Meisterin der Dunkelkammer: Die Fotogalerie Wien
im WUK zeigt "Werkschau XV. Lisl Ponger – Fact or Truth"
Wenn Kunst Weltbilder verschiebt
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Bild im Bild: "Indiana Jones I" auf einem Schemel stehend als fast reale
Kulisse. Foto: Fotogalerie/Lisl Ponger
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Lisl Ponger
begibt sich auf die Spur von Indiana Jones.

Schau zeigt Nichthaltbarkeit alter Denkmodelle.
Wien.Es
kommt Ratlosigkeit auf angesichts einer Werkstattsituation, die
Arbeitsflächen mit Verpacktem, Schminktisch und Kostüme mit einem
scheinbar traditionellen Fotoatelier verbindet. Auf den zweiten Blick
erweist sich Lisl Pongers "dekonstruierte Werkschau", die fünfzehnte der
Fotogalerie, jedoch als Fundgrube.
Doch mit archäologischen wie geschlechtsspezifischen Begriffen muss
im Sinne Pongers korrekt umgegangen werden, eine entwaffnende Methode
gegenüber eingeübten alten Wissenschaftsmustern. Erscheint uns doch
"Indiana Jones I" in der titelgebenden Fotoarbeit "Fact or Truth" als
dunkle Rückenfigur vor einer Wand mit Fotoarbeiten, auf einem Schemel
stehend, nebst Totempfahl in Touristenformat. Ein Bild im Bild verlangt
ein außerhalb desselben, da ist der Schemel wie im Atelier eines
Berufsfotografen mit schwarzer Hintergrundfolie als Kulisse real
aufgestellt. Auch der "Marterpfahl" kehrt wieder in der Ansammlung von
Möbeln, Umzugskisten, Bügeltisch, Büchern, einem Globus und anderen
Artefakten.
Die Unordnung verweist auf ein Davor und Danach dieser Werkschau und
die an die Wand gelehnten unter Noppenfolie verpackten Werke der
Künstlerin auf die nötigen Reisen Pongers für ihre künstlerische
Recherche. Ihre Arbeitsweise klärt sich Schritt für Schritt bei aktivem
Einsatz von Auge und Erinnerungsvermögen oder auch nur Zulassen des
Spieltriebs. Gegen jede museale Passivität und Distanz zu den Exponaten
wird der Wille einzugreifen durch angekreuzte Gegenstände gesteigert:
Dieser Kreuzzug ist doppelbödiges Zeichen, deutet auf erlaubte Berührung
hin und auf europäische Kriege. Warum nicht die Finger von etwas
lassen, schwingt ironisch mit.
Ein Erobern der Ausstellung kann auch an einem PC vor sich gehen und
es können Laden geöffnet werden, in denen Texte, Bilder und Gegenstände
zu finden sind, Bücher aus dem Regal genommen und in einer Sitzecke
gelesen werden. Doch selbst linkes und rechtes Fach lassen ihre alte
magische Verteilung anklingen – Sprache ist beteiligt an der
Feldforschung. Da Indien, dort Indianer und dazwischen Christoph
Kolumbus mit dem Datum 1492: Auf einer Plastiktasche steht der Kommentar
"first illegal immigration". Das Pendant zum "Indiana Jones I", der wie
"Der Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich auf einen
See blickt, ist "Night falls on Indiana Jones", gleichzeitig günstig zu
erwerbende Edition der Fotogalerie. Der Protagonist ist nur mehr
Silhouette im Türrahmen des beleuchteten Fotoateliers. Darin reihen sich
Aufnahmen vom Ort einer Recherche Pongers in Vancouver bei First Nation
People an die Rückwand.
Sichtbare Utopie
Als politische Aktivistin hat sie jene bei einer Demonstration
begleitet, hat Bilder ihrer Wohnorte versammelt und irritiert mit einem
Parfüm, das als "Indian Summer" sprachlich entlarvt wie Ethnologie und
Wirtschaft verschmelzen. Künstler – der in Kanada nicht in Reservaten
lebenden Gruppen – partizipieren an ihrer Werkschau: Illustrierte
Kinderbücher des First Nation Writers Coyote Columbus etwa zeigen deren
Sicht, nicht unsere Konstruktion. Das Abschütteln eigener Identität, wie
es die klassische Moderne exerzierte, wird sichtbare Utopie.
