
ein Vorort von Graz." Oder: "Graz darf alles." Man versucht, mit Worten Fakten
zu schaffen. Daher ist Graz die Stadt der performativen Wende. Aber Graz zeigt
auch die Grenzen. Denn man kann mit Worten nicht alles beschwören. Wien wird nie
Vorort von Graz sein. Beziehungsweise: Wenn Wien als solcher angesehen wird,
dann darf man nicht den Fehler machen, jede Menge Wiener zu holen, um mit ihnen
die wichtigsten Programmpunkte zu bestreiten.
STANDARD: Intendant
Wolfgang Lorenz wollte der Stadt mit diesen Slogans ein neues Selbstbewusstsein
einimpfen.
Weibel: Genau das kann der performative Turn: Graz 2003
war der Anlass, die Stadt neu zu erfinden. Die Neuerfindung greift auf zwei
Techniken zurück. Die klassische operiert mit Bauten: Früher waren es Kirchen
und Paläste, heute sind es eine Stadt- und eine Kunsthalle. Und zweitens erfolgt
die Neuerfindung über Sprechakte. Eminem z. B. behauptet sich durch diese derart
gut, dass er der erfolgreichste Musiker der Welt wurde. Weil er die Theorie am
aggressivsten artikuliert.
STANDARD: Und die Konsequenz? Man merkt
doch, dass die Graz-Slogans hohl sind.
Weibel: Wenn Graz diese
Sprechakt-Technik auch ohne Lorenz durchhält, wird es sich behaupten
können.
STANDARD: Graz wurde wohl auch aufgrund seiner Verdienste
in den 60ern zur Kulturhauptstadt. Im Weibel-Beitrag für die Anthologie "Graz
von außen", die demnächst bei Droschl erscheint, heißt es, dass die Schöpfer
dieses "magischen Graz" - in Anspielung an Wolfi Bauers "Magic Afternoon" -
"wenn überhaupt nur unangemessen vorkommen: Graz darf alles, aber einige dürfen
nicht ernten, was sie säten."
Weibel: Leider. Aber man tut Lorenz
Unrecht, wenn man ihm die Schuld zuweist: Er spricht nur das aus, was die Stadt
schon lange will. Und die Stadt will diese kritischen Geister nicht mehr.
Andernfalls hätte die Politik ihre Wünsche an Lorenz geäußert. Das hat aber,
weil Lorenz eine Stafettenübergabe an die Jungen wollte, nichts mit dem Alter zu
tun. Denn sonst würde man nicht Harnoncourt zur Galionsfigur der styriarte
wie von "Graz 2003" machen. Aber mit Harnoncourt kann sich die Politik viel
leichter identifizieren. Die Zukunft von Graz ist also nicht noch einmal auf
Provokation begründet. Sondern man verfolgt ein Globalisierungsszenario: Man
will weltweit anerkannt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.1.2003)