27.03.2003 19:05
Das Bildballett der Schalentiere und
Marxisten
Dramen einer zerflatternden Alltagswelt:
Bildwelten von Anri Sala in der Wiener Kunsthalle
Der albanische Bildkünstler Anri Sala inszeniert
auf Fotos und Filmen die leicht zu übersehenden Dramen einer zerflatternden
Alltagswelt. Die Wiener Kunsthalle widmet ihm bis 15. Juni eine sehenswerte
Personalausstellung.
Wien - "Das Wichtigste ist" meint Anri Sala, "wie man an etwas
herangeht". Und befragt danach, wo er seine Arbeiten denn nun eingeordnet haben
möchte: "Was die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Fiktion betrifft, so habe
ich persönlich nicht das Bedürfnis, eine Linie zu ziehen".
Anri Sala
wurde 1974 in Tirana geboren. Seit Mitte der 90er-Jahre lebt er in Paris. Er
macht Filme. Er wurde durch Beteiligungen an der Manifesta in Ljubljana, der
Biennale von Venedig, durch Ausstellungen im New Yorker PS1, im Musée d'Art
Moderne de la Ville de Paris, im Stichting de Appel in Amsterdam oder in der
Ikon Gallery in Birmingham binnen kurzem ziemlich bekannt. Die Kunsthalle Wien
widmet ihm nun eine Werkschau.
Wobei die "älteren" Arbeiten, etwa Salas
Beitrag zur Festwochen-Schau du bist die welt (2001), eine tragikkomische
Dokumentation über bedauerliche Platzverhältnisse beim kindlichen Straßenfußball
in Albanien, die immer wieder dazu führen, dass mit jedem Torschuss der Ball in
Richtung Abhang abtaucht und - ihm nach - beide Mannschaften die "Bühne"
verlassen, nur mehr auf Monitoren nacherlebbar sind.
Ebenso wie Salas
Aufarbeitung der Vergangenheit seiner Mutter: Anhand vorgefundenen Filmmaterials
konfrontiert er die Frau mit ihren frühen Jahren als Aktivistin der
kommunistischen Jugendbewegung. Und fragt, ob ihr denn das unangenehm wäre. "Das
nicht", gibt sie zur Antwort, beeindruckt wäre sie aber auch nicht, sie hätte
durchaus andere Sorgen.
In Nocturnes, der sicher dichtesten (auf
Filmmaterial gedrehten) Arbeit der Werkschau, überlagert Sala die Lebensumstände
zweier Einzelgänger: Ein eben vom Balkankrieg heimgekehrter französischer
Söldner findet sein Jenseits vom Alltag im obsessiven Spielen einschlägiger
Videogames ("in der richtigen Welt" wäre er ganz unauffällig).
Der
Zweite, über dessen Vorleben nichts bekannt ist, sammelt unter offensichtlich
verschärften Bedingungen Fische. Lebt in einem Haus voller Aquarien und schreckt
immer wieder aus dem Tiefschlaf hoch, wenn er vermeint, kein Blubbern mehr zu
hören. "Es könnten alle tot sein!", erklärt er die Panik und fährt fort damit zu
erzählen, dass ein neuer Fisch mit viel Bedacht ins Becken eingebracht werden
will. Sonst womöglich würden ihn die anderen fressen.
Ghostgames
arbeitet mit dem Thrill des Blair Witch Project: Nur von tänzelndem
Taschenlampenlicht erhellt, tritt zutage, was sich an einem anonymen Strand
abspielt: Bloße Füße necken Krabben. So wehrhaft die Schalentiere sich auch
gebärden, sie sind den Aggressoren ausgeliefert, ohnmächtig gegenüber dem
gerüsteten Eindringling.
Das Eindringen anderer in geschützte Zonen
greift auch der Sechsminüter Arena auf: Eine langsame Kamerafahrt durch den Zoo
von Tirana Ende der 90er zeigt, dass kaum noch Mittel zur Verfügung standen,
Tiere zu halten. Anstatt künstlicher Artenvielfalt gibt es vorwiegend streunende
Hunde zu beobachten. Sie haben die Zoomauer durchbrochen, die ebenso brüchig
geworden ist wie das System, welches sie einst erbaut hat.
Parallel zu
den Filmen arbeitet Sala auch fotografisch. No Barragán, No Cry ist die lapidare
Aufnahme eines (lebenden) Pferdes, das auf einem Sockel festsitzt, derart zur
surrealen Zier einer Aussichtsplattform geworden ist.
Mit Luis Barragán
hat das nur insofern zu tun, als das bemerkenswerte Standbild den Platz einer
verschollenen Figur auf Barragáns Terrasse einnimmt. Was, so Sala, nicht zu
wichtig genommen werden darf. Sonst würde man in seine Arbeiten noch mehr
hineininterpretieren, als darin geschieht. Nicht sehr viel. Das aber sehr genau.
Und: selbsterklärend.
(DER STANDARD, Printausgabe, 28.3.2003)