Karl Ferdinand Kratzl über die Fotografin Trude Lukacsek/
Ich seh', ich seh', was du nicht siehst, und das ist blau!,
sagt die Frau am Strand zu dem Mann. Er sagt: "Das Meer." "Falsch", sagt
sie, "es ist das Dach der Umkleidekabinen!" Trude Lukacsek geht auf
die Pirsch, um das Leben von Dingen einzufangen. Oft gerade noch
rechtzeitig zur Lebenszeit ihrer Motive. Ihre bedachtsame Jagd hat zu
einer nahrhaften Trophäensammlung geführt. Farbige Bilder. Als Kind
wollte sie schon immer das Bunte einfangen und retten. Die Lebensfreude
der bunten Dinge. So ist es bis heute geblieben. Naives Design,
unschuldige Architektur. Farbenfrohe Zeugen einer liebevollen
Entstehungsgeschichte. Unbekannte Menschen gestalten die kunstvollsten
Gebilde nur für sich. Gartenhäuser, Auslagen, Schilder. Trude Lukacsek
sieht diese Dinge, findet übergeordnete Strukturen und Muster und bewahrt
sie.
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Behutsam, respektvoll. Genauso
wie die anonymen Schöpfer ihrer Objekte ist sie von lebensrettender
Leidenschaft beseelt. Ihre Bilder brauchen nicht modern sein. Sie
scheinen aus einer tiefen Zeit zu kommen. Trude Lukacsek geht
gern auf Reisen. |
Behutsam, respektvoll. Genauso wie die anonymen Schöpfer ihrer
Objekte ist sie von lebensrettender Leidenschaft beseelt. Ihre Bilder
brauchen nicht modern sein. Sie scheinen aus einer tiefen Zeit zu kommen.
Trude Lukacsek geht gern auf Reisen. Es zieht sie in alle
Himmelsrichtungen zum Meer. Und da ist sie kein Einzelfall. Aufs Meer
hinausschauen ist für uns alle heilsam. Mein Fernweh ist mein Heimweh.
Du Ursprung und Ziel aller Sehnsüchte, von allen geliebtes Meer, sei
nicht beleidigt! Du bist nur eine Randerscheinung in diesen Bildern. Die
Fotografin liebt dich, lenkt ihren Blick jedoch auf die Dinge, wandert
zeitigst in der Früh am menschenleeren Strand entlang, sucht für ihre
Kamera nicht die Natur, sondern Menschenwerk, naive Architektur,
gepflegt und intakt, gefährdet durch die Zeit. Hier sehen wir stille
Bilder. Standbilder großartiger Filme. Mitten in seinem Wogen ist auch das
Meer erstarrt. Still stehen die farbenfrohen Zeugen da: Badehütten, Piers,
Strandkörbe . . . Jederzeit bereit, mit Bewegung gefüllt zu werden.
Hier sehe ich die Strände, die meine nächsten sind. Nicht die von
Übersee, sondern unsere Strände. Europaweit von Portugal im Westen bis zur
Ukraine im Osten. Von Belgen im Norden bis Italien und Griechenland im
Süden. Der Norden ist kälter. Da bestimmt der Windschutz die
Gestaltung des Ufers. Das Land wird ins Meer hinausgebaut. Molen und Piers
dienen zum Spazierengehen über dem Wasser. Gasthäuser, auf das Meer hinaus
gebaut. Der Mensch will seine Zeit am Wasser genießen. Badekur in
gesunder Meeresluft. Menschen stellen Unmengen von Liegestühlen auf. In
Reih und Glied. Jeden Tag. Damit das Publikum Platz nehmen kann wie in
einem riesigen Kino, um aufs Meer hinausschauen zu können. Der Wille
zum Meer hat seine eigene Ästhetik gefunden. Trude Lukacsek nimmt uns mit.
Bild für Bild zeigt sie uns die Früchte unserer Sehnsucht. Das Meer und
ich: wir haben einander so lieb wie zwei Königskinder. "Der Strand -
La Spiaggia - Pljaz - The Beach", ein Buch, das schon von außen verrät,
was drinnen ist.
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Die berühmten Ferien vom Alltag.
Wohin wollen wir verführt werden? Ausgerechnet wieder zu uns
zurück? Ein Urlaub, ein Buch, ein Bild führt uns nur scheinbar von
uns weg. Die Bilder von Trude Lukacsek kommen von sehr weit außen,
von den fernen Küsten. |
Die berühmten Ferien vom Alltag. Wohin wollen wir verführt werden?
Ausgerechnet wieder zu uns zurück? Ein Urlaub, ein Buch, ein Bild führt
uns nur scheinbar von uns weg. Die Bilder von Trude Lukacsek kommen von
sehr weit außen, von den fernen Küsten. Danach gibt es nur mehr das große
Wasser und dahinter das Ende der Welt. Ihre Fotografien führen uns zu uns
zurück, zu etwas Tieferem. Zu etwas, dem wir nicht entfliehen wollen.
Wer bei dem Spiel "Ich seh', ich seh', was du nicht siehst!" gewinnen
will, darf nicht auf das ausgewählte Objekt, das die richtige Antwort ist,
hinstarren. Er muss so tun, als ob nichts wäre, und seinen Blick scheinbar
belanglos herumstreifen lassen. Man kann auch auf etwas Falsches
hinstarren, das aber eine richtige Lösung darstellen würde, damit der
Mitspieler an der Nase herumgeführt wird. Trude Lukacsek gibt
scheinbar eindeutige Hinweise. "Ich seh', ich seh', was du nicht siehst,
und das ist Strand!" In Wirklichkeit schärft sie unsere Sinne für: "Ich
seh', ich seh', was du nicht siehst, und das ist Sehnsucht!" Sie sieht sie
tatsächlich. Auch wir können sie sehen. Die Beweise liegen jetzt vor.
Heimatbilder für platonische Meeresliebhaber. Handliches Format. Gut
in der Hand entfaltet es sich vor mir, wo immer ich gerade bin. Im
Landesinneren. Im allzu trockenen Bereich. Mit dem Fernweh nach dem Meer
und den nahrhaften Bildern von Trude Lukacsek. Die Fotografien stammen
aus dem Buch von Trude Lukacsek "Der Strand - La Spiaggia - Pljaz - The
Beach", mit einem Essay von Karl-Markus Gauß, erschienen im Verlag
Christian Brandstätter.
Erschienen am: 11.07.2003 |
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EXTRA vom 11.07.2003
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