VON CHRISTA
DIETRICH E-MAIL: christa.dietrich@vn.vol.at
Brüssel (VN) Schöne Landschaft, Urlaub und was die Kultur
betrifft, eine Bühne auf dem Wasser - das sind die Elemente, mit
denen man europaweit die Region Bodensee in Verbindung bringt. Dass
dort auch qualitätsvolle moderne Kunst zu Hause ist bzw. entsteht,
erfährt man nun in Brüssel.
Dort, wo die Menschen aus den verschiedenen Ländern und Regionen
zusammenkommen - im Europaparlament Ö, hat der Abgeordnete Herbert
Bösch eine Ausstellung mit Arbeiten von vier Vorarlberger Künstlern
organisiert. Am Dienstagabend nahm Johan Colom INaval, Vizepräsident
des Parlaments, die Eröffnung vor.
In einem Gebäudekomplex, in dem jeder Ausstellungsquadratmeter
inzwischen bis Ende 2004 fix vergeben ist, bedarf es besonderer
Initiativen, um eine derartige Präsentation durchzusetzen, deren
Start schon zahlreiche Vertreter der EU-Staaten zum Besuch
animierte.
Herbert Bösch, als "Alpensozi" (so die Eigendefinition) ansonsten
vor allem mit Umwelt- und Wirtschaftsfragen beschäftigt, hat die
Ausstellung schon vor einiger Zeit angeregt, stieß bei der
Vorarlberger Berufsvereinigung bildender Künstler zwar auf
Interesse, aber schließlich auf Funkstilleundzogdie"Aktion" quasi im
Alleingang durch. Sabine Lingenhöle-Rainer war die erste
Ansprechpartnerin. Nachdem die vorwiegend grafisch arbeitende
Künstlerin den Bildhauer Christian Lutz vorschlug, der wiederum an
Ingo Springenschmid dachte, kam per Kettenreaktion mit Alexandra
Wacker ein Quartett zusammen, in dem nicht nur verschiedene
Positionen aktueller Kunst, sondern auch unterschiedliche Techniken
vertreten sind.
Nicht nur Gemüse
Nachdem die Reaktion vieler Anwesender mit dem Satz "Aha, das ist
ja moderne, nicht ortsspezifisch orientierte Kunst" zusammengefasst
werden kann, steht fest, dass in den Köpfen der Menschen immer noch
Klischeebilder existieren. Auf die Bodenseeregion bezogen, dominiert
hier Beschaulichkeit, verbunden mit guter Luft und schöner Natur.
Auch Herbert Bösch machte die Erfahrung, dass nicht einmal die
Bregenzer Festspiele als "die" Kulturveranstaltung der Region trotz
absolut internationaler Ausrichtung europaweit bekannt sind. Hier
wollte er
ansetzen und erlaubte sich in Bezug auf den nun auf der Insel
Reichenau lebenden Christian Lutz die reizende Bemerkung, dass so
mancher Boden nicht nur gutes Gemüse hervorbringt und dass
kulturelle Errungenschaften - die Reichenau mit ihren Schätzen aus
dem Mittelalter ist bestes Beispiel dafür - nicht nur auf vergangene
Epochen beschränkt sind.
Eine Visitenkarte
Verbunden mit einer sorgfältig erarbeiteten Dokumentationsmappe
ist diese knapp einwöchige Ausstellung eine gelungene
Vorarlberg-Visitenkarte mit Überraschungsfaktor, die weite Kreise
ziehen wird.
Dem Ausstellungstitel "Rationale und emotionale Spuren"
entsprechen alle Künstler. Anhand der Arbeit von Christian Lutz
lässt er sich schön erläutern, denn seine Bodenskulptur bzw.
Rauminstallation aus Gips mit ihrem verschlungenen Muster ist von
hohem ästhetischem Reiz. Die Form selbst basiert auf das Werfen
einer Münze, Kopf oder Zahl gaben die Richtung des mäanderartigen
weißen Bandes vor, die exakt nach der Vorgabe eingehalten wurde.
Ingo Springenschmids Sprachvisualisierungen führen hier zu einem
bodennah schwebenden, mit blauer Tinte getränkten und gefüllten
Objekt, das den Schriftzug NOON aus Plexiglas trägt. Ablesbar wird
damit eine bestimmte Tageszeit, auch Nein oder der Anfangsbefehl.
Die dunkle Tinte ist zugleich romantisches Symbol als auch aufgrund
ihrer kurzen Haltbarkeit ein Material, das - zudem kombiniert mit
weiteren Statements - zahlreiche rationale Elemente aufweist.
Sabine Lingenhöle-Rainers Zeichnungen haben erzählerischen
Charakter. Die Kombination von Menschendarstellungen mit Früchten,
die vielfältige Assoziationen (etwa auch bezüglich Sexualität,
Schönheit etc.) wecken, sowie beschriftete Kleidungsstücke, bei
denen die jeweilige Farbe eine besondere Rolle spielt, ergeben eine
frappierende Auseinandersetzung mit Sinn, Sinnlichkeit und
Identität.
Hier setzt auch Alexandra Wacker mit ihren Porträts nach Fotos
von Obdachlosen an. Triste Farbgebung und ein veränderter Ausdruck
erhöhen die Anonymität der Personen. Was bleibt sind Gesichter, die
einerseits den Blick für die Malerei an sich schärfen, auf der
zweiten Ebene aber als konkretes Statement auf Lebensumstände
hinweisen.