Wie ein kapitales Stück Fleisch, bereit zur Schlachtung, liegt die Nackte rücklings auf einem Tisch, die linke Hand über den Kopf gebogen, den Daumen verkehrt an der Tischkante verhakt. Ein üppiges Beinchen streckt sich dem Betrachter lässig aus dem Bild entgegen, das andere ist schamhaft abgewinkelt. Eine seltsame Pose, ein unangenehmes Bild eigentlich, ganz ohne Charme.
Sollte es auch nicht haben. Lovis Corinth benutzt den nackten weiblichen Körper hier allein für eine akademische Beweisführung im Wettbewerb der Künste, dem seit der Renaissance geführten „Paragone“: Die Malerei ist die höchste aller Künste, vor Bildhauerei, vor Architektur, nur sie schafft das Spiel mit den Perspektiven so kunstvoll.
1908 nahm Corinth diesen „Liegenden weiblichen Akt“ in sein Lehrbuch für Malerei auf. Jetzt hängt er im Oberen Belvedere, als Blickfang der ersten Ausstellung einer vielversprechenden neuen Serie von Kurator Stephan Koja. Zweimal pro Jahr soll diese exemplarisch den Sammlungsbestand in den „Fokus“ stellen, zum Start eben Lovis Corinth, sozusagen das deutsche Pendant zu Oskar Kokoschka – in der Malweise ebenfalls expressiv, aber nie den Gegenstand verlassend, und privat ein ungemeiner Kraftlackel. Bis ihn 1911 ein Schlaganfall aus der Bahn warf.
Nach Schlaganfall freiere Malweise
Eine Zäsur, die für Corinth doppelt schicksalhaft werden sollte. Erstens änderten sich Stil und Themen, er wurde freier im Strich und bevorzugte Landschaften. Wie weit er sich hier vorgewagt hatte und wie einflussreich er auf kommende Generationen war, zeigt das Prachtstück der Schau, „Der Herzogstand am Walchensee im Schnee“ von 1922. Das Laub etwa ist hier so gespachtelt, wie Gerhard Richter es heute in seinen abstrakten Bildern tut. Überhaupt, so Koja, stellt Corinth die Verankerung vieler heutiger deutscher Malerfürsten dar.
Corinths Bedeutung war schon seinen Zeitgenossen bewusst, die späten Landschaftsbilder des 1925 Verstorbenen waren ihm von der Staffelei gerissen worden, so Koja. Den Nazis dagegen galt das nach dem Schlaganfall entstandene Werk – und das ist die zweite Zäsur – als „entartet“. Trotzdem kaufte NS-Belvedere-Direktor Grimschitz Bilder des Verfemten, aus der Frühzeit allerdings, etwa den „Liegenden weiblichen Akt“. Die unter Direktor Haberditzl noch vom Künstler selbst angekauften späteren Werke wie die bedeutende Schneelandschaft, ließ Grimschitz zumindest verbergen.
So stellen heute zehn Gemälde und ein Selbstporträt auf Papier den starken Corinth-Bestand des Belvedere, der einen guten Überblick über das Schaffen des Künstlers geben kann. Darunter eines seiner in niederländischer Tradition stehenden Schlachthaus-Bilder und sein letztes Historiengemälde, das zumindest thematisch noch in der akademischen Münchner Tradition steht. Eine Leihgabe aus der Albertina, ebenfalls ein Selbstporträt, weist auf die neueste Corinth-Forschung, veröffentlicht im kompakten Katalog: Hier analysiert der Neurologe Hansjörg Bäzner die Auswirkungen des Schlaganfalls auf den Malstil. Das Porträt rinnt nach links aus, die rechte Gesichtshälfte ist nur schematisch dargestellt. Was Bäzner auf eine für die Krankheit typische Beeinträchtigung der Wahrnehmung zurückführt.
Die Präsentation ist nur einen Raum klein. Aber sie vermittelt mehr als so manche der Ausstellungen, die, einer Wiener Unart folgend, stets ganze Fluchten zu füllen haben.
Bis 19. Juli, tägl. 10–18h, Oberes Belvedere.
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