Salzburger Nachrichten am 13. November 2006 - Bereich: Kultur
Kunst als "Fest des Lebens"

"Mir geht es um den Gegensatz von Spiel und Realität", sagt Hermann Nitsch, der demnächst mit einer Retrospektive in Berlin gewürdigt wird.

Gudrun WeinzierlSalzburg (SN). Geachtet, geehrt, aber auch umstritten und abgelehnt ist Hermann Nitsch, einer der im In- und Ausland bekanntesten Künstler Österreichs. In zwei Wochen wird seine bisher größte Retrospektive in der Nationalgalerie Berlin eröffnet, bis voriges Wochenende zeigte die Mike Weiss Gallery in New York Gemälde und Videos. Seit vorigen Samstag (bis 30. Jänner 2007) ist in der Salzburger Galerie Weihergut ein neuer Bilderzyklus zu sehen. In Mistelbach/Niederösterreich und Neapel entstehen für Hermann Nitsch Museumsbauten, die 2007 eröffnet werden. Herr Nitsch, mit Ihrem Orgien Mysterien Theater, an dem Sie fast fünfzig Jahre arbeiten, verbinden Sie den Anspruch eines Gesamtkunstwerks. Es soll alle Sinne und alle Bereiche des Lebens berühren - Fest und Feiern, wie auch Tod und Abgründe menschlichen Agierens. Fühlen Sie sich mit dieser Absicht verstanden? Nitsch: Für mich war die Auseinandersetzung mit der Philosophie von Nietzsche bedeutsam, der mir geholfen hat, von einer Lebensverneinung zu einer Lebensbejahung zu kommen. Das Leben zu bejahen bedeutet einen gewaltigen Kampf, der in der Gesellschaft bis heute fortdauert und noch nicht bewältigt ist. Es geht darum, durch die Lebensbejahung die Transzendenz auch im Hier und Jetzt zu erkennen. Ich mache durch meine Arbeit das Numinose und damit das Dionysische anschaulich. Dies greift sehr tief und wird deshalb von vielen Menschen abgelehnt.

Das Unverständnis und die Ablehnung gegenüber meiner Arbeit kommen aus einer allgemeinen Haltung des Verdrängens, man will nicht sehen was real passiert und was in den Vorstellungen von Menschen sich ereignet und immer schon ereignet hat. Das Leben als ein Fest zu begreifen führt in alles Sinnliche und führt zurück in die früheste Zeit des Menschseins, hinein in die Mythologie, in der es immer um Erwachen und Auferstehen nach Tod und Untergang geht.Der Tod, das Schlachten, jegliche Form der Gewalt sind seit der griechischen Tragödie auf den Theaterbühnen. Warum aber polarisiert die Kunst von Hermann Nitsch derart? Nitsch: Mir geht es um den Gegensatz von Spiel und Realität. Im herkömmlichen Theater "spielt" der Schauspieler seine Rolle, dort findet nicht Wirklichkeit statt.

Bei mir geschieht alles wirklich, alles was ich verwende ist real: Es wird nicht rote Farbe, sondern tatsächlich Blut verwendet. Bei mir wird nicht gespielt, dass jemand tot ist, sondern der Tod ist in Form eines toten Tieres vorhanden. Ende der fünfziger Jahre tauchte in verschiedenen Ländern die Tendenz auf, nicht mehr irgendetwas darstellen oder nachmachen zu wollen, sondern reales Geschehen war die Handlung.

In Japan war das die Gutai-Gruppe, in Amerika Allan Kaprow, in Deutschland Beuys und Vostell. In Wien gab es den Wiener Aktionismus. Für mich war das die Zeit der Happening- und Aktionismusbewegung denkerischer Avantgarde, auch heute soll das lauwarme, seichte Leben überwunden werden. Nackte Menschen an ein Kreuz gebunden, die Ausweidung geschlachteter Tiere regen auf. Nitsch: Mir ging es immer um Enttabuisierung und um Entmythologisierung. Die vielen Missverständnisse und Angriffe kamen daher, dass alles mit Symbolik belastet wird. Wenn ich ein totes, gehäutetes Lamm verwendete, wurde sofort Christus damit in Verbindung gebracht. Ich wollte damit zeigen, dass dieses Tier weltweit und immer schon enorme Bedeutung als Nahrungsmittel und als Opfertier hatte. In vielen Kulten war es das Tier, das Menschenopfer ersetzte.

Das Lamm im Orgien Mysterien Theater ist von mir nicht symbolisch belegt, es ist da, weil Tiere geschlachtet werden und von den Menschen gegessen werden. Das Essen und Trinken ist wichtiger Teil meines Theaters, genauso wie die Musik, die Gerüche - die üblen wie die wohltuenden. Über das Hören, Riechen, Schmecken und Sehen hinaus ist es wichtig, den Tastsinn, das "Begreifen" einzubringen.Nach Ihren Anfängen als Grafiker begannen Sie Ende der fünfziger Jahre mit einer Malerei, für die Sie Ihren Körper - nicht den Pinsel - einsetzen. Nitsch: Die Malerei und das Orgien Mysterien Theater sind nicht voneinander zu trennen. Vor fünfzig Jahren sah ich in Wien eine Ausstellung informeller und tachistischer Malerei - Pollock, de Kooning, Kline. Da erkannte ich, dass das mein Weg sein wird. Diese Malerei zeigte auf der Fläche, was ich im Theater umsetzen wollte. Die Aktionsmalerei, das Schütten und Schmieren ist der Einstieg zum szenisch-dramatischen Theater. Als zweiter Schritt wird die Leinwand verlassen, statt des Umgangs mit der Farbe kommt der Umgang mit der Nacktheit, mit dem Fleisch.