| Artikel aus
profil Nr. 19/2002 |
Zeitzeichen
Lisl
Ponger wird Österreich bei der „documenta 11“ explizit politisch
vertreten: mit 20 Fotoarbeiten aus Genua nach dem
Anti-Globalisierungs-Eklat. |
Eine Fotografie ist, wenn man Glück hat,
nicht bloß ein Dokument, sondern: eine Summe von Gedanken, eine
Stellungnahme, eine Inszenierung. Lisl Pongers Fotoarbeiten bewahren
nicht einfach Augenblicke auf, sind fast nie schnelle Reaktionen auf
unerwartete Ereignisse. Sie sind, ganz im Gegenteil, überaus
reflektierte, präzise organisierte Blick-Arrangements. Allerdings
scheinen sich ihre Arbeiten stets auch ein Element der Vorläufigkeit
zu bewahren, einen letzten Zweifel am Wert der Endgültigkeit des
Standbildes. „Meine Arbeit“, sagt Ponger, „richtet sich gegen
Stillstand und Begrenztheit. Mich hat die Frage immer interessiert:
Was ist dort, wo das Bild endet?“
Semiotische Geister
Dieses Problem wird
nun an die kunstinteressierte Weltöffentlichkeit weitergereicht: Die
Fotografin und Filmemacherin Lisl Ponger, 55, wird nämlich ab 8.
Juni, gemeinsam mit dem Grafikkünstler und „Typosophen“ Ecke Bonk
und der in Wien arbeitenden amerikanischen Installationskünstlerin
Renée Green, Österreich bei der hunderttägigen „documenta 11“ in
Kassel vertreten. Okwui Enwezor, der künstlerische Leiter der
Ausstellung, hat in enger Zusammenarbeit mit zwei seiner Kuratoren
(Ute Meta Bauer und Sarat Maharaj) eine Fotoserie Pongers
ausgewählt, die – auch im Auftrag von profil – in Genua im Sommer
2001 entstanden ist, in den Tagen nach den gewalttätigen
Auseinandersetzungen zwischen Polizei und demonstrierenden
Globalisierungsgegnern.
Ein Motiv, das Lisl Ponger treibt,
ist der Versuch, die Orte, von denen ihre Arbeiten erzählen,
„wiederzugewinnen“. Wo immer auch die Globalisierungsfunktionäre und
ihre Gegner aufeinander treffen, gehen, so die Künstlerin, „die Orte
verloren: Die Städte und die Demonstrationen sehen überall gleich
aus, völlig anonym, auch das scheint ein Ergebnis der Globalisierung
zu sein.“
Spuren suchen, reisen, sehen: Die Titel der Filme
Lisl Pongers, etwa „Semiotic Ghosts“ (1990), „Passagen“ (1996),
„déjà vu“ (1999), lassen die Interessen, die Blickwinkel der
Künstlerin schon ahnen – und Rückschlüsse auch auf ihr
fotografisches Werk zu. Ihr (in Filmen, Büchern und Ausstellungen)
inzwischen weit verzweigtes und verbreitetes Werk teilt Ponger
selbst in drei Kategorien ein: Neben den Filmen differenziert sie
zwischen „politisch motivierter“ und „inszenierter“ Fotografie.
Eindeutig Ersterem ist Lisl Pongers Genua-Serie zuzurechnen.
Die institutionelle Gewalt ist ein Thema der fast durchwegs
menschenleeren Bilder: Ansichten einer Stadt nach der Eskalation,
Bilder von Graffitis, Markierungen, Grenzzeichen und anderen stummen
Zeugen polizeilicher Übergriffe und staatlicher Repression. Der Tod
des jungen Demonstranten in Genua und die Verhaftung der
österreichischen VolxTheaterKarawane sind hier Subtexte –
mitzudenken, nicht zu sehen. Ihre Bilder, darauf legt Ponger Wert,
sollen „vieldeutig“ bleiben, nicht nur auf eine Weise lesbar sein.
Die Tatsache jedenfalls, dass Österreich mit gerade dieser
Serie bei der „documenta 11“ offiziell vertreten sein wird,
quittiert Ponger – auch angesichts der Rolle, die das heimische
Außenministerium in der Causa VolxTheaterKarawane gespielt hat – mit
einer gewissen Genugtuung: Das sei doch, sagt sie leise, „sehr
nett“. Lisl Ponger lächelt. Dann schweigt sie, mehr ist ohnehin
nicht zu sagen: alles eine Frage des Blicks.
Autor: Stefan
Grissemann
|
© profil
bzw. profil Online - Wien, 2002. Alle Inhalte dienen der
persönlichen Information. Eine Weiterverwendung und Reproduktion
über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.
| |