10.11.2002 21:24
"Totengedenken" in der Josefstadt
Seit zwei Monaten stellt ein Wiener Künstler Jörg Haiders "Grabstein" aus
Wien - Die Ecke Zeltgasse/ Neudeggergasse in der Wiener
Josefstadt dürfte zu den verschlafensten Zonen Wiens gehören. Denn anderswo wäre
es wohl kaum möglich, Jörg Haiders Grabstein nahezu zwei Monate in eine Auslage
zu stellen - ohne dass die FPÖ davon Wind bekommt. Oder jemand an die Tür der
kleinen Galerie klopft, um zu fragen, was das heißen solle, wenn da
formatfüllend das Ableben des Kärntner Landeshauptmannes verkündet wird. Wo doch
jeder weiß, dass das einfache Parteimitglied alles andere als tot
ist.
Aber, wundert sich der Wiener Maler Arthur Werkner, es habe
tatsächlich vom 17. September bis vergangenen Freitag - als DER STANDARD bei ihm
nachfragte - gedauert, dass irgendjemand auf die Computergrafik des Haiderschen
Grabsteines reagierte.
Den Tod, versichert der Maler, wünsche er Jörg
Haider natürlich keineswegs. "Das Bild ist meine Reaktion auf Haiders letzte
Ankündigung, sich aus der Bundespolitik zurückzuziehen. Das auf dem Grabstein
wiedergegebene Zitat habe ich selbst im 'Mittagsjournal' gehört."
Bei der
Wiener FPÖ weiß man - vom STANDARD am Freitag erstmals auf die Existenz des
Bilds hingewiesen - vor Empörung weder ein noch aus: Der Grabstein, sagt Wiens
stellvertretender FP-Landesparteiobmann Heinz-Christian Strache, sei
"menschenverachtend" und zeuge "von einem unbändigen Hass gegenüber
Andersdenkenden, wie er in der Demokratie keinen Platz haben darf". Hier - wie
es Arthur Werkner tut - mit der Freiheit der Kunst zu argumentieren, sei "eine
Unverschämtheit. Hier wird der Kunstbegriff von extrem Verrückten
geschändet."
Die FPÖ, kündigt Strache an, werde die Angelegenheit ihrem
Anwalt übergeben. Werkner bleibt ungerührt: "Das Bild bleibt natürlich hängen.
Zumindest bis nach der Wahl." (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2002)