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| 23.10.2006 - Kultur&Medien / Kultur News | ||
| Frankfurt: Kunst kommt von Handeln | ||
| VON BARBARA PETSCH | ||
| Reportage. Frankfurt setzt kulturell auf Privatfinanzierung. Österreich ist etwa mit Coop Himmelb(l)au präsent. | ||
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Anfang der neunziger Jahre wurden in Frankfurt am Main zwei Museu msbauten österreichischer Archi tekten eröffnet: Das Museum moderner Kunst, ein Dreiecks-Bau ("Tortenstück") von Hans Hollein und Gustav Peichls Zubau zum Städel-Museum. Das jüngste Projekt österreichischer Baukunst in Frankfurt wächst buchstäblich in den Himmel: Ein rund 180m hoher Doppelturm soll ab 2011 die 1300 Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank aufnehmen und das Ostende der Frankfurter City beleben. Beauftragt mit dem Großprojekt sind Coop Himmelb(l)au, die sich in einem internationalen Wettbewerb gegen 80 andere durchsetzten. Österreicher sind aber auch sonst am Main präsent:
Die Wienerin Elisabeth Schweeger leitet das Frankfurter Schauspielhaus,
Max Hollein neben der Schirn-Kunsthalle das Städel-Museum sowie das
Skulpturen-Museum im Liebig-Haus; erstmals haben alle diese
Institutionen einen gemeinsamen Direktor. Die heutige Finanzmetropole und ehemalige freie Handelsstadt Frankfurt hat eine stürmische Geschichte: 1848/49 tagte in der Paulskirche, wo heute der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird, die erste frei gewählte Volksvertretung Deutschlands. Im II. Weltkrieg wurde die Stadt zerstört. Bis weit in die Nachkriegszeit prägten Bomben-Ruinen das Stadtbild. Villen verfielen, weil die Besitzer statt ihnen lukrative Neubauten errichten wollten. Frankfurt ist nicht nur die Heimstätte der Frankfurter Schule, es war auch ein Zentrum der 68er-Revolution und der Sponti-Szene, die Häuser besetzte; aus dieser stammt auch der spätere deutsche Außenminister Joschka Fischer. 1970-1990 amtierte der renommierte Kultur-Theoretiker Hilmar Hoffmann als Kultur-Dezernent in Frankfurt. Der heute 81-jährige Hochschul-Lehrer gab die Parole "Kultur für alle!" aus und initiierte eine Kultur-Offensive. Viele Frankfurter Museen erhielten Neubauten, das erste kommunale Kino entstand Stadtteil-Kultur wurde gefördert. Auf die Expansions- folgte die Schrumpfungsphase. In
den Neunzigern setzte eine Spar-Welle ein, bei der, wie die Direktorin
des Deutschen Film-Instituts, Claudia Dillmann formuliert, viele Etats
"von 100 auf null herunter gefahren wurden." Dass Frankfurt - mit
650.000 Einwohnern deutlich kleiner als Wien - deshalb zur Kultur-Wüste
geworden wäre, sich nur mehr durch die Wolkenkratzer der Finanzwelt
definiert, lässt sich allerdings nicht behaupten: Museen, Oper,
Schauspielhaus, Alte Oper (ein Konzert- und Kongress-Zentrum),
Literaturhaus, Off-Szene im Künstlerhaus Mousonturm, Städel, Schirn,
Liebig-, Goethe-Geburtshaus, das Kulturangebot wirkt riesig. Doch setzt man stärker als noch vor zehn Jahren auf Privatinitiative, die in der alten Handelsstadt sowieso Tradition hat. Wichtige Ansprechpartner sind Firmen wie auch viele Privatleute, die sich für Kunst engagieren. Bei der Alten Oper etwa sind von 1900 Mitgliedern des Fördervereins nur 300 Unternehmen. Bei einem Programm-Volumen von drei bis vier Mio. € kommen bis zu 600.000 € im Jahr an Spenden herein. Von seinem Fünf-Mio.-Jahresumsatz erhält das
Off-Szene-Zentrum Künstlerhaus Mousonturm 3,5 Mio. € von der Stadt, das
übrige muss durch Eintrittskarten und Sponsoren erwirtschaftet werden.
Lange Reihen von Förderern sind auch im Museum moderner Kunst
verzeichnet. Selbst das Literatur-Haus bekommt nur 170.000 € von der
Stadt, 450.000 € geben Mäzene und Sponsoren. Allerdings ist Frankfurt
ja Sitz renommierter Verlage (Suhrkamp), Zeitungen (Frankfurter
Allgemeine, Rundschau) - sowie der Frankfurter Buchmesse. Einige Frankfurter Kultur-Institute tragen noch die
Namen der Industriellen und Handelsherren, die sie gründeten: Mouson
produzierte Rasier-Seife. Johann Friedrich Städel (1728-1816) war
Privat-Bankier und Mäzen, Financier der Stadt Frankfurt und des
Bischofs von Straßburg, von wo die Familie stammte. Neben dem
Städel-Museum, das seine Kunstsammlung beherbergt, trägt auch die
Kunsthochschule seinen Namen. Der Stifter verfügte 1815, dass dort ohne
Ansehen von Geschlecht und Religion unterrichtet werde. "Römer" heißt
das Frankfurter Stadtzentrum nach einem italienischen Handelshaus. Und
auch die Bezeichnung Schirn für die Kunsthalle hat mit Handel zu tun.
Schirn heißt Markt-Stand. Eine besonders wichtige Position im Wirtschaftsleben der Stadt hatten die Juden, die wichtige Förderer der Kunst waren. Bereits seit dem 12. Jht. gab es in Frankfurt eine jüdische Gemeinde, die immer wieder schweren Pogromen ausgesetzt war. Erst im 19. Jht. erlangten die Juden die bürgerliche Gleichberechtigung. Im II. Weltkrieg wurde die Gemeinde vollkommen vernichtet. Heute gibt es wieder über 7000 Mitglieder. Das Institut für Stadtgeschichte, das Historische
Museum Frankfurt, das Dom- und das Jüdische Museum zeigen bis
14. 1. die Großschau "Die Kaisermacher", die von der Geschichte
des Hl. Röm. Reiches Deutscher Nation seit der "Goldenen Bulle" 1356,
also vor 650 Jahren, handelt. Die deutschen Kaiser wurden ab dem
16. Jht. in Frankfurt gewählt und gekrönt, fast alle waren
Habsburger. Zur Ausstellung kamen auch Leihgaben aus Wien (z. B. aus
der Schatzkammer). So ist Österreich in Frankfurt auf vielerlei Weise
präsent, nicht nur durch die Kulturtage der Europäischen Zentralbank. |
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