Der letzte Bohemien aus Wien
Preisregen. Viel Ehre aus Österreich und ein Goldener Löwe für den „Innovator der Skulptur“: Franz West.
MARTIN BEHR WIEN, VENEDIG (SN). Kommt Zeit, kommt Ehre. Für den 64-jährigen Wiener Künstler Franz West geht es in diesen Tagen Schlag auf Schlag. Am kommenden Samstag wird West zur Eröffnung der Kunstbiennale in Venedig für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen geehrt, am Tag zuvor erhält er das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Damit ist der nach langem Spitalsaufenthalt noch rekonvaleszente Wiener auch Mitglied der insgesamt 36 Personen umfassenden Kurie für Wissenschaft und Kunst. Fauler im Alter „Ich altere, bin noch fauler, als ich es war, und werde laufend durch Medien mit noch monströseren News bekannt, ich stumpfe denen gegenüber langsam ab und versuche den Vorgeschmack des mich erwartenden Elysiums in meinen Künsten zu materialisieren.“ Mit diesem Schlusssatz in seinem Katalog „Autotheater“ beschreibt sich der Plastiker und Grafiker als kauzig-ironischer Bewohner einer Sozialisation, die einst Boheme genannt wurde. Im Zeitalter der dynamisch-erfolgreichen Managerkünstler wirkt West wie ein Relikt aus alter Zeit. Der künstlerisch Spätberufene – erst im Alter von 30 Jahren begann er bei Bruno Gironcoli zu studieren – überzeugte über die Jahre mit einer Mischung aus internationaler Formensprache und einer alpenrepublikanischen Verortung in Sachen Sexualität, Psychoanalyse und Schmäh. Die venezianische Jury preist ihn als großen „Innovator der Skulptur, indem er sie wie eine Metasprache entwickelt und ihre Nähe zum Körper sowie zu Möbelstücken betont“.
Mit seiner Erfindung, den sogenannten Passstücken ist West ein Platz in der Kunstgeschichte ebenso sicher wie etwa Arnulf Rainer mit dessen Übermalungen. West experimentierte schon seit 1974 mit zur Interaktion gedachten Objekten, die später Passstücke heißen sollten. Es handelt sich dabei um freie, transportable, selten exakt definierbare Formen aus Gips, Papiermaché oder Metall, die als Stützen, Prothesen oder Gewächse an den Körper gelegt werden konnten. Inhaltlich verglich West seine skurrilen Schöpfungen einmal mit Abbildern von Neurosen: „Ich behaupte, wenn man Neurosen sehen könnte, sähen sie so aus.“ Auf der Biennale hat Franz West, das heimische Aushängeschild im internationalen Kunstmarkt, einen „Parapavillon“ gestaltet. Mit seinem reichen, zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstobjekt angesiedelten Vokabular (sein Sitzmobiliar aus Altstoffen ist seit der documenta 9 ein Fixpunkt im Betriebssystem Kunst) lassen sich Großausstellungen immer intelligent, sinnlich und variabel bestücken. Der Rolls-Royce-Fahrer West (als Kühlerfigur fungiert ein Passstück) wird trotz angeschlagener Gesundheit nach Venedig reisen.


















