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Erich Lessings Blick für Spannung: Neben kalkbestäubten Leichen von Sowjetsoldaten warten die Budapester auf Brot.
Perfekte Inszenierung im neuen Fotomuseum Linz
Der Photograph des Kalten Krieges
Seit gestern ist im Linzer Nordico eine beeindruckende Ausstellung der österreichischen Photographenlegende Erich Lessing zu sehen. Die OÖN sprachen mit dem Staatspreisträger über die aktuelle Präsentation und persönliche Schwerpunkte.

OÖN: Was sagen Sie nach diesem ersten Rundgang zu Ihrer Linzer Ausstellung?

Lessing: Es ist ein Wahnsinn! Diese riesigen Vergrößerungen! Ich bin verblüfft, dass es technisch möglich ist, ein 35-mm-Leica-Negativ nach 50 Jahren in dieser unglaublichen Qualität wandgroß zu bekommen. Auch, wie das Ganze inszeniert ist: da waren sehr g'scheite Leute unterwegs.

OÖN: Es ist ja bereits die 19. Ausstellung, die Sie heuer zu diesem Thema durchführen. Sechsmal USA, Paris, Wiener Leopold Museum. Was unterscheidet die Linzer Präsentation davon?

Lessing: Sie ist aufgrund ihrer Gliederung und optischen Aufbereitung die bislang beste und gescheiteste, vom Musealen her umwerfend. Auch vom Eindruck. Es ist für mich auch sehr vergnüglich, sie anzuschauen. Ich bin umgeworfen vor Begeisterung, wie man eine derartige Ausstellung machen kann mit Bildern, die immerhin 50 Jahre alt sind.

OÖN: Sie waren als Fotoreporter ja nicht nur Dokumentierer, sondern auch sehr politischer Mensch.

Lessing: Selbstverständlich, wenn man so wie ich den Beginn des Kalten Krieges in den Oststaaten verlebt, weil ich dort dabei sein wollte. Was nach Stalins Tod durch leichte Lockerungen schon möglich war, da man ein Visum bekam.

Ich konnte von einem Brennpunkt zum anderen zu fahren. War das ganze Jahr 1956 in Warschau, Prag, Budapest, Leningrad und Berlin unterwegs. Diese Unruhe, die sich aufbaute und schließlich auch entladen hat. Das war schon eine faszinierende Zeit. Vom Photographischen her weniger, weil man an der Oberseite ja nicht sieht, was die Menschen denken.

OÖN: Wobei Sie diese Spannung in Ihren Photographien sehr plastisch transportieren...

Lessing: Man muss da jenen Moment erwischen, in dem man an den Gesichtern der Leute die Emotion, den Widerspruch erkennt.

OÖN: Ihnen ist als Zeitzeuge nicht nur die Dokumentation, sondern auch die Botschaft wichtig.

Lessing: Ja, das ist immer so: Wenn man schon dabei ist. Es gibt wenig Photographen, die rein dokumentieren.

OÖN: Die photographische Spürnase ist also wichtig.

Lessing: Nur, wenn Sie wissen, wer die Spieler sind in diesem Spiel, Kontakte haben, können Sie in die Tiefe gehen. Sonst wirds oberflächlich. Außerdem ginge man da an Ereignissen vorbei, weil man sie nicht erkennen kann.

Ich wusste genau, wo die Zentren sind. Wusste, wer, wann, wo spricht. Man kann natürlich in einer Stadt, in der die Revolution wie lauter kleine Vulkane ausbricht - hier eine kleine Schießerei, dort wird was besetzt - nicht überall dabei sein. Aber ich war doch bei sehr vielen Sachen dabei.

OÖN: Was ist für Sie die wichtigste Facette in Ihrem Schaffen?

Lessing: Ich hab ja zwei Leben in der Photographie: das schwarz-weiße Dokumentarleben und dann die Farbreportage. In Frankreich werde ich jetzt sehr oft genannt "Der Photograph des Kalten Krieges", und genau das ist es. Diese divergierenden Systeme des Ostens und Westens.

OÖN: Sehen Sie sich selbst als Fotokünstler?

Lessing: Na ja. Ich bin ja ein Gegner dieser G'schichte der Kunstphotographie.

OÖN: Trotzdem wirken Ihre Bilder sehr durchkomponiert.

Lessing: Genau das ist ja die Sache mit der guten Photographie: Man muss "ein Auge haben", das man darauf trainieren kann, gute und klare Bilder zu machen.

Wenn man dann durch den Sucher schaut, bildet sich wie bei einem Maler das Gemälde. Sie sehen instinktiv die Komposition. Wichtig ist, dass das Bild stimmt. Das Wichtigste, dass das Auge des Betrachters dranbleibt, herumschaut. Sie können es Kunst nennen, Sie können es Handwerk nennen. Egal. Ob künstlerisch oder nicht, das ist dabei völlig irrelevant.

Erich Lessing

Geboren am 13. Juli 1923 in Wien als Sohn eines jüdischen Zahnarztes und einer Pianistin. Konnte 1939 nach Israel auswandern, die Familie kam jedoch um. Lessing machte sein Jugendhobby Photographie zum Beruf. Arbeitete als Fotoreporter für Associated Press, Life und Paris Match, vorwiegend in Osteuropa. Berühmtes Bild: Josef Figl samt alliierten Außenministern mit dem Staatsvertrag auf dem Belvedere-Balkon.

OÖnachrichten vom 17.11.2006
 
   



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