Zum vielseitigen Fotostudio gibt es eine Dunkelkammer. Sie bindet ein
weiteres Projekt der Künstlerin ein: Alpen und Himalaya werden durch
zwei Sherpa-Schauspieler verwechselbare Naturkulissen. Dazu gibt es
einen Kinoraum, in dem Pongers Film "Imago Mundi – Das Gültige, Sagbare
und Machbare verändern" von 2007 die Macht des Rollentauschs der
Geschlechter reflektiert. Auf Anfrage werden auch andere Filme der
zweifachen documenta-Beiträgerin gezeigt, die sich nicht als
Filmemacherin isoliert von ihren künstlerisch-wissenschaftlichen
Aktivitäten sieht. Selbst die politische Aktivität ist verwoben – neben
Vancouver mit ihrer in Genua nach dem G8-Gipfel erfolgte
Kanaldeckel-Fotoserie "Sommer in Italien/Genua August 2001". Die
geänderte Konstellationen, das anders Reihen, Inhalte Konterkarieren
ermöglichen der Kunst, ein verändertes Weltbild zu schaffen. Dabei wird
die Pose der Fotografin als ein jahrhundertealtes Modell westlichen
Reisens und Abbildens entlarvt – also ist der Weg zurück zur elitären
Geste versperrt.
Wie im französischen Strukturalismus werden geänderte Sichtweise und
Nichthaltbarkeit alter Denkmodelle angesprochen. Dabei hat besonders der
Ethnograph Michel Leiris und sein "Phantom Afrika" Ponger bewogen,
dessen Forschungsreisen zu wiederholen. Dokumentation kann sich als
Fiktion herausstellen. Vielstimmigkeit legt sich über die
Kreuzmarkierung, die so gerne auf alten Schatzkarten Funde fixiert,
gesteigerte wirtschaftliche Gier markiert das Gold als weitere
Schatzsucherspur in der Pongerschen Strategie. Stereotypen westlicher
Wissensindustrie und das Ausstellen selbst werden durchkreuzt. Indiana
Jones als professoraler Eroberer mit Nahbezug zu Museen, die Raubgut
außereuropäischer Kultur aufbewahren. Starke Ansagen auf Rückgabe von
Kulturgut hat die Künstlerin auch im Wiener Völkerkundemuseum mit einer
Diashow gemacht.
Edward Sheriff Curtis (1868 bis 1952) fotografische
Dokumentationsbände über die "Indianer" lagern dort. Er und der
legendäre Kulturhistoriker Aby Warburg liefern Ponger wichtige Bezüge
für Nacharbeit. Curtis Blick war so romantisch wie der des Wanderers
über dem Nebelmeer auf Bewahren von indigener Kultur ausgerichtet,
allerdings in seiner wissenschaftlichen Sicht. Scheinbar gut gemeint
inszenierte er "Sitten und Gebräuche" als Ethnologe, die meist
Konstruktionen sind. Warburg begab sich zum Schreiben seines Textes
"Schlangenritual" 1895 auf Curtis’ Spuren zu den Hopi – so sensibel
seine Methode der Mnemosyne-Tafeln polyphon Gesten und Ikonografie
untersucht, so unsensibel ging er mit der Kamera bei Zeremonien um. Im
Bücherregal steht dazu die Dokumentation "Photographs at the Frontier".
Die Vernetzerin
Ein Einziger aus der westlich orientierten Wissenschaft taucht in der
Schau auf, der unhierarchisch und wertfrei dokumentierte: Franz Boas
(1858 bis 1906). Relektüre mit dem Wissen über Stereotypen, Rassismus
und postkoloniale Sicht macht bewusst, dass der zu verurteilende
Exotismus Teil unserer Verschiebungen bleibt. Die fehlende Kommunikation
im Fixierung von Welt als Verschanzen hinter dem Apparat muss
überbrückt werden – es gibt wohl auch real kaum eine bessere Vernetzerin
als Lisl Ponger, zwischen Gruppen, Ländern und Sparten – meist von
ihrem Wiener Stammcafé aus, das eigentlich statt Prückel "Büro Ponger"
heißen könnte.
Die dekonstruierte "Abbildung der Wirklichkeit" als Denkmodell der
installativen Werkschau, die Schichten quer vernetzt und komplexe Spuren
zieht, ist nicht von elitärer Theorie erfüllt. Um Komplikationen
abzuschwächen, gibt es einfache Blicklinien zwischen Vogelfedern,
X-Zeichen und Kartografien. Verdoppelte Motive verhindern die überlegene
Geste des Neuschreibens als Verneinung, mit der sich Avantgardisten der
klassischen Moderne in Metaebenen abhoben.
Infos unter http://www.fotogalerie-wien.at
Printausgabe vom Mittwoch, 07. Juli 2010
Online
seit: Dienstag, 06. Juli 2010 17:22:00
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