Wenn man Trost braucht im Leben – bei der Kunst sollte man ihn nicht suchen. Sonst bräuchte man mit ziemlicher Sicherheit jene „Antidepressiva“ und jenen „ordentlichen Schnaps“, den ein lesbar frustrierter Grazer Kritiker nach einem Besuch im blauen Kunsthaus seiner Stadt empfiehlt. Baldige Besserung, es muss sehr wehtun.
Aber Kunst ist keine Psychotherapie. Kunst ist kein Unterhaltungssender. Und Kunst ist kein Beichtstuhl. Niemandem muss es nach dem Besuch einer Ausstellung besser gehen. Wer von Kunst heute tatsächlich noch in erster Linie „Vergnügen“ einfordert, ist wohl wirklich besser im Kaufhaus gegenüber aufgehoben.
Im besten Fall ist Kunst eine Falle, in die wir uns bewusst werfen müssen, um dadurch Dinge anders sehen zu können. Meist geht das daneben, es schmerzt, ärgert und kränkt einen mitunter sogar. Nie sollte man aufhören, es zu versuchen.
Gute Kunst ist und war immer eine äußerst fragile, schwer vermittelbare Angelegenheit, die vom Gros ihrer jeweiligen Zeitgenossen nicht geschätzt wurde. So standen die meisten New Yorker 1917 sicher ähnlich verständnislos vor Marcel Duchamps Urinal, wie es 2007 die Grazer vor einem „lose mit Absperrband umwickelten Tischtennistisch“ taten. Sich darüber lustig zu machen ist so leicht wie läppisch. Die New Yorker strafte die Kunstgeschichte Lügen – Duchamps Ready Mades wurden, wie zur Zeit im Kunsthaus Bregenz zu sehen, Basis für ein neues Kunstverständnis.
Ob der slowakische Konzeptkünstler Július Koller mit seinen Tischtennis-Metaphern einmal ähnlich bedeutend wird, ob die osteuropäische Postmoderne in Zukunft vielleicht sogar überhaupt als unserer überlegen angesehen wird – who knows?
Zumindest eine interessante Geschichte erzählt Kollers abgesperrter Tischtennistisch aber schon heute dem, der sie hören will, Information ist eine Holschuld des mündigen Kunstkonsumenten. Nur so viel: Koller, Jahrgang 1939, litt wie die meisten seiner Kollegen während des kommunistischen Regimes unter Repressionen. Daher begann er, seine Aussagen zu verschlüsseln, benützt als ehemaliger Sportler bis heute gerne Metaphern wie etwa den abgesperrten Tischtennistisch als Zeichen unmöglich gemachter demokratischer Kommunikation.
„Antidepressiva“ und einen „ordentlichen Schnaps“ hätte Koller sich im Bratislava der 60er- und 70er-Jahren wohl selbst gerne geleistet. Vor allem aber hatte er seine Kunst. Diese sollte man heute in Graz nicht für billige Polemik missbrauchen. War Provinz nicht einmal woanders?
almuth.spiegler@diepresse.com
Das Kunsthaus Graz ist zurzeit mit billiger Polemik gegen zeitgenössische Kunst konfrontiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2007)