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Quer durch Galerien

Die Reflexe der Schuhverkäufer

Von Claudia Aigner
Das Märchen vom Aschenputtel ist ja womöglich gar nicht die bittersüße Geschichte von einem armen, unterprivilegierten Fuß, der gesellschaftlich aufgestiegen ist, nachdem er von einem Schuhfetischisten (der schließlich jede Fußbesitzerin genommen hätte, Hauptsache, ihr passt der Schuh) geheiratet worden ist. Das Ganze könnte einen ernsten orthopädischen Hintergrund haben.

Das österreichische Webverzeichnis! Aschenputtel - ein Plädoyer für den Maßschuh aus Meisterhand? Eine Werbung für die Schuster, die ihr Handwerk verstehen? Schließlich warnen die Gebrüder Grimm die allzu sorglosen Konsumentinnen eindringlich vor den Folgen schlecht sitzenden Schuhwerks: "Rucke di gu, Blut ist im Schuh." Nur der richtige Schuh führt zum Happyend. Der andere in die Chirurgie. Oder haben die Stiefschwestern etwa nicht, um sich in ein fragwürdiges Schönheitsideal hineinzuzwängen, an sich selber einen chirurgischen Eingriff vorgenommen, eine dilettantische Fußverkleinerung mit dem Küchenmesser?

Galerie Sur: Unausweichlich wie der Doppler-Effekt

Und dann gibt es noch Personen, wenn Frauen an ihnen vorbeigehen, dann müssen die Passantinnen nachher andere Schuhe anhaben als vorher. Das ist der Schuhverkäufereffekt, der natürlich mit dem Doppler-Effekt nicht das Geringste zu tun hat, obwohl es bei dem auch irgendwie ums Vorbeigehen geht, dass sich also das Eine und ein Anderes relativ zueinander bewegen und dass das gewisse Auswirkungen auf das Eine hat, zum Beispiel auf den Autofahrer, der zu schnell an einem Radarkistl vorbeifährt.
Walter Wegger (bis 7. April in der Galerie Sur, Seilerstätte 7) hat jedenfalls die Reflexe von Aschenputtels Prinz (oder die eines Schuhverkäufers). Als er in die Liebesszene zwischen Leda und dem Schwan hineinplatzte, konnte er nicht anders, als das Fräulein Leda, dem gerade der Zeus schwante und das ihm, dem Wegger, provokant die nackte Fußsohle entgegenstreckte, zu beschuhen. Sicher eine Reflexhandlung.
Andererseits: Zeus ist ja ein Meister ausgefallener Liebestechniken, die nicht immer auf Anhieb als solche zu erkennen sind. So war er ein gasförmiger Liebhaber, der die Io benebelt hat, sich nämlich als Nebelschwade getarnt hat (wie ein perfekt ans Wetter angepasster Undercover-Meteorologe). Oder er hat die Luftfeuchtigkeit noch mehr erhöht und sich bei der Danae wie die feuchte Fantasie eines Gärtners, also wie ein Regenguss aufgeführt.
Um jetzt keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die handelsübliche Imitation einer Regenwolke (die Gießkanne) ist nicht von der Goldregen-Episode inspiriert, sondern von rein botanischen Erfordernissen. Und da der Besuch eines Schwans nicht unbedingt auf Erotik schließen lässt, könnte Wegger durch Anbringung eines Schuhs an Ledas Fuß diskret darauf hinweisen, um welche Art von "Tierliebe" (so der verharmlosende Bildtitel) es sich da wirklich handelt. Immerhin haben Schuhe eine sexuelle Konnotation. Und Rubens Gemälde (das Wegger hier frech - oder "postmodern" - kopiert und um eine Fußbekleidung erweitert hat) ist jetzt gleich um einiges verständlicher.
Vielleicht träumt ja ein Maler so, der jeden Abend vorm Einschlafen noch in der Propyläen-Kunstgeschichte Bildln schaut. Und irgendwann fällt ihm der aufgeschlagene Bildteil auf die Nase und er schläft, von der Kunst narkotisiert, ein. Und verfängt sich surrealistisch in den Wirren der Kunstgeschichte. In Weggers schmissig gemalten Bildern (manchmal collagiert er aber auch Teile aus Postern auf) geht alles bedenkenlos ineinander über: Rubens in Humanic, ein Bernini-Engel in die Frisur von einer Grazie.
Und dabei kommen originelle, fantasievolle Welten heraus: Drei tanzende Massai werden wie Luftballone an der kurzen Leine gehalten. Von einer Figur, die in einem Kunstgeschichtebuch lebendig geworden ist. Von einem europäischen "Kulturmenschen" also. Freiheitsberaubung durch Kulturimperialismus. Und die dicke fette Fliege, die auf der Weltkarte draufpickt? Am Ende Beelzebub, der Herr des Ungeziefers höchstpersönlich, wie er leibt und sekkiert?
Es ist aber nicht so, dass ich nicht auch ein paar Bedenken hätte. Das Opus "Sex and Violence" (plakativ surreal) ist schon ein bissl übercodiert. Das World Trade Center (die "Erektion" Amerikas, die wirtschaftliche US-Potenz) explodiert zwischen den Beinen einer Maid, die, als ob's noch nicht genug wäre, einen Strichcode auf der Pobacke hat. Unermüdliche Fortpflanzungsmetaphern (ein Frosch, der selbstbewusst in einer Blüte hockt) und unzüchtige Anspielungen (ein Rennauto im Vollbesitz seiner PS). Und eine Klaviertastatur (ein Symptom der Kultur) macht eine Evolution zum Streichholz (ein Symptom der Pyromanie) durch. Ein Delirium.
Andreas Sven Mayerhofer optimiert ebenfalls das Bestehende. Er rettet die Welt vor jenem Design, das zum Benutzer unfreundlich ist. Und schenkt uns den Klopapierrollenhalter für Intellektuelle und Mobiltelefonierer, die auch an der Stätte der Verrichtung bloß eine Hand frei haben. Weil die andere besetzt ist (mit einem Buch oder mit Telekommunikation). Noch nicht ganz ausgereift (das freistehende Ding könnte einen "Bleifuß" vertragen - wegen dem Kippeffekt bei zu stürmischem Hinternputzen), aber ich bin sehr zuversichtlich. Die Lampe "Venusfalle" ist ja schon, wie sie sein soll. Der Köder, der auch Motten verführt: eine Glühbirne, die mit ihren Reizen (ihren Watt) nicht geizt, aber von einer ungewöhnlich ästhetischen Fußmatte, in der "phallische" Swarovski-Steine stecken, gedämpft wird. Eine sinnliche Schlafzimmerbeleuchtung.

