| Salzburger Nachrichten am 1. Dezember 2005 - Bereich: Kultur
Ein Krokodil an der Wand Die olympischen
Winterspiele kommen nach Turin, Mario Merz ist schon dort. Dem
italienischen Künstler ist ein großzügiges neues Museum gewidmet.
Wolfgang MinatyTurin (SN). Turin rüstet sich. An allen Ecken, Enden und
Plätzen wird gewerkelt. Schließlich will man zu den Olympischen
Winterspielen im Februar 2006 herausgeputzt sein. Doch viele Bauten und
Plätze im Herzen der piemontesischen Hauptstadt, die - wie die Italiener
sagen - "per i Giochi" (für die Spiele) hätten fertig sein sollen, bleiben
staubig, dröhnend oder eingerüstet. Doch: Die Stiftung Merz ist makellos
fertig. Sie strahlt in Blütenweiß. Wir sind im Arbeiterviertel von Turin. Die Wäschestücke hängen wie die
Nationalfahnen über der Brüstung der Balkone. Die Farben sind verblasst,
aber der Himmel ist blau. Und mitten in diesem Viertel San Paolo hat Mario
Merz sein Museum haben wollen. Er hat noch alle Planungen begleitet, bis
zu seinem Tod vor zwei Jahren. Seither nimmt sich seine Tochter Beatrice
Merz der Stiftung an, deren Räumlichkeiten seit 1. Mai 2005 der
Öffentlichkeit zugänglich sind. Fast blendet der Bau, so hell strahlt er im Sonnenlicht in der Via
Limone. Er sieht aus wie neu, blitzblank, ist aber aus den 1930er Jahren.
Früher beherbergte er die Heizzentrale der gegenüberliegenden Fabrik, wo
die Nobelkarossen von Lancia gefertigt wurden. Die werden jetzt woanders
produziert, wie überhaupt das ganze Viertel seinen Charakter zu ändern
beginnt. Nur ein paar Straßen weiter, in der Via Modane, treffen wir abermals
auf Kunst. Dort hat sich 2002 die Stiftung Sandretto angesiedelt,
untergebracht in einem eleganten, kantigen Kubus, der mit hochkarätiger
Kunst von Doug Aitken bis Jeff Wall aufwartet. Dies ist ein gelungener
Kontrapunkt zur 1999 runderneuerten Städtischen Galerie für Moderne (im
Zentrum) und zum Schloss Rivoli, das draußen vor den Toren der Stadt in
schönem Ambiente Gegenwartskunst zeigt. Alles zusammen sind hier Meilensteine der aktuellen Kunstszene
versammelt, die Turin wie keine zweite Stadt in Italien zu bieten hat.
Dazu kommt, sozusagen als I-Punkt, noch die kleine, aber hochfeine, vom
Barock bis zum Futurismus reichende Sammlung des Ehepaars Agnelli, die
neben der alten Rennstrecke auf dem Dach des ehemaligen Fiat-Werkes
etabliert ist. Aber zurück zu Mario Merz. Außen fällt eine große Vertiefung auf, eine
Art Schwimmbassin, eine Riesenbetonwanne für die Öltanks, von denen nur
noch die kreisrunden Fundamente stehen - ein originell tiefsinniger Ort
für zusätzliche Ausstellungen und Aufführungen. In der Halle im Erdgeschoss ist Merz dann ganz bei Merz. Zwei Iglus -
Markenzeichen des 1925 in Mailand geborenen Künstlers, der nie Kunst,
dafür aber Biologie studiert hat. Die blieb immer sichtbar. Er baute seine
Iglus aus Materialien wie Erde, Schiefer und Reisig, durchsetzte sie mit
künstlichem Material wie Glas, Stahl, Neon. Er liebte die Gegensätze, also liebte er auch die Spirale, ein weiteres
Markenzeichen. In raumgreifenden elf mal elf Metern windet sie sich - ein
Tisch aus Glas - um einen Pfeiler der Heizhalle. Auch hier die
Widersprüche: rund und eckig, senkrecht und waagrecht, Anklänge an Gefahr
und Schönheit, Aufeinandertreffen von Organischem und Technik. Wen
wundert's, wenn nebenan ein Krokodil sozusagen die weiße Wand hoch läuft?
Hinter seinem Schwanz leuchtet bis zum Fußboden hinunter die berühmte
Fibonacci-Zahlenreihe 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, bei der jedes
Glied gleich der Summe der beiden vorangehenden Glieder ist. Spielerei? Sicherlich. Mario Merz hat gern mit evolutionären
Wachstumsprozessen experimentiert, ob sie sich in Zahlenprogressionen oder
anderen organischen Chiffren ausdrücken. So ist das Vermächtnis des
Künstlers Erinnerung und Vision zugleich - klug und großzügig präsentiert
auf 1400 Quadratmetern in drei Etagen. Mag Olympia kommen, Merz ist schon
da.Information: www.fondazionemerz.org |