| Salzburger Nachrichten am 18. Juni 2005 - Bereich: kultur
Eine Baustelle voller Ideen Beim Lokalaugenschein
erwies sich die Schmiede05 in Hallein im dritten Jahr ihres Bestehens als
Tauschplatz für aufregende Ideen aus der Digitalwelt.
BERNHARD FLIEHER HALLEIN (SN). Jeder Käfer kann ein Star sein. Davon
ist Michael Hackl überzeugt. Der Tiroler bastelt am Computer gerade an
"Starbucks", einer Castingshow für Käfer. Besucher der Show können die
Tiere ins Rennen schicken. "Jeder Käfer muss sich in verschiedenen Runden
bewähren. Der siegreiche Käfer bekommt, was sonst keiner bei einer
Castingshow bekommt: ein normales Leben." In Hackls Projekten vereinen
sich von Programming über Audio-Files bis zu Videokomponenten viele
Aspekte der Schmiede05 in Hallein. "In erster Linie eine Plattform für Kommunikation in einer sich extrem
spezialisierenden Welt" wolle man bieten, sagt Philipp Wassibauer, der mit
seinem Bruder Rüdiger die Schmiede 2003 initiiert hat. Bei der dritten
Auflage, die heute Abend mit einer Werkschau im Rahmen des
focuson-Festivals zu Ende geht, stellt sie sich als Baustelle für jede
Menge schräger Ideen dar. Sie entwickelte sich aber auch zum geschäftigen
Marktplatz für die Diskussionen um gesellschaftspolitische Themen in einer
schönen, neuen Digitalwelt. "Ich kenne weltweit einige ähnliche Projekte. Nirgends jedoch habe ich
einen so intensiven Austausch bei einem so hohen Level von Entspanntheit
erlebt", sagt Brendan M. Gillan. Der 34-jährige DJ aus Detroit gehört zu
den Stars der elektronischen Musikszene in Nordamerika. Über seinen
Kontakt mit der Red Bull Music Academy kam er als Vortragender und
Künstler nach Hallein. Hier passiere - "ganz am Puls der Zeit" - eine
Neudeutung der Möglichkeiten, die elektronische Kunst bietet. "Die Zeit
der Innovationen ist etwa in der elektronischen Musik seit Ende der 90er
Jahre vorbei." Nun gehe es für ihn als DJ darum, Grenzen zu überschreiten
- etwa in Richtung Rock und Post-Punk. "Diese Entwicklung findet bei der Schmiede nicht nur ein Forum, sondern
die Schmiede ist Ausgangspunkt für Projekte, weil so viele Stile und
Kunstrichtungen vertreten sind", ergänzt Gillens DJ-Kollege Sal Principato
aus New York. Principato sieht hier auch seine eigenen Ideen bestätigt. Er
experimentierte bereits vor Jahren mit der Kombination aus Elektronik und
Punk. Die rauen Oberflächen, die spartanisch ausgestatteten Industriehallen
des ehemalige Salinengebäudes entsprechen der Arbeitsweise der Teilnehmer.
Auch die bröckelnde Mächtigkeit des Areals, der erkennbare Verfall einer
einst florierenden Wirtschaftskultur kann als Symbol dienen. Denn die
Schmiede tritt nicht nur an, um Genre überschreitend künstlerischen Output
zu erzeugen und persönliche Kontakte zu ermöglichen. "Es liegt uns auch
daran, ein Bewusstsein zu schaffen, für die Welt jenseits des Bildschirms,
über die man nachdenken und die man in seine Arbeit einfließen lassen
muss", sagt Philipp Wassibauer. Dadurch wurde die Schmiede heuer mehr als
bei den vergangenen Ausgaben ein Forum für die kritische
Auseinandersetzung mit Neuen Medien oder den wirtschaftlichen Auswüchsen
der Globalisierung. Referate von Trägern des Alternativen Nobelpreises, Symposien zu Themen
wie "Copyright" oder "Ethischer Konsum" und ein "Futuresummit" über
Jugendkultur und Jugendmarkting ergänzten die Arbeitswut in den
Laboratorien. Rohe Ideen zwischen Computerspielereien und Audio-Produktionen,
zwischen dem Entwurf von schrägen Marketingideen im "guerrillalab" des
Pinzgauers Dominic Mayer und der Herstellung aufwändiger Videos werden in
diesen Labs erprobt. Einige wurden hier fertig. Auf CD und in Buchform
werden sie heuer publiziert. Ebenso unmittelbar nachvollzogen werden kann die Premiere der
Kooperation zwischen Schmiede und Sommerszene. "Ein inspirierender,
außergewöhnlicher Platz", sagt der New Yorker Ivan Talijancic. Er war
heuer einer von sieben Performance-Künstlern die dank dieser Kooperation
die Schnittmengen zwischen ihrer analoger (Tanz-)Kunst und der digitalen
Welt auszuloten versuchten. Kommende Woche wird aus den Projekten ein
Sieger ermittelt, dessen Werk im Rahmen der Sommerszene 2006 aufgeführt
wird. "It's really crazy good", zieht DJ Gillan kurz vor seiner Lecture im
AudioLab eine Kurzfassung seiner Bilanz über den Aufenthalt in Hallein. Ob
er wieder kommt? "Ich hoffe." Ein viertes Mal wieder dabei sein will im
kommenden Jahr Michael Hackl. "Das hier hat sich so angenehm entwickelt.
Es scheint jedes Jahr entspannter und dabei immer konzentrierter zu
werden", sagt er. Und was wird nach den Käfern kommen? "Das wird man
sehen. Jedenfalls wachsen hier in den Gesprächen mit den Teilnehmern jede
Menge blöder Ideen, aus denen sich sehr, sehr viel machen lässt", sagt er
mit breitem Grinsen. |