Galerie Gerersdorfer: Eden - ein Wellnesscenter

Wahrscheinlich sind hier sogar die Gelsen Vegetarierinnen und schlürfen Nektar statt Blut. Die anderen Tiere, die zoologisch freilich nicht ganz einwandfrei sind (am ehesten Schweinslammhunde, Löwenbären und Känguru-Hasen), fressen jedenfalls sicher Dosenfutter (Veganer-Pedigree mit saftigen Tofustücken) und nicht die frei in diesem weltentrückten Paradies herumlaufenden Menschen. Oder muss man mittlerweile Wellness-FKK-Gebiet zum Garten Eden sagen (pardon: Outdoor-Wellnesscenter)?
Ja, man mag Anna Stangl Naivität vorwerfen können und ihrer "Pornografie" und den sodomitischen Szenen Jugendfreiheit. Ihre geradezu stereotyp lieblichen Frauen und Männer, die zwar über Nassrasierer verfügen, um laut Bildtitel "Liebesdienste" zu leisten, aber ansonsten völlig unzivilisiert sind (nackt und ohne Armbanduhr, ohne genaue Uhrzeit), und die sich in einer unschuldig obszönen, dekorativ sexuellen Bildwelt räkeln, haben ja wirklich keine "richtigen" Probleme. Aber gearbeitet ist alles so lustvoll und technisch raffiniert und die Stangl hat ein dermaßen erotisches Verhältnis zum Papier, dass man einfach nicht mehr wegschauen kann. Bis 9. April beim Gerersdorfer (Währinger Straße 12).

Erschienen am: 01.04.2005

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