| Artikel aus
profil Nr. 19/2002 |
Spätlese
Das
Künstlerpaar H + H Joos zählt zusammen 182 Lebensjahre. Sein
umfangreiches Œuvre wird jetzt von einer jüngeren Generation für
sich entdeckt. |
Ihre Bilder, teils schon Jahrzehnte alt,
sehen so aus, als ob sie gestern am Computer programmiert worden
wären. Auf den ersten Blick zumindest. Bei genauerem Hinsehen
registriert man dann die feine Patina über den Gittermustern, wie
sie durch die Langzeitwirkung von Sonnenlicht entsteht. Es ist
allerdings keine brüchige und zerrissene Patina wie bei alt
werdenden Ölbildern, sondern eine weiche und sanfte, die sich
lediglich in einer leichten Verfärbung der hellen Acrylpalette
äußert. Die Gemälde von Hildegard und Harold Joos sind jung wirkende
Produkte, auch wenn sie bereits vor dreißig Jahren entstanden
sind.
Das liegt nicht nur an der Verwendung der homogen
wirkenden Acrylfarben, sondern auch an den verblüffend
zeitgenössischen Inhalten, die die Bilder des Künstlerpaars in die
Nähe einer Ästhetik von digitalen Grafikprogrammen rückt: abstrakte
Linien-Strukturen, die sich langsam ausdehnen, verbreitern oder
zusammenziehen, bis sich ihre Form völlig verändert
hat.
Hildegard und Harold Joos arbeiten seit 1965 zusammen an
der Kunst. Verheiratet sind sie nicht, wohl aber nennen sie einander
„Lebensgefährten“, und seit wann sie unter dem schrulligen Pseudonym
„Joos“ firmieren, lässt sich heute ebenso wenig eruieren wie die
Antwort auf die Frage, zu welchem Zeitpunkt die beiden sich erstmals
begegnet sind. Sicher ist, dass Hildegard am 7. Mai 1909 in Wien
geboren wurde und Harold am 13. Juli 1913 in Genf. „Joos“ hat sich
Hildegard irgendwann einmal zugelegt, weil „dieser Name auf Anhieb
richtig verstanden und geschrieben wurde“, so die Künstlerin, die
ihren 93. Geburtstag diese Woche vor allem mit Arbeit feiert.
Hildegard Joos hat ihr Leben lang gemalt, und das tut sie
auch heute noch. Jeden Tag in der Früh, manchmal schon ab sechs Uhr,
stehen sie und ihr Schweizer Partner Harold, der seit fast vierzig
Jahren in Österreich lebt, an ihrem Maltisch in einem Dachatelier im
neunten Wiener Bezirk und arbeiten weiter an ihren
abstrakt-geometrischen Kompositionen. Hildegard Joos hat als eine
der ersten Frauen die Wiener Akademie der bildenden Künste am
Schillerplatz absolviert, beim selben Lehrer wie die rund zehn Jahre
jüngere Maria Lassnig, die heute ebenfalls zu den kompromisslosesten
Malerinnen Österreichs zählt. Sie war auch die erste Frau, deren
Arbeiten 1962 in einer Einzelausstellung im Hauptraum der Wiener
Secession präsentiert wurden; es folgten, bis in die achtziger
Jahre, viele weitere Ausstellungen. Als in dieser Zeit gerade wieder
die heftige expressionistisch-gestische Malerei der Pinsel
schwingenden Malerfürsten ein Revival feierte, wurde es stiller um
Hildegard Joos, die „immer an der Form interessiert war“. Als
Konstruktivistin vertrat sie ohnehin eine Kunstrichtung, die in
Österreich nie sehr populär war – im Gegensatz zur Schweiz oder zu
Frankreich, wo Hildegard und Harold zeitweilig lebten. Sich ihrer
singulären Stellung und ihres eigenwilligen Malstils durchaus
bewusst, war es für Hildegard Joos auch selbstverständlich, „harte
Jahre in Kauf zu nehmen“, denn: „Ich bin eine Einzelgängerin.“
Gefragt
Nun aber zeichnet
sich so etwas wie eine durchschlagende Anerkennung ihrer Leistungen
ab: Nicht nur, dass sich Sammler in ihrem Atelier die Klinke in die
Hand drücken und, wenn man dort zu Besuch ist, dauernd irgendjemand
auftaucht oder das Telefon klingelt; auch internationale Museen und
Galerien interessieren sich vermehrt für die „narrativen und
erzählenden“ Geometrien der beiden. In der Wiener Secession ist erst
unlängst eine Malereiausstellung zu Ende gegangen, bei der man H + H
Joos neben jungen, zeitgenössischen, aber auch international
etablierten KünstlerInnen gezeigt hat. Konzipiert hat diese Schau
die Malerin Anna Meyer, für die es „die Zeitlosigkeit der Arbeiten“
war, die sie dazu bewogen hat, rund 30-jährige abstrakte Gitterläufe
neben neueste Diskurs-Kunst zu hängen. „Faszinierend bei diesen
Bildern ist die Eigenständigkeit gegenüber anderer Kunst der Zeit“,
so Meyer. Aber auch von anderen bekannten Künstlern wird Hildegard
Joos gerne als Referenz erwähnt: von Heimo Zobernig bis zum jungen
Maltalent Katrin Plavcak.
So sitzen Harold und Hildegard
Joos in ihrem über und über mit Zeitungsausschnitten tapezierten
Atelier und freuen sich über ihren jüngsten – auch finanziellen –
Erfolg. „Alle wollen sie noch etwas, bevor ich sterbe“, meint
Hildegard Joos. Wenn sie das sagt, klingt es weder verbittert noch
resigniert, sondern fröhlich und durchaus verschmitzt. Das zynische
Spiel des Kunstmarktes hat sie längst durchschaut.
Autor: Patricia Grzonka
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