diepresse.com
zurück | drucken
28.03.2002 - Ausstellung
Sitzen und Nachdenken übers Sitzen
Richard Artschwager, Jahrgang 1923, zählt mit seinen Objekt-Zwittern seit den sechziger Jahren zu den beachtetsten Gegenwartskünstlern. Das MAK organisierte einen Werkquerschnitt namens "The Hydraulic Door Check".
VON KRISTIAN SOTRIFFER


Über Türen und deren Funktion hat sich Richard Artschwager nicht nur im Zusammenhang mit dem hydraulischen Türschließer viele Gedanken gemacht. Mit diesem verbindet sich ein Wechsel der Betrachtung zwischen dem Offenen und Geschlossenen. In Artschwagers Fall vor allem des Verschlossenen.

Denn grundsätzlich entziehen sich seine von Möbelstücken abgeleiteten Objektformen einer Qualifizierung. Es handelt sich weder um funktionierende noch um funktionslose Stücke. In einem übergeordneten Sinn dienen sie als Modell für das, was der Künstler unter einer "Denkstation" versteht.

Eine Tür mit seitlich applizierten plastischen Anführungszeichen führt in einen Pseudoaufzug, eine Kammer ("Janus III"). In anderen Fällen hat Artschwager große Frage- und Rufzeichen in den Raum gestellt. 1971 sprach er von einem Raum als Abstraktion. Sie entstehe "ganz natürlich aus unserer Betrachtungsweise", dem "Hineinschauen, Durchschauen (vielleicht auch durch-schauen?, Anm.), Gehen, Öffnen, Schließen, Sitzen, über das Sitzen nachdenken, vorbeigehen u. s. w.". - Zum Nachdenken über das Sitzen soll ein großdimensioniertes, thronartiges Objekt laden. Aus Panelplatten und Eichenfurnier gefügt, Bank-Atmosphäre ausstrahlend, will das als "Haltestelle" bezeichnete Konglomerat als eine Art Meditationsort dienen. Vielleicht auch das vom "Zugänglichen ins Unzugängliche" führende Stück "L'Arbre Chez Lui" aus Holz, Acryl, Metall und einem Bäumchen an Stelle des "Säulenheiligen", an den sich vor diesem Gebilde denken ließe.

Der gelernte Möbeltischler Artschwager ist ein Meister des Gegenstands, "der etwas zelebriert", seit er 1960 von der katholischen Kirche einen Auftrag für Schiffsaltäre annahm. Die Simulation des Sakralen bestimmt auch andere Stücke. Tarnen und Täuschen zählt zu seiner Technik, unter Verwendung des Trompe-l'oeil-Effekts. Mitunter erreicht er dabei die Grenze des Erträglichen.

Resopal, Holz, die Camouflage bestimmen seine Sessel, Tische, Pulte, Truhen und Wandobjekte. Holz als solches läßt er nur in seiner 14teiligen Ansammlung von Kisten, den "Crates", gelten. Die sehen aus wie die für Bildtransporte gezimmerten Behälter. Die Holzmaserungen sind hier echt, nicht aufgemalt wie das Marmorierte in anderen Fällen.

Übrigens tritt Artschwager in dieser Stadt nicht zum ersten Mal auf. Als Sohn eines in die USA emigrierten ostpreußischen Botanikers und einer dem Künstlerischen zugewandten Ukrainerin war er am Kriegsende bei der Ardennenoffensive dabei. Über das Hauptquartier Eisenhowers in Frankfurt am Main kam er nach Wien. Dort heiratete er eine Österreicherin und kehrte 1947 Europa den Rücken. Was er seit den sechziger Jahren hervorbrachte, überschwemmte zeitweise die Märkte.

Der etwa vier Jahrzehnte umfassende Werküberblick läßt erkennen, daß es nicht nur die mächtigen, häufig aufdringlich ummäntelten Objekte sind, von denen eine "Resonanz zwischen zwei Zuständen" ausgeht. Häufiger sind es die bescheideneren, minimalistischen skulpturalen Mittler eines Dazwischen, die den Betrachter anziehen. Vielfach entsprechen sie einem Katalog von 53 Zeichnungen, einem 1974/75 entstandenen Zyklus, dessen Teile oft mehr "erklären" als die Objekte selbst.

Bis 16. Juni, Di. 10 bis 24 Uhr, Mi. bis So. 10 bis 18 Uhr.



© Die Presse | Wien