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One Hot Minute

Das Mumok zeigt einen Überblick über das Werk des Künstlers Erwin Wurm. Mit eingängigen Sujets und cleverer Strategie hat er sich an die Spitze der Kunstcharts gearbeitet.
 
Falter 43/2006 vom 25.10.2006
Ressort Kultur > Kunst
Autor Matthias Dusini


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Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

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Es war das Kunstevent des Jahres. Die „Zeit im Bild“ berichtete darüber in den Abendnachrichten, der TV-Sender Arte machte es zum Aufmacher seiner Kulturnachrichten. Die Montage eines Hauses auf dem Dach des Museums moderner Kunst (Mumok) am Dienstag vergangener Woche sorgte für ähnlich dicke Schlagzeilen wie der Besuch von Brad Pitt und Angelina Jolie in der Albertina. Zwei Kräne hievten das Fertigteilhaus nach oben, dann wurde es kopfüber an die Dachkante des Museums geschraubt, sodass der Eindruck entsteht, es sei vom Himmel gefallen und dort hängengeblieben. Mächtig stolz ist das Museum auf die Quantitäten: Das Gutachten für die statischen Berechnungen umfasst 150 Seiten, das Bauwerk wiegt 9,8 Tonnen. Hans Peter Haselsteiner, Chef des Baukonzerns Strabag, kommt ins Museumsquartier, um der Endmontage des von ihm gesponserten Hauses beizuwohnen.
Das Werk mit dem Titel „House Attack“ ist der spektakulärste Teil der Personale, die das Mumok dem 52-jährigen Steirer Erwin Wurm widmet, der damit auch den bisherigen Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn zelebriert. Nach Aachen und Wien wandert die Ausstellung weiter nach Hamburg, St. Gallen und Lyon – obwohl die letzte Wurm-Retrospektive erst vier Jahre zurückliegt und eine weitere kürzlich durch die Vereinigten Staaten tourte. Wenn man in zwanzig Jahren das Trendbarometer des Jahres 2006 anschaut, wird der Name Wurm weit oben stehen.
Diese in der Generation der Achtzigerjahre-Künstler lediglich von Franz West übertroffene internationale Nachfrage spiegelt sich auch im Marktwert von Wurms Kunst wider. Sieben Galerien vertreiben seine Fotos, Zeichnungen, Videos und Skulpturen. Die Wiener Galeristin Ursula Krinzinger verkaufte etwa die Skulptur „The artist who swallowed the world, when it was still a disc“ (2006) – sie zeigt eine männliche Puppe, die eine Scheibe verschluckt hat – auf der Frieze Art Fair Anfang Oktober um 90.000 Euro. In den Messekojen kleben neben seinen Fotos – sie kosten zwischen 5000 und 25.000 Euro – stets mehrere „Verkauft!“-Punkte. Als international contemporary artist publiziert Wurm seine Kataloge auf Englisch. „Er hatte in den letzten zweieinhalb Jahren 18 Covers von Kunstzeitschriften“, freut sich Krinzinger.
Für Wurm drückt das Haus auf dem Mumok-Dach aber keineswegs die Protzerei eines Erfolgskünstlers aus, der im Halbschlaf eine Idee hat und dann sagt: „Macht mal!“ Er möchte damit den Angriff konservativer Kleingeistigkeit auf die Kunst darstellen. Daher klebt auf der Eingangstür des Hauses mit biederem Satteldach der Name Wolfgang Schüssel. Beim Vorbeifahren an der „Blauen Lagune“ am Rande der Shopping City Süd, wo Musterhäuser von Fertigteilunternehmen stehen, kam Wurm die Idee: „Was ist, wenn man so ein Häusl abschießt, und es fällt aufs Mumok?“ – „Da hat sich ja nicht viel verändert“, scherzt der in Berlin lebende Kunsthistoriker Helmut Draxler, der in den Achtzigerjahren Wurms künstlerische Anfänge verfolgte: „Man lacht einmal, und das war’s dann.“
