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Kunstforum Wien: Arbeiten von Tamara de Lempicka

Die kühl-erotische Diva des Art déco

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Ihre Vorliebe waren Gegensätze: Mit einer kühlen, weil klassisch glatten, sehr präzisen Malweise bannte sie mondäne Menschen in schwül-erotischen Posen auf die Leinwand. Die Polin Tamara de Lempicka entsprach damit genau dem Geschmack der wilden 20er Jahre, in denen sie es darauf anlegte und auch schaffte, mit ihrer Malerei berühmt zu werden.

Das österreichische Webverzeichnis! Das Kunstforum verbindet seiner Schau von vorwiegend Gemälden daher auch ein eigenes Kinoprogramm ("Verkaufte Träume"), in dessen Rahmen ein Film über den Lebensstil der Künstlerin läuft, die sich wie eine Hollywood-Diva kleidete, im offenen Auto fuhr und nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe mit Frauen wie Männern Verhältnisse hatte.
Sammler wie Designer Wolfgang Joop oder Popstar Madonna zeigen, dass dieser zweite große emanzipatorische Schub der Moderne seine Wirkung auch heute nicht verfehlt; die Preise der Gemälde auf dem Kunstmarkt zeigen ebenso, dass der Ruhm dieser Malerin seit Jahrzehnten nicht verblasst ist.
Stilistisch verband die Lempicka Kubismus, "Neue Sachlichkeit" und einen ersten Hyperrealismus mit Elementen des Kitsch, was auch begründet, dass mit der Phase der Pop-Art auch ihre Bilder wieder interessant wurden. Die gemalten Typen in den Werken sind in Posen delikat und glatt dargestellt, ihre Blicke sind lasziv bis sentimental.
Den Fotos und Filmen können Besucherinnen und Besucher leicht entnehmen, dass sie exzentrisch, narzisstisch, aber auch voller Arbeitswut und Elan war. Schließlich hatte sie sich für den Künstlerinnenberuf entschieden, um im Exil in Paris die Familie (Mann und Tochter) zu ernähren.
Die selbstbewusste Polin wurde 1898 in Warschau geboren, ist in St. Petersburg aufgewachsen, und floh mit ihrer Familie nach der Russischen Revolution nach Paris, wo sie es nach eigener Prognose in wenigen Jahren schaffte, die gefragteste Künstlerin ihrer Zeit zu werden und "ihre erste Million" zu verdienen. Die Inszenierung mit Hilfe eines luxuriösen Lebenswandels zur Femme fatale macht sich in Kunst und Leben bemerkbar. Ihre Auftraggeber für Porträts waren daher Stars, Adelige und Aufsteiger in der Gesellschaft; ihre exzentrischen Auftritte übertrug sie sogar auf Porträts von Kindern oder auf das eigenwillige Bildnis des Dichters André Gide.
Im Kunstforum machen aber den erheblichen Teil der Ausstellung, einer ersten großen Museumsretrospektive, ihre erstklassigen, meist weiblichen Akte aus, die zu Beginn futuristische Elemente und auch die des Kubismus merken lassen, später sachlich und doch expressiv von großer Aussagekraft sind; das gilt vor allem für ihre stärkste Zeit von 1925 bis 1933.
In Paris hatte sie vom Mode-Architekten Robert Mallet-Stevens ein ultramodernes Haus am Montparnasse bauen lassen, wo sie mit ihrem zweiten Mann, dem aus Altösterreich stammenden Baron Raoul Kuffner, ihrem vormaligen Sammler, lebte.
Aber auch die Lempicka musste mit ihm und ihrer Tochter ins Exil nach Amerika, wo sie nach 1945 vorübergehend vergessen wurde, da dort der abstrakte Expressionismus bestimmend war. Erst als alte Frau kehrte sie nach Europa zurück und konnte, nachdem sie selbst sogar abstrakt gemalt hatte, die Renaissance ihrer frühen Malerei noch erleben.
Ihre letzten Jahre verbrachte die Modemalerin des Art déco in Mexiko, immer noch malend und, passend zu ihrer lebenslangen Extravaganz, wurde nach ihrem Tod 1980 ihre Asche über dem Vulkan Popocatepetl ausgestreut.
60 Hauptwerke bietet das Kunstforum in Zusammenarbeit mit der Royal Academy of Arts in London auf, die wie der Katalog ein Gemeinschaftswerk von Evelyn Benesch, Ingried Brugger, Simonetta Fraquelli und Norman Rosenthal ist.

Erschienen am: 06.10.2004

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