Kunsthalle Krems: Arbeiten von Zbynek Sekal
Poetismus des Bildobjekts
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Seit der Niederschlagung des Prager Frühlings hatte der
Bildhauer Zbynek Sekal in Wien gelebt. 1923 in Prag geboren, verbrachte er
die Jahre 1941 bis 1945 in den Konzentrationslagern Theresienstadt und
Mauthausen. Er war Schüler von Frantisek Tichý und stand dem
Reduktivismus Ernst Fillas nahe. 1959 kam er das erste Mal nach Österreich
zu Karl Prantls internationalem Bildhauersymposion in St. Margarethen.
1969 emigrierte er über Berlin nach Wien, arbeitete in einem
Gemeindeatelier in Simmering bis zu seinem Tod 1998, geschätzt von einigen
wenigen, jedoch prominenten Befürwortern seiner tschechischen Variante der
"arte povera" wie Werner Hofmann, Alfred Schmeller, Otto Breicha und
Kristian Sotriffer. Er fand eine künstlerische "Heimat" in Christa Hauers
Galerie im Griechenbeisl, wo er ausstellen konnte, 1977 war ihm auch eine
Schau im Museum des 20. Jahrhunderts gewidmet und zuletzt kurz vor seinem
Tod in Brünn. 1984 erhielt er den Preis der Stadt Wien für sein sehr
konzentriertes plastisches Werk. Kristian Sotriffer hat nun für die
Oberlichthalle der Kremser Kunsthalle eine dem poetischen Werk des
Künstlers entsprechende Präsentation konzipiert, die bis 18. August in und
um einem weißen Einbau zu sehen ist. Dieser steht als offener Kubus schräg
im Raum und hat Nischen mit Parabeten und dazu angeordneten Podesten.
Selten ist der schwierig zu bespielende Saal so gut zur Geltung
gekommen und das so adäquat zu einem Werk. An den Eingangsbereich ist
Sekals "Toter Kopf" von 1957 gerückt, ein liegender Langschädel mit
geöffnetem Mund, der nicht nur an klassische Beispiele der Kunstgeschichte
gemahnt, sondern auch in der Moderne Parallelen zu Moore, Lehmbruck und
dem Beuysschen Kopf der "Haltestelle" von der Biennale in Venedig 1976
aufweist. Die kleinen Bronzen führen einen Werdegang vom Figuralen zum
Abstraken vor, wobei Elemente wie Brücken, Entgegnungen, Tore und ähnliche
sich verspannende Wechselbeziehungen von Blockelementen wichtig sind.
Besonders typisch für den Prager Plastiker sind aber die
zusammengesetzten Bildobjekte aus Holz, Metallen, Nägeln, die
intarsienartig und handwerklich ungeheuer exakt verwachsen - sie wirken
labyrinthisch und rätselhaft, die Affinitäten zu Franz Kafka, den Sekal
für einen Preßburger Verlag übersetzt hat, sind spürbar. Die Freude am
Material und am Werkprozess unendlicher Verklammerungssysteme zeigen die
Eigenheiten eines "angereicherten Minimalismus" (Sotriffer), die auch für
die experimentellen Gerüste oder Schreine aus Stäben gelten. Diese
Gebilde, die er nicht als "Käfige" - in Erinnerung an den Surrealismus
beim frühen Giacometti - benannt haben wollte, umfassen Fundstücke:
Scherben, afrikanische Fetische, Hölzer. Die geschichtsbeladenen
Materialien und das subtile Handwerk mahnen durch ihren Verlagsamungsakt
vor den Übeln der Wegwerfgesellschaft. Schwingend, allseitig ansehnlich,
machen sie den Rahmen zur Hauptsache, die Umhüllung wesentlicher als den
Kern. Eine sehr gelungene Retrospektive eines zu wenig bekannten Künstlers
zwischen den Welten.
Erschienen am: 06.08.2002 |
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