Wurm lässt seine Werkschau mit Skulpturen aus dem Jahr 1986 beginnen, als er, 32-jährig, bereits einen Namen in der damals sich stark entwickelnden Wiener Kunstszene hatte. Von Haus aus war ihm der Weg in die Kunst keineswegs geebnet. „Mein Vater war Kriminalbeamter. Für den war alles, was mit Kunst zu tun hat, äußerst suspekt, fast schon mit einem Bein im Kriminal.“ Bei der Aufnahmeprüfung in die Malereiklasse des Mozarteums fiel er durch, nicht so in der Klasse für Bildhauerei. „Das war zunächst ein großer Schreck, Frust und Verzweiflung. Dann habe ich aber begonnen darüber nachzudenken, was ist Skulptur, und habe mich analytisch an das Thema heran gemacht.“
Mit den dominanten Strömungen der Zeit, Minimal Art und Konzeptkunst, konnte der Kunststudent, der bald nach Wien an die Angewandte übersiedelte, wenig anfangen. Auch das Lehrangebot machte es ihm nicht leicht. Auf der Angewandten traf er auf den wortgewaltigen Kunsttheoretiker Bazon Brock. „Ich habe mich erst einmal ein Jahr nicht getraut, den Mund aufzumachen, mit einer derartigen Wucht, Überzeugung und Perfektion hat er gesprochen. Es haben auch einige aufgehört deswegen, weil sie gesagt haben, sie sind zu blöd für die Kunst.“
Wurm gibt nicht auf. Eine seiner Lieblingsanekdoten geht auf das Jahr 1981 zurück, als er nach dem Studium in seinem Atelier über einer Tischlerei sitzt, vor deren Tür sich Holzabfälle türmen. Aus Bretterresten fertig er Skulpturen mit klassischen Themen an: die Gehende, die Stehende, ein Reiterstandbild; dann beschmierte er die zusammengenagelten Figuren mit Farbe. Die eigentlich aus einer trotzigen Haltung gegen die damals gängige Lehrmeinung, wonach die traditionelle Skulptur längst gestorben sei, heraus entstandenen Objekte kamen erstaunlich gut an. Rosemarie Schwarzwälder nahm sie in die Ausstellung „Neue Skulptur“ in der Galerie nächst St. Stephan auf. Prompt wurde Wurm zum Neuen Wilden der Skulptur. „Die frühe Karriere mit bemalter Skulptur war sehr strategisch“, erinnert sich Helmut Draxler. „Die Malerei war durch, was macht man jetzt? Man bemalt Skulpturen.“
Wurm indes wurde es als Bretterl-Wilder bald schon fad. „Man hat mich auf etwas festnageln wollen, was eigentlich aus einer Reaktion heraus passiert ist. Nach drei Jahren war mir unwohl, und ich dachte mir, das bin eigentlich nicht ich.“ So kam es zu jenen Blechskulpturen, die nun auch im Mumok zu sehen sind. Eine afrikanische Statue etwa ist zwischen zwei verbeulten Fässern fixiert, als ironische Anspielung auf die kommerzielle Ausbeutung der afrikanischen „Negerplastik“ durch den westlichen Kunstmarkt. Für einige Kollegen kam die Abkehr von einer gemeinsamen neo-expressionistischen Ästhetik einem Verrat gleich, Wurm selbst empfand sie als Befreiung: „Für mich war es ein wichtiger Schritt, die Dinge zynisch zu sehen.“ Der Kunsthistoriker Draxler war von dieser Wendung überrascht. „Er hat sich ein komplexeres Vokabular erarbeitet. Er hätte – wie andere – wunderbar in seinen Anfängen versumpfen können.“

