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Von etwas oberhalb des Hafelekars

Um Licht geht es in der Kunst von William Turner und Helmut Schober. Die Bury Art Gallery & Museum in Manchester stellt ab 21. September Arbeiten beider gegenüber.


TT: Sie sind derzeit zweifellos einer der international renommiertesten Tiroler Künstler. Als vorläufige Krönung Ihrer Karriere wird am 21. September in der Bury Art Gallery & Museum in Manchester die Ausstellung "Turner and Schober, Two Creators of Light" eröffnet. Was bedeutet Turner für Sie?

Schober: Als ich im zarten Alter von 20 Jahren als Präsenzdiener des österreichischen Bundesheeres nach London abhaute, weil ich den ganzen dumpfen Mief nicht mehr ertragen konnte, sah ich zum ersten Mal die Bilder Turners in der Londoner Tate. Danach sind seine Bilder aber gänzlich aus meinem Gesichtskreis ver-
schwunden. Sie scheinen sich allerdings nachhaltig in mein visuelles Gedächtnis eingeprägt zu haben.

TT: Was Sie mit Turner konkret verbindet, ist das Licht.

Schober: Ich habe so wie Turner, der ein großer Experimentator war, eine eigene Technik erfunden, um die Farben zum Leuchten und Glühen zu bringen. Turner ließ sich sogar den Daumennagel krallenartig wachsen, um diesen als Werkzeug zu benützen, das sensibler als jede Spachtel war. Für das Bild "Schneesturm auf dem See" ließ er sich während eines Sturms an den Mast eines Schiffes binden, um die atmosphärischen Turbulenzen möglichst authentisch erleben zu können. Heute wie damals gilt in der Kunst dasselbe. Ohne totalen Einsatz und größten Fleiß läuft nichts, selbst bei höchster Begabung.

TT: Turner war Idealist wie Realist. Ihm ging es um die Projektion von Visionen wie um die Darstellung der Wirklichkeit, womit er zum Vorläufer der Impressionisten wurde. Um eine Symbiose von Realem und Irrealem geht es auch in Ihrer Malerei.

Neues und Altes

Schober: Turner gilt zu Recht als der bedeutendste englische Maler. Er war unzweifelhaft ein Neuerer, einige seiner späten Bilder können fast als abstrakt bezeichnet werden, sind aber trotzdem fest in der Tradition verwurzelt. Auch in der zeitgenössischen Kunst gilt meiner Meinung nach das Sowohl-als-auch. Tradition ist äußerst wichtig. Wir können nur Neues schaffen, wenn wir das Alte kennen und respektieren, um es dann aufzureißen. Ich selbst verwende ein traditionelles Medium, die Leinwand, in meiner Arbeit. Ein traditionelles Mittel als Träger für Innovatives.

TT: Als Mensch des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich William Turner u.a. mit der Farbentheorie Goethes, während Sie sich in Schriften der Astrophysik vertiefen. Sind Turner und Schober also zwei Brüder im Geiste?

Schober: Das Netz der Erkenntnis wird immer engmaschiger. Dantes Strudel zog nach unten, in die Hölle, Turners Denken war bereits horizontal ausgerichtet und mein Malstrom geht vertikal nach oben, direkt in den Kosmos.

TT: Die Tate Gallery stellt für die Ausstellung in Manchester Turners im Versicherungswert von 32.7 Mio. Euro zur Verfügung und hat Interesse angemeldet, Ihre Bilder gemeinsam mit denen Turners in der Tate London zu zeigen. Leiden Sie zur Zeit nicht an Höhenangst?

Schober: Wie viele Tiroler bin ich gewiss nicht schwindelfrei. Ich muss aber zugeben, dass das Interesse der Tate Britain an meiner Arbeit mir Herzklopfen bereitet. Denn das kam alles wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ohne Interventionen von "Kunstpäpsten" oder Regierungsvertretern.

TT: Wie beurteilen Sie als seit 30 Jahren in Mailand lebender Tiroler die kulturpolitische Situation in Ihrer alten Heimat?

Schober: Sie scheint sich zunehmend zu verschlechtern. Gefragt scheint nur mehr Medienkunst zu sein, die sich aus dem Fundus der Sechziger und Siebziger Jahre bedient. Vergessen Sie nicht, auch ich habe als Performancekünstler begonnen, arbeitete mit Fotografie, Film Video und Installationen.

TT: In den letzten Jahren haben Sie besonders in großen deutschen Museen ausgestellt. Ihr letztes Tiroler Gastspiel in der Kunsthalle Tirol in Hall endete vor dem Bezirksgericht.

Schober: Ja der arme Bezirksrichter, wie hätte er entscheiden sollen? Ein Künstler bezeichnet den Leiter der Kunsthalle als inkompetent. Ich hab sofort einen Vergleich geschlossen, die Sache war mir einfach zu töricht (lacht). Trotzdem finde ich es sehr schade, dass es die Kunsthalle nicht mehr gibt. Eine große Chance für Tirol wurde vertan.

Prestige für Tirol

TT: Ihre Ausstellung in Manchester wird aber auch für Tirol eine Menge Prestige abwerfen.

Schober: Wenn aus einer fast sechsmonatigen Korrespondenz in kristallinstem Beamtendeutsch hervorgeht, dass man an amtlicher Stelle die Bedeutung Turners nicht erkennt und somit auch das Prestige, das diese Ausstellung Tirol bringt, falsch einschätzt, geht ein ganzes Stück Heimat verloren, das man auch in der Fremde im Herzen trägt. Ich strebe zwar nicht die Verleihung des Ordens des goldenen Gamsbarts an, aber ein bisschen Anerkennung meiner Leistung aus der Sicht von etwas oberhalb des Hafelekars würde ich mir schon wünschen.
2002-08-01 16:52:36