Graz - "Passant, willst du wissen (...), wie du dich krümmst, wenn du der Macht verfällst, zu ihrem Spielball und Opfer wirst?" Mit mahnenden Worten werden künftig Passanten konfrontiert, die durch das Grazer Burgtor schlendern: Der deutsche Künstler Jochen Gerz lässt in seiner dauerhaften Textinstallation den steirischen "NS-Reichstatthalter" bzw. Gauleiter Sigfried Uiberreither nach Komplizenschaft und Mitverantwortung fragen. Das Mahnmal - es wurde am Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt - soll an die Verbrechen des Nationalsozialismus in der Steiermark erinnern und auch zu politischem und zivilem Handeln in der Gegenwart auffordern.
Uiberreither bekleidete von 1938 bis 1945 das höchste politische Amt in der Steiermark (Landeshauptmann bzw. Reichstatthalter) und ab 1941 auch in der besetzen Untersteiermark. Er war verantwortlich für zahlreiche Kriegsverbrechen, konnte aber nach Kriegsende noch vor einer bevorstehenden Auslieferung nach Jugoslawien fliehen. Spätestens seit den 1950er-Jahren lebte und arbeitete er unter dem neuen Namen Friedrich Schönharting im deutschen Sindelfingen (Baden-Württemberg), wo er 1984 starb.
"Ich brachte als Landeshauptmann der Steiermark und in der Ausübung meiner sonstigen Ämter viele Menschen um"
Nun werden Passanten unmittelbar im Vorübergehen an der Grazer Burg, der ehemaligen Arbeitsstätte Uiberreithers - die auch heute noch Sitz des Landeshauptmanns ist -, angesprochen: "(...) Ich, Sigfried Uiberreither (...) ging hier (...) meiner Arbeit nach. Ich brachte als Landeshauptmann der Steiermark und in der Ausübung meiner sonstigen Ämter viele Menschen um. Ich tat es nicht alleine. (...) Wenn du durch das Tor gehst, schäme dich nicht nur für mich. (...)"
Das Kunstwerk in der Bogenlaibung des Grazer Burgtors solle aber nicht nur dem Erinnern an die Vergangenheit dienen, sondern auch Reaktionen in der Gegenwart hervorrufen, wünschte sich Werner Fenz, Leiter des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark. Auch der steirische Kulturreferent LH-Stv. Kurt Flecker forderte am Dienstag ausgehend vom Mahnmal mehr Zivilcourage und Handeln "gegen Bequemlichkeit und Vertuschung".
Das vom Land Steiermark finanzierte Erinnerungsprojekt "63 Jahre danach" wird im kommenden Jahr von Jochen Gerz fortgesetzt. Ausgehend von historischen Bildern soll die Bevölkerung persönliche Erinnerungen an den Alltag im NS-Regime einbringen, denn "Demokratie ist öffentliche Autorenschaft", so Gerz am Dienstag. Die Resultate des Projekts sollen am Ende an zahlreichen Orten in der Steiermark öffentlich sichtbar sein. (APA)