Längst hat Wurms Sinnieren über die Möglichkeiten skulpturaler Formulierungen eine größere Dimension erreicht. Große Museumsräume sind nötig, um etwa seine „Fat Cars“, monströs angeschwollene Sportwagen, oder sein „Fat House“, ein ebenfalls mit viel Kunststoff aufgeblähtes Einfamilienhaus, zu beherbergen. Dem nach immer spektakuläreren Inszenierungen suchenden Museumszirkus liefert Wurm verlässliche Ware – mit einer eingängigen Idee, Witz und ohne verwirrende Insiderbezüge auf die lokale Kunsttradition. Das Auto und das Haus als „Traum des kleinen Mannes“ (Wurm) verformt er bis zur Kenntlichkeit ihrer ihnen innewohnenden geistigen Fettleibigkeit.
Wurm sagt, Skulptur sei für ihn ein Katalysator zur Formulierung gesellschaftspolitischer Themen. Das zu- und abnehmende Volumen einer Figur, ihre Masse, sind Themen der Bildhauerei; Adipositas und Bulimie hingegen sind Probleme, an denen die Gesellschaft nagt. In einigen Fotoserien zeigt Wurm Personen, die durch das Anziehen mehrerer Kleidungsschichten dick werden. In der ersten Serie in Schwarzweiß, „Fabio Getting Dressed“ (1992/2001), erinnert diese Idee an einen Obdachlosen, der aus Not seinen ganzen Kleiderbestand anzieht. Spätere Aufnahmen zeigen dicke Menschen als Sinnbild für Macht: Aufgeblasene Kuratoren inszenieren sich in der Pose absolutistischer Herrscherfiguren. Wer sie nicht kennt, hält sie für Loser: Sieger sehen heute schlanker aus.
Die Anregungen zu solch subtiler Gesellschaftskritik holt sich Wurm unter anderem auf den Fahrten von seinem Landhaus, einer umgebauten Schmiede im Weinviertel, in die Stadt. Wie „Krebsgeschwüre“ würden die Einfamilienhäuser die Landschaft überwuchern. „Österreich ist ein Land mit nicht so großer Fläche, und wenn diese grässliche Vervorstädterung im selben Maß passiert wie in Los Angeles, ist Österreich bald verbaut.“ Die vorgegebene Billigästhetik der Baumärkte findet er grässlich. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Wohnen führt Wurm durch sein eigenes Haus. In der Renovierung und Einrichtung dieses Hauses stellte der Hausherr einen erlesenen Geschmack unter Beweis: Sizilianische Barockmöbel stehen neben handgeknüpften Orientteppichen, das minimalistische Waschbecken steht auf einer alten Bauernbank. Liebevoll konserviert er die Patina der alten Gemäuer, Böden und Türen.
In der Ortschaft Limberg erwarb Wurm eine weitere Liegenschaft. „Ich wollte mir in Wien eine große Halle als Atelier kaufen. Das ist alles so aberwitzig teuer. Am Land habe ich das wesentlich billiger bekommen.“ Für seine großen Skulpturen hat er nun 2000 Quadratmeter an Depotfläche zur Verfügung – rund 200 mehr als das Mumok. Der Künstler produziert neue Großskulpturen ohne Auftraggeber. Erst wenn er mit ihnen zufrieden ist, gibt er sie frei. So versuchte er sich schon einmal an der Verfettung eines geometrischen Loos-Hauses, verwarf die Idee aber wieder. „Es hat ausgeschaut wie eine Springburg für Kinder.“ Ganz umsonst war die Mühe aber doch nicht, das Acrylmodell des „Fat House Moller“ (2003) ist bereits verkauft. Seit einiger Zeit kursiert das Gerücht, Wurm habe sich ein Schloss gekauft. „Es ist ein kleines Schlösschen dabei, das als Gemeindebau genutzt wurde. Aber das ist eher eine Bürde.“ Ein Skulpturenfürst, der vom Burgberg auf die „Blaue Lagune“ herunterschaut, möchte er nicht sein.
Zwischen den verbeulten Kübeln mit der „Negerplastik“ und dem fetten Spätwerk liegen einige Arbeitsschritte, in denen Wurm seine Fähigkeit unter Beweis stellt, sich mit einfachen Mitteln an den Problemen der Bildhauerei abzuarbeiten. Ein frühes Beispiel sind die „Staubskulpturen“: Auf einem Sockel ist eine saubere Fläche zu sehen, die sich von der staubigen Umgebung abhebt. Unwillkürlich denkt man sich einen Gegenstand dazu, der hier gestanden haben muss. Oder Wurm überzieht kubische Sockel mit einem Mantel oder einer Hose, was ihnen eine menschenähnliche Gestalt verleiht. Falsch angezogene Kleider führen bei den Modellen zu so seltsamen Verrenkungen, dass man sie für eine abstrakte Skulptur – oder ein geknebeltes Entführungsopfer – halten könnte.
Anfang der Neunziger entstehen Stoffskulpturen, die einfacher nicht sein könnten: Sammler und Kuratoren basteln sich ihre Stoffskulpturen selber – indem sie Kleidungsstücke nach einer gezeichneten Gebrauchsanweisung an zwei Nägeln an die Wand hängen. Diese Instruktionen gehören zum Kennzeichen von Wurms Methode. Er schreibt sie in Ausstellungen auf Wände und Böden oder auf Objekte, mit denen der Besucher etwas anfangen soll. Da steht dann neben einem Dutzend Tennisbällen geschrieben: „Liegen auf Tennisbällen: Kein Körperteil soll das Podest berühren.“ Die Dauer dieser Instantperformances ist stets dieselbe: eine Minute. Das Ewigkeitspathos der klassischen Skulptur verdunstet hier zu poetischer Flüchtigkeit.
Oder ein Museumswärter macht ein Polaroid von so einer Besucherskulptur. Der Besucher kann es an den Künstler schicken und bekommt dann um hundert Dollar eine Signatur darauf, das Polaroid wird so zu einem echten Wurm. Wurms Anweisungen sind so skurril, dass die handelnden Personen zum Spielball tückischer Objekte werden, von zwischen Zehen steckenden Essiggurken oder aus der Nase wachsenden Champignons. Wurm sucht Modelle für diese sogenannten „One Minute Sculptures“ über Zeitungsinserate. 1999 fotografierte er für eine Ausstellung in Toulouse ein Männerbein, das durch das Loch einer Friedhofsmauer ragt. „Der Mann hat immer auf den Friedhof geschaut. Er ist arbeitslos und schon halb am Friedhof, weil er nichts zu tun hat.“ Einem Bankmanager steckte er zwei Spargelstangen in die Nase. „Der wollte sich einfach beweisen wie cool er ist und dass er sich das vor seiner Belegschaft traut.“

Durch die Fotos dieser im Freien oder in Innenräumen gemachten „One Minute Sculptures“ wurde Wurm berühmt. Die deutsche Band Echt verwendete eines der Fotos als Cover, verarbeitete die Vorlage dann aber auch als Video, ohne ihn zu fragen. „Die Musikbranche ist ganz anders organisiert als die Kunstbranche. Paul McCartney kriegt angeblich für den Song ,Yesterday‘ 120.000 Euro – pro Tag. Mich stört, wenn etwa Werbefotografen Ideen abkupfern und dann viel Geld damit verdienen.“ Auf den Ideenklau durch Kollegen reagiert Wurm dagegen mit Humor. Das Foto „The artist begging for mercy“ (2002) zeigt den Künstler, kniend und betend, mit einer Zitrone im Mund. Es ist dem italienischen Künstler Maurizio Cattelan gewidmet, der in einem Katalog ein Werk Wurms ohne Namensnennung abbildete. Eine von Cattelans Skulpturen stellt den knienden und betenden Hitler dar. Wurms soft-sadistische Fotos funktionieren überall dort, wo ein visuelles Überraschungsmoment gebraucht wird: in Modemagazinen, im Wettbewerb der Kunstmessekojen, im tausendsten Popvideo, das sich vom 999. zu unterscheiden hat.
Die Zusammenarbeit mit der US-Band Red Hot Chili Peppers, die 1995 ein Album mit dem verdächtig nach Plagiat klingenden Titel „One Hot Minute“ einspielte, klappte zur Zufriedenheit des Künstlers. Im Video für den Song „Can’t Stop“ werden von der Band einige Wurm-Skulpturen performt. Aber beginnt das Video nicht wie das „Kanalvideo“ von Fischli/Weiss? Und ist die Kartonskulptur, die sich der Gitarrist überstülpt, nicht von Franz West? Wurms smarte Zeichen flottieren, einfach wieder erkennbar, in der Ortlosigkeit der internationalen Ausstellungsindustrie, ihre Herkunft aus den werkkritischen Diskursen der Sixities-Avantgarde ausblendend. Er hat aus einer künstlerischen Methode eine Marke gemacht, die sich vorzüglich dehnen lässt. Entsprechend sensibel reagiert ihr Inhaber auf Copyrightverletzungen.
Wurm sieht sich nach zwanzig Jahren freien Künstlertums in seiner zynischen Haltung bestätigt. Alle fünf Jahre würden neue Wahrheiten als absolute präsentiert. „Jeder sagt, er ist nicht Teil einer Modewelle, aber in Wahrheit steckt doch jeder drinnen.“ Er erinnert sich an die Umfrage eines Kunstmagazins in den Achtzigern. Kritiker und Kuratoren wurden gefragt, von welchem Künstler sie glaubten, dass er in zehn Jahren noch wichtig sein wird. Der italienische Maler Sandro Chia stand an erster Stelle. „Er war der Erste, mit dem es bergab ging.“


„The artist who swallowed the world“:
bis 2. Februar im Mumok (MQ).
Information: www.mumok